Vertrauenssache: Die schwierige Suche nach einem Psychotherapeuten

Von: Michael Draeke, ddp
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Hamburg/Rostock. Gestresst, schlaflos, ausgebrannt - immer mehr Menschen leiden an psychischen Erkrankungen. Doch sich viele Betroffene decken sich lieber mit Medikamenten ein als der Ursache ihrer Beschwerden auf den Grund zu gehen.

Mit Hilfe einer Psychotherapie lassen sich viele seelischen Leiden allerdings unter Umständen auch ohne Psychopharmaka bessern.

„Psychotherapie ist Anleitung zur Selbsthilfe”, betont Professor Sabine Herpertz, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Rostock.

Angesichts zahlloser unterschiedlicher Schulen und Therapieansätze ist die Orientierung für Laien allerdings schwierig. Die gesetzlichen Krankenkassen erkennen in Deutschland bislang nur drei psychotherapeutische Ansätze an, wie Professor Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, erläutert: die Verhaltenstherapie, die analytische Psychotherapie sowie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Die Kosten für andere Therapieformen wie systemische Therapien oder Gesprächspsychotherapien müssen die Patienten selbst tragen.

Die Verhaltenstherapie kommt laut Richter ebenso wie die analytische und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei der Behandlung eines breiten Spektrums von Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen zum Einsatz.

Tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie werden zudem häufig angewandt, wenn Patienten eine gestörte Beziehung zu sich selbst haben oder zu Mitmenschen. Für alle Methoden gilt derweil: „Im Zentrum steht immer das Gespräch zwischen Patient und Therapeut”, wie Richter betont. Wenn allerdings keine Besserung auftrete oder schwere Erkrankungen vorlägen, sollte auch eine kombinierte Behandlung mit Medikamenten erwogen werden, gibt die Psychiaterin Herpertz zu bedenken.

Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Therapeut und Patient ist deshalb wichtig. „Man muss sich gut aufgehoben fühlen”, betont Richter. Denn natürlich könne man nicht mit jedem Menschen über persönliche Dinge sprechen, nur weil er Therapeut ist. Von einem guten Verhältnis hänge zudem auch der langfristige Erfolg einer Behandlung ab, wie Studien ergeben hätten. Richter und Herpertz raten deshalb dazu, in den ersten Sitzungen darauf zu achten, ob genug Vertrauen und Sympathie entstehen. Andernfalls sollten Patienten sich nicht scheuen, einen anderen Therapeuten zu suchen.

In der Regel haben Therapeut und Patient fünf Probesitzungen lang Zeit, um sich gegenseitig kennenzulernen, Therapiemethoden zu besprechen und gemeinsam ein Behandlungsziel festzulegen. Am Ende stellt der Therapeut eine Diagnose und legt einen Therapieplan fest. Erst nach dieser Phase klärt sich auch, ob die jeweilige Krankenkasse die Kosten für eine weitere Behandlung übernimmt.

Überdies empfiehlt es sich, auf die Berufsbezeichnung des Therapeuten zu achten. Denn der Titel „Psychotherapeut” ist zwar gesetzlich geschützt, nicht aber der Begriff „Psychotherapie”. In einer „Heilpraxis für Psychotherapie” könnten deshalb zum Beispiel „Behandler” praktizieren, die keine anerkannte Ausbildung genossen hätten, sagt Richter.

Herpertz rät deshalb dazu, den behandelnden Therapeuten ganz offen zu fragen, welche Ausbildung er vorweisen könne und ob seine Behandlungsmethoden wissenschaftlich anerkannt seien. „Wenn er dazu wenig sagen kann, ist das ein schlechtes Zeichen”, sagt die Psychiaterin. Die Psychotherapeutenkammern empfehlen, darauf zu achten, ob der Therapeut über eine Approbation als „Psychologischer Psychotherapeut” oder als Arzt mit einer entsprechenden Weiterbildung verfügt.

Informationen zu anerkannten psychotherapeutischen Verfahren böten unter anderem die Krankenkassen, die Kassenärztlichen Vereinigungen oder die jeweiligen Landespsychotherapeutenkammern.

Seit vor gut zehn Jahren das Psychotherapeutengesetz in Kraft trat, unterliegen Psychotherapeuten ebenso wie andere Mediziner der Aufsicht von Berufskammern. Patienten, die sich von einem Therapeuten falsch behandelt fühlen, haben seitdem die Möglichkeit, sich bei den Landespsychotherapeutenkammern zu beschweren (Adressen unter: http://www.bptk.de).

„Selbst wenn nur ein Verdacht vorliegt, müssen die Kammern dem nachgehen”, betont Richter: „Vorher sollten die Betroffenen allerdings immer erst versuchen, mit dem Therapeuten selbst zu reden.”

Mitunter kann es allerdings schon schwierig sein, überhaupt einen Termin bei einem niedergelassenen Therapeuten zu bekommen. Insbesondere in Praxen mit Kassenzulassung gebe es selbst in Städten häufig Wartezeiten von mehreren Monaten, berichtet Richter. Falls die Kasse die Behandlung nicht zahle, würden im Durchschnitt Privathonorare in Höhe von etwa 80 Euro pro Behandlungsstunde berechnet.

Weiterführende Informationen

Auf der Website des „Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen” wird erklärt, wann eine Psychotherapie sinnvoll ist, wer sie ausführt und an wen sich Interessierte wenden können: http://www.bdp-verband.org/psychologie/psytherapie.shtml

Die Bundespsychotherapeutenkammer ist ein Zusammenschluss von zwölf Landespsychotherapeutenkammern. Patienten finden auf der Internetseite unter anderem Informationen zur Therapie, Unterstützung bei der Suche nach einem Therapeuten und Auflärung über rechtliche Fragen: http://www.bptk.de

Auch die „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)” bietet Informationen zum Thema: http://www.dgppn.de

Der „Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie” untersucht unter anderem die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren: http://www.wbpsychotherapie.de

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