Tödliche Gefahr der Grippe wird unterschätzt

Von: Inge Treichel, dapd
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Zur Impfung raten die Experten vor allem den Risikogruppen. Dazu werden ältere Menschen über 60 und chronisch Kranke gezählt und in diesem Jahr erstmals auch Schwangere, weil bei ihnen ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe beobachtet wurde. Foto: ddp

Berlin. Zurzeit grassieren Schnupfen, Hals- und Kopfschmerzen, Husten und Fieber. Die richtige Grippewelle aber sieht anders aus: Sie haut einen sofort um. „Innerhalb von ganz kurzer Zeit geht es einem sehr schlecht, man hat sehr hohes Fieber schwere Kopf- und Gliederschmerzen.”

doch noch sei keine Welle Sicht, sagt die Sprecherin der Bundesgesundheitsbehörde Robert-Koch-Institut, Susanne Glasmacher.

Seit einigen Wochen kann man sich gegen Grippe impfen lassen. In diesem Jahr wird befürchtet, dass die Menschen die tödliche Gefahr völlig unterschätzen - hauptsächlich deswegen, weil die Schweinegrippe entgegen den Vorhersagen relativ glimpflich verlaufen ist.

Schon vor dem Ausbruch der Schweinegrippe forderte die Grippe mit anderen Virenstämmen in Deutschland Tausende Tote - nach offizieller Schätzung jedes Jahr 8000 bis 10.000. Schon wenige Stunden nach Ausbruch der Krankheit können Patienten an einer Lungenentzündung sterben. Tödlich können auch durch Grippe verursachte Hirnhaut- und Herzmuskelentzündungen sein. Gefürchtet sind auch bakterielle Superinfektionen vor allem bei Immungeschwächten.

Bundesweit werden derzeit nur einzelne Grippe-Erkrankungen gemeldet. Dem Robert-Koch-Institut wurden für die 41. Kalenderwoche sechs Fälle von Grippe-Infektionen mit dem A-Virus und zwei mit dem B-Virus gemeldet. Das sei für die Jahreszeit normal, sagte RKI-Sprecherin Glasmacher.

Dennoch raten die Institute dringend dazu, sich schon jetzt gegen Grippe impfen zu lassen, zumal der Schutz erst nach 10 bis 14 Tagen aufgebaut ist. Die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) in Jena meint, optimal für die Impfung sei die Zeit von September bis November, da die ersten Grippefälle meist im Dezember auftreten.

In den Arztpraxen ist die Nachfrage nach der Impfung derzeit normal, wie zum Beispiel Frank Fechteler, der in Berlin eine Hausarztpraxis hat, der Nachrichtenagentur dapd sagte. Natürlich könne es einem nach der Impfung erst einmal schlecht gehen: „Aber der Nutzen der Grippe-Impfung ist viel, viel größer als die im Vergleich äußerst geringen Nebenwirkungen”, sagte Fechteler.

Wegen der Aktivierung des Immunsystems können Krankheitssymptome wie bei einer grippalen Infektion auftreten. Diese würden innerhalb von ein bis drei Tagen abklingen, erklärt das Paul-Ehrlich-Institut, das den von ihm zugelassenen Impfstoff als sehr gut verträglich bezeichnet.

Einen 100-prozentigen Schutz vor der Grippe bietet er allerdings nicht. Das Institut hat bei einer Studie eine Wirksamkeit von 70 bis 90 Prozent bei jüngeren Menschen festgestellt, bei Älteren liegt diese nur bei 70 Prozent, weshalb für diese ein Impfstoff mit Wirkverstärker zur Verfügung steht.

Impfquote in Krankenhäusern nur bei 20 Prozent

Zur Impfung raten die Experten vor allem den Risikogruppen. Dazu werden ältere Menschen über 60 und chronisch Kranke gezählt und in diesem Jahr erstmals auch Schwangere, weil bei ihnen ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe beobachtet wurde.

Ein erhöhtes Ansteckungsrisiko haben auch Menschen an Arbeitsplätzen mit viel Publikumsverkehr und engem Kontakt zu Kranken und Pflegebedürftigen. Bei Beschäftigten der Krankenhäuser liegt die Impfquote aber nur bei durchschnittlich 20 Prozent, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln auf dapd-Anfrage sagte. Mit der Verteilung von Informationsblättern an Kliniken und Pflegeheimen will die BGzA die Bereitschaft zur Impfung stärken.

Der aktuelle Impfstoff ist „trivalent”, das heißt, er schützt vor drei Virusstämmen der Kategorie A und B. Darunter ist auch der Schweinegrippe-Erreger Influenza-A-(H1N1)-Virus, der Impfstoff enthält aber anders als während der Pandemie keine Wirkverstärker.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte empfohlen, das Pandemievirus in den saisonalen Grippe-Impfstoff aufzunehmen, weil es weltweit weiter zirkuliert. Die Gesundheitsbehörden halten es sogar für möglich, dass er für die meisten Grippefälle dieser Saison verantwortlich sein wird, obwohl viele bereits dagegen geschützt sind.

Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut sieht jedenfalls für eine Entwarnung bei der Schweinegrippe keinen Anlass: Zwar sei die Grippewelle weniger schwerwiegend als befürchtet verlaufen. Immerhin aber seien bis April dieses Jahres insgesamt 226.137 laborbestätigte Infektionen mit dem A-(H1N1)v-2009-Virus gemeldet worden, darunter 253 Todesfälle.

Nach der Infektion und nach der Impfung gegen Schweinegrippe haben viele einen bis heute andauernden Schutz gegen eine Infektion erworben. Das RKI geht davon aus, dass bis zu 44 Prozent der Bevölkerung schützende Antikörper gegen das Virus haben. Demnach wäre nicht mit einer vergleichbar raschen Ausbreitung wie im Herbst 2009 zu rechnen.

Trotzdem empfiehlt die Impfkommission eine neue Impfung gegen Schweinegrippe. „Es ist zu erwarten, dass durch die Auffrischung der Impfung der Schutz vor einer erneuten Infektion mit dem Influenza A(H1N1)v 2009 Virus verbessert wird.” Außerdem schützt der Dreifach-Impfstoff ja auch vor zwei weiteren Grippe-Erregern.

Theoretisch könnte auch der nur gegen Schweinegrippe wirksame Impfstoff mit Wirkverstärker erneut zum Einsatz kommen: Ein großer Teil der Vorräte ist noch bis Mitte oder Ende 2011 haltbar. Laut RKI hat der zuständige Ausschuss der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) empfohlen, den Schweinegrippe-Impfstoff weiter zuzulassen, nachdem die WHO die Pandemie im August für beendet erklärt hat. Voraussetzung für den Einsatz ist die Zustimmung durch die EU-Kommisson, wie die Ständige Impfkommission in Berlin sagt.

Die Bundesländer sitzen noch auf über 28 Millionen Impfdosen gegen die Schweinegrippe. Sie hatten 34,0 Millionen Impfdosen für 283,2 Millionen Euro angeschafft. Rund 5,7 Millionen Menschen ließen sich impfen. Die zum größten Teil zentral gelagerten Vorräte dienen nun als „Notfallreserve”, wie die Sprecherin des niedersächsischen Gesundheitsministeriums, Heinke Traeger, sagt.
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