Seeshaupt/München - Träume: Die Suche nach Lösungen für das Leben

Träume: Die Suche nach Lösungen für das Leben

Von: Sylvia Buckl, ddp
Letzte Aktualisierung:

Seeshaupt/München. Helena Schmidt (Name geändert) hat ein fast perfektes Gebiss. Kaum eine Füllung und weiße Zähne. Und trotzdem träumte die 40-Jährige davon, dass ihr die Zähne ausfallen, einer nach dem anderen bröckelte ihr aus dem Mund.

Noch immer rätselt sie, was dieser Traum zu bedeuten hat. Um die Gesundheit ihrer Zähne muss die Frau sich keine Gedanken machen. Um ihre Seele vielleicht schon.

„Wir verarbeiten im Traum das, was uns bewegt oder bewegen soll in einer Gleichnissprache”, sagt die Psychotherapeutin Ortrud Grön, die in Kurz- und Langzeittherapien jahrelang mit Träumen der Patienten arbeitete und zahlreiche Bücher zur Bedeutung von Träumen veröffentlicht hat.

Nach ihrer Lesart fallen einem Menschen im Traum Zähne aus, „wenn er seine Probleme nicht ausreichend kaut, um sie verdauen zu können”. Grön sieht Träume als mögliche Lebenshilfe, sie forderten den Menschen dazu auf, über sich nachzudenken: „Sie helfen uns zu erkennen, was uns Zufriedenheit bringt und was in uns Leben zerstört.”

Die Traumsymbole sind so vielfältig wie das Leben selbst. Der Traum nutze „alle Bilder der Welt als Symbole, als Gleichnis für seelisch-geistige Prozesse”, sagt Grön. Tiere zum Beispiel: Vögel spiegelten unser Freiheitsverhalten, Krokodile unsere Aggressivität.

Auch Gegenständliches hat Bedeutung: Häuser zeigten uns, wie wir in uns selbst wohnen, Autos stünden für unsere Selbststeuerung und Wasser beschreibe den klärenden Kreislauf unserer Gefühle, erläutert Grön. Ein abstürzendes Flugzeug zeige, dass man nicht mehr Pilot seiner Freiheit war, ein Stein besage: In einem selbst ist noch etwas versteinert. Ein Lastwagen weise auf Lasten hin, mit denen man noch unterwegs sei.

Doch Träume sind nicht so einfach zu interpretieren wie Figuren beim Bleigießen an Silvester, sondern vielschichtig. Viele Menschen träumen zum Beispiel irgendwann einmal im Leben davon, zu fliegen. Das könne eine Aufforderung sein, Leichtigkeit im Leben zu gewinnen, meint die Traumforscherin. Es kann aber auch ein Zeichen sein, dass man die ersehnte Befreiung gefunden hat.

Schon der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, sah in seinem 1900 erschienenen Buch „Traumdeutung” den Traum als „Königsweg zum Unbewussten”. Er ging auch davon aus, dass Träume Wünsche repräsentieren.

Psychologen heute schließen sich dem an: Der Traum sei ein „Ausdruck von Wünschen und Sehnsüchten, mit denen wir im Konflikt liegen und für die wir Lösungen suchen”, schreibt Almuth Sellschopp, Psychologin an der TU München in einem Aufsatz über „Tiefenpsychologische Aspekte des Traumes”. Selbst in Angstträumen sei die Wunschseite vorhanden, „als Wunsch, die Angst zu meistern”. Die Suche nach Lösungen für das Leben nimmt man also in den Schlaf mit.

Und dazu gibt es reichlich Gelegenheit: Nach den Erkenntnissen der modernen Forschung träumt man in allen REM-Phasen, jenen Schlafphasen, in denen sich die Augen schnell bewegen. Man träume mindestens fünfmal pro Nacht, weiß Michael Wiegand, der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums München. „Es gibt keine traumlosen Nächte - auch wenn es Menschen gibt, die Stein und Bein schwören, sie würden nicht träumen.”

Mit sogenannten PET-Geräten können die Forscher den Stoffwechsel und damit die Aktivität des Gehirns messen. Dadurch haben sie herausgefunden, dass Träume morgens am intensivsten sind und im Traum die Gehirnteile aktiv werden, die für Gefühle, Erinnerung und Gedächtnis zuständig sind.

Im Traum sei der „Gedächtnisspeicher weit offen”, es gelinge dann, „Szenen aus ganz verschiedenen Lebensabschnitten, unterschiedlichste Menschen, Räume und Ereignisse in ein Bild zu bringen”, sagt Psychologin Sellschopp. „Das Frontalhirn, in dem der kritische Verstand, die Vernunft und die Logik ansässig sind, arbeitet dagegen überhaupt nicht, wenn wir träumen”, sagt Forscher Wiegand. Deshalb hat man oft das Gefühl, wirres Zeug geträumt zu haben. Wenn man sich überhaupt erinnert. Denn 99 Prozent der Träume vergisst man wieder.

Ortrud Grön rät, Träume nach dem Aufwachen gleich aufzuschreiben, notfalls auch mitten in der Nacht. Sonst gingen wichtige Details verloren. Details, die manchmal tief aus dem Kämmerlein der Erinnerung stammen können. Und die vielleicht auch Helena Schmidt helfen könnten, den Traum mit ihren ausgefallenen Zähnen richtig zu deuten.
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