Verloren zwischen den Kulturen: Migranten und Depression

Von: Katia Rathsfeld, dpa
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Günzburg. In Deutschland leben etwa 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Doch was bisher kaum bekannt ist: Viele leiden in ihrer neuen Heimat unter Depression und hegen Selbstmordgedanken. Das bleibt oftmals unentdeckt - bis es zu spät ist.

Mit zwölf Jahren kommt Nesrin (Name von der Redaktion geändert) aus Afghanistan nach Deutschland. In ihrer neuen Heimat versucht sie, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch ihre tiefreligiösen Eltern und die sieben Brüder wissen das zu verhindern. Mit 18 Jahren wollen sie die junge Erwachsene mit einem Cousin verheiraten. Als Nesrin davon erfährt, versucht sie in ihrer Verzweiflung, sich das Leben zu nehmen.

Erst jetzt wird Marc Ziegenbein an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie in Hannover auf sie aufmerksam. Denn Hilfe hat die Afghanin nie zuvor gesucht.

„Junge Frauen mit Migrationshintergrund sind die am meisten durch Suizid gefährdete Bevölkerungsgruppe”, sagte der stellvertretende Klinikdirektor bei der Tagung „Migration und Suizidalität” im schwäbischen Günzburg am Montag.

Meryam Schouler-Ocak, Psychiaterin an der Berliner Charité, zählt zu den Ursachen für Depressionen bei Migranten auch Einsamkeit, Heimweh und Statusverlust. Die Warnzeichen blieben meist unerkannt, wie auch im Fall von Nesrin. Grund dafür sei unter anderem, dass Migranten nur selten offen von ihren Beschwerden erzählten. Und wenn, dann nur auf Nachfrage.

„Viele deutsche Therapeuten erwarten, dass der Patient ihm einen Auftrag gibt”, betonte die türkischstämmige Psychologin Sevim Yilkin- Cetinkaya. „Türkische Männer und Frauen wiederum scheuen sich davor, einem Therapeuten einen Auftrag zu geben”, sagte die Expertin aus dem baden-württembergischen Wiesloch. So habe ihr ein älterer türkischer Mann einmal gesagt: „Sie wissen besser Bescheid, was für mich gut ist.”

Mit Migranten müsse man als Therapeut deshalb aktiver arbeiten, mehr fragen und die Patienten stärker leiten. „Sie erwarten das”, sagte Yilkin-Cetinkaya. Auch Klinikdirektor Ziegenbein hat diese Haltung bei türkischen Migranten beobachtet. So hätten Befragte einer Studie beispielsweise gesagt: „Türkische Ärzte sagen mir, was ich habe. Deutsche Ärzte wollen die Krankheit von mir wissen.”

Bis es überhaupt zu einer Behandlung kommt, vergeht häufig viel Zeit. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das zum einen an der Angst der Menschen vor einer Stigmatisierung liegt. „Sie haben Angst vor Gerede”, sagte Psychiaterin Schouler-Ocak. In Berlin beispielsweise gebe es eine große türkische Gemeinschaft, in der sich viele untereinander kennen. Da sei die Angst vor der Entdeckung groß.

Auch die Angst vor der Reaktion der Familie hindere viele am Besuch einer psychotherapeutischen Praxis. „Wenn, dann geht man zum Hausarzt”, erklärte die Ärztin. Dieser stelle unter Umständen jedoch die falsche Diagnose - beispielsweise ein Rückenleiden, das aber durch die psychische Erkrankung ausgelöst wurde.

Erst über Umwege gelangen diese Patienten dann an Therapeuten wie Sevim Yilkin-Cetinkaya. Und für einige hatte das „Outing” ihrer Krankheit auch positive Effekte. „Ich habe es schon erlebt, dass ein gewalttätiger Ehemann milder mit seiner Frau wurde und das Gespräch suchte, als er von ihrer psychischen Erkrankung erfuhr”, erzählte die Psychologin. Im Fall von Nesrin, dem afghanischen Mädchen, gab es keine Aussöhnung. Sie lebt mittlerweile alleine. Getrennt von der Familie, die sie einst kontrollierte.
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