Unerwartete Diagnose: Mit dem Unfassbaren umgehen

Von: Christiane Löll, dpa
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Lieber bei einem zweiten Termin in Ruhe nachfragen: Wenn Patienten zum ersten Mal von einer schweren Erkrankung erfahren, nehmen sie nur wenig Informationen auf. Foto: DAK/Schläger/dpa/tmn

Münster/Dresden. Manchmal trifft es einen wie ein Hammerschlag: Ein Besuch beim Arzt ergibt völlig unerwartet Hinweise auf eine ernste Erkrankung. Oder ein Anruf kommt, dass das eigene Kind einen schweren Unfall hatte. Viele Menschen reagieren auf solche Diagnosen oder Ereignisse zunächst schockiert. Was erwartet Betroffene in der ersten Zeit nach einer Diagnose, die sich anfühlen kann, als sei das alte Leben für immer zu Ende?

Verunsicherung, Angst, Wut oder Abwehr: Eine regelrechte „Schockstarre” befalle manche Patienten, wenn erstmals von einer Krebskrankheit die Rede ist, sagt die Psychoonkologin Andrea Schumacher aus Münster. Mediziner und Psychologen treffen in den Gesprächen über eine Krankheit aber auf eine breite Palette an Emotionen bei ihren Patienten oder den Angehörigen.

„Je nachdem, auf welchen Persönlichkeitstyp und in welcher Lebenslage einen Menschen so ein Ereignis trifft, ist die Intensität der Reaktionen natürlich sehr unterschiedlich”, ergänzt Hendrik Berth von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum in Dresden.

Im ersten Gespräch werden kaum Informationen aufgenommen: Den meisten Menschen ist eins gemeinsam. „Die Aufnahmekapazität für Informationen ist im ersten Gespräch nicht besonders groß”, erklärt Schumacher. „Feine Unterschiede, die aber erheblich sein können, werden oft gar nicht wahrgenommen, vor allem wenn die Menschen sehr stark emotional berührt sind.”

So planten manche im Geiste gleich ihre Beerdigung, obwohl sie eigentlich einen gar nicht so bösartigen Tumor in sich tragen. „Und andere verdrängen, wie ernst die Lage ist und tun so, als ob sie einen schlimmeren Schnupfen haben”, beschreibt die Ärztin, die Vorsitzende der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie ist.

Ähnliches erlebt auch der Kinderarzt Axel von der Wense, Chefarzt der Intensivabteilung des Altonaer Kinderkrankenhauses in Hamburg: „Man muss davon ausgehen, dass maximal 20 Prozent der Infos aus dem ersten Gespräch überhaupt zu den Eltern durchdringen.”

Einen Angehörigen, Freund oder Kollegen mitnehmen: Die Experten empfehlen, sich möglichst zu den Gesprächen noch einen Angehörigen, Kollegen oder Freund hinzuzuholen. Betroffene sollten sich trauen, nach einem Folgegespräch zu fragen sowie nach Broschüren oder Internetadressen zum Thema, rät von der Wense.

„Ideal ist es, wenn alle gesammelten Informationen zur Sprache kommen, da es im Internet oft zu viele Infos gibt, die für die Betroffenen schwer einzuordnen sind.”

Wichtig ist es dem Kinderarzt zufolge auch, sich Fragen zu notieren und zu sammeln, damit sie nicht vergessen gehen. Und er rät: „Lieber einen Termin mit ein paar Tagen Abstand ausmachen, als die Ansprechpartner nur zu erwischen, wenn sie in Eile sind.”

Im Krankenhaus könnten Eltern auch den Wunsch äußern, eine feste Bezugsperson zu bekommen, der sie vertrauen. „Im Zweifelsfall erfahren Patienten und Angehörige nämlich bei verschiedenen Ansprechpartnern zu viele Details, die nur verwirren.”

Viele Patienten spüren einen Kontrollverlust: Die Unsicherheit des Lebens werde den meisten Menschen bewusst, wenn sie mit einer unerwarteten Diagnose konfrontiert werden, sagt Schumacher. „Der berühmte Ziegelstein, der einem auf den Kopf fallen kann, bekommt eine andere Dimension, wenn man so etwas hautnah erlebt.”

Viele Patienten spürten einen Kontrollverlust, und es sei für viele unklar, wie stark sie nun ihr Leben umkrempeln müssen. Das fange schon mit der einfachen Frage an: Kann ich morgen zur Arbeit gehen?

„Ganz wichtig ist es, sich Vertrauenspersonen zu suchen”, rät Schumacher. „Und die sollten darauf achten, dass der Patient Dinge tut und entscheidet, die ihm wirklich gut tun.”

Für viele Menschen spiele die Religion eine Rolle. „Wir versuchen, Patienten den Kontakt beispielsweise zu einem Seelsorger zu ermöglichen, egal welcher Religion sie angehören. Das hilft aber in erster Linie Menschen, die vorher auch schon einen Glauben hatten”, sagt Berth.

Die Experten versuchen, die Betroffenen so viel wie möglich einzubinden: Welche Untersuchungen fehlen noch? Welche Klinik, welche Therapie ist geeignet? „In den ersten Tagen ist es oft wichtig, den Patienten und Angehörigen zu sagen Es kann jeden treffen - das nimmt ihnen mögliche Schuldgefühle”, fügt Berth hinzu.

„Aber wenig später sollte die Nachricht kommen: Du kannst etwas tun, Du bist nicht ausgeliefert.” Das könnten Dinge sein wie die Ernährung umzustellen. Es sei wichtig, Menschen den Glauben daran zu geben, dass sie auch in schwierigen Situationen selbst handeln können.
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