Wenn dem Drama das Trauma folgt: Oft heilt Reden

Von: Sabine Maurer, dpa
Letzte Aktualisierung:
trauma
Ein Trauma ist anfangs schwer zu verkraften - die Gedanken kehren immer wieder zum Erlebten zurück. Foto: dpa

Diez/Halle. Ein Mann erfährt, dass er Krebs hat. Ein Lokführer sieht noch den Menschen auf der Schiene, doch er kann nicht mehr rechtzeitig bremsen. Eine Frau wird auf dem Nachhauseweg vergewaltigt. Bei solchen Erlebnissen gerät die Welt für die Betroffenen innerhalb von Sekunden aus den Fugen - zurück bleibt ein seelisches Trauma.

„Es passiert mehr, als der Mensch mit seinem momentanen Erfahrungsschatz verkraften kann”, beschreibt es Prof. Friedrich Haux, Ärztlicher Direktor der Helios Klinik in Diez (Rheinland-Pfalz), zu der auch eine Fachklinik für Psychotraumatologie gehört. Das Geschehen löst intensive Gefühle aus, manchmal sogar Todesangst. Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Wunde - die Seele ist verletzt.

Ob und wie schnell sie heilt, hängt zum einen von dem Erlebnis ab. Außerdem geht jeder Mensch mit einem Trauma anders um. Das hängt von seiner Persönlichkeit, seinen bisherigen Erfahrungen und seinem sozialen Umfeld ab. Viele kommen ohne therapeutische Hilfe zurecht. Sie heilen sich selbst - am leichtesten, indem sie mit vertrauten Menschen über das Ereignis und ihre Gefühle sprechen.

„Ein stabiles soziales Netz, das einen auffängt, ist ein Schutz”, sagt die Psychotherapeutin Sabine Ahrens-Eipper, die in Halle gemeinsam mit Kollegen ein Hilfsprojekt für junge traumatisierte Menschen gegründet hat. Familie, Freunde und Kollegen eines Betroffenen sollten keinesfalls so tun, als sei nichts passiert, rät sie. Ein überbehütendes Verhalten ist aber auch nicht die Lösung. „Es ist immer gut zu fragen, wie es geht und ein offenes Ohr anzubieten.”

Nach Auskunft des Deutschen Instituts für Psychotraumatologie in Much (Nordrhein-Westfalen) verläuft ein Trauma in drei Phasen. Zunächst steht der Mensch unter Schock. Er ist verwirrt, schreckhaft und fühlt sich wie in Watte gepackt. Dieser Zustand kann eine Stunde lang dauern, aber auch eine Woche. „Die Menschen wollen meist zurück in ihren Alltag, sie funktionieren und gehen arbeiten”, sagt Karin Wagner vom Trauma- und Opferzentrum Frankfurt/Main.

Im nächsten Schritt - der Einwirkungsphase - beginnen die Menschen zu begreifen, dass ihnen das Erlebte wirklich passiert ist: Ihr Selbstverständnis ist erschüttert. So ist nach einem Einbruch das eigene Zuhause nicht mehr ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen. Nach einem Überfall wird ihnen klar, dass sie sich selbst nicht schützen konnten. Besonders schlimm ist es für die Betroffenen, wenn sie einer Situation völlig hilflos ausgeliefert waren. Noch einmal übler wird es, wenn ihnen das Leid von anderen zugefügt wurde und ihnen schlimmstenfalls andere Menschen nicht geholfen haben. Das ist weitaus schwerer zu verkraften als Naturkatastrophen und Unfälle.

„In dieser Einwirkungsphase erleben die Betroffenen das Ereignis in ihrem Kopf immer und immer wieder. Die Bilder überfallen sie regelrecht”, sagt Wagner. Sie sind überreizt, haben Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Hinzu kommt eine ausgeprägte Vermeidungstaktik: Wer etwa einen Verkehrsunfall hatte, fährt kein Auto mehr. Wer in der U-Bahn überfallen wurde, dem wird es schon an der Treppe zum Eingang schlecht. Und wer von einem Mann mit Bart vergewaltigt wurde, bekommt bei dem Anblick von ähnlich Bärtigen Schweißausbrüche und ergreift die Flucht.

Da bleiben Selbstzweifel und das Gefühl, verrückt zu werden, oft nicht aus. Schließlich weiß der Betroffene, dass die Situation vorbei ist und er nichts mehr daran ändern kann. „Die Seele hinkt bei der Verarbeitung dem Kopf hinterher”, erklärt Wagner. Wenn Traumatisierte wissen, dass ihre Gedanken und ihr Verhalten völlig normal nach einem Schock sind, haben sie es bei der Verarbeitung ihres Traumas deutlich leichter. Dieser Zustand dauert meist mehrere Wochen. Wenn alles gut geht, beginnt dann die Erholungsphase: Der Betroffene kann das Erlebte für sich annehmen und auch innerlich zurück in das normale Leben kehren.

Etwa ein Drittel der Traumatisierten allerdings erholt sich ohne therapeutische Hilfe nicht. „Bei diesen Menschen drehen sich die Gedanken immer wieder im Kreis um das Erlebte. Sie finden keine Lösung”, sagt Haux. Ein unverarbeitetes Trauma kann psychosomatische Krankheiten wie Migräne und Magengeschwüre, eine Sucht oder sogar Persönlichkeitsstörungen zur Folge haben. In solchen Fällen ist dann professionelle Hilfe nötig.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert