Streit über den Kaffee: Wenn alte Menschen plötzlich grantig werden

Von: Christiane Löll, dpa
Letzte Aktualisierung:
oma
Unwirsch oder aggressiv? Der Umgang mit Älteren ist für Angehörige nicht immer leicht. Eine Demenz kann eine mögliche Ursache für das Verhalten sein. Foto: dpa

Köln/Bonn. Das Alter stimmt nicht jeden milde: Oft werden Senioren boshaft oder aggressiv. Dahinter können Krankheiten oder Unzufriedenheiten stecken. Damit nicht jedes Gespräch zum Wortgefecht wird, können sich Angehörige beim Pflegedienst oder Psychotherapeuten beraten lassen.

Viele böse Worte, weil der Kaffee nicht schmeckt oder die falsche Bettwäsche aufgezogen ist: Angehörige von älteren Menschen wundern sich manchmal, warum diese auf einmal grantig, misstrauisch oder sogar aggressiv reagieren. Streitigkeiten tauchen auf, die eigentlich als beigelegt galten. Jahrelang unterschwellige Konflikte entladen sich vielleicht darin, dass die Älteren die Jüngeren beschimpfen. Schwierig kann es werden, wenn der ältere Mensch gepflegt werden muss und es immer wieder zum Streit kommt. Doch woher kommt dieses Verhalten, und wie können Angehörige damit umgehen?

„Tritt so ein aggressives Verhalten auf, plötzlich oder zunehmend, so müssen die Angehörigen als erstes herausfinden, was dahinter steckt”, sagt die Pflegeexpertin Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln. Eine Reihe von körperlichen, psychischen oder sozialen Gründen könnte die Ursache sein.

„Oft wird beispielsweise übersehen, dass ältere Menschen Schmerzen haben, manchmal so diffus, dass sie nicht äußern können, wo genau. Leiden sie an einer chronischen Krankheit wie beispielsweise Rheuma, werden die Schmerzen manchmal gar nicht mehr ernst genommen”, sagt Sowinski. Sie empfiehlt daher, von einem Arzt klären zu lassen, wie solche Schmerzen behandelt werden können.

Aggressive Verhaltensänderungen gehören darüber hinaus zu den Symptomen, die bei einer Demenzerkrankung auftreten können. „Gerade am Anfang einer Demenz, wenn die Menschen bemerken, dass sie vergesslich werden und sich nicht mehr so gut zurecht finden, kann dies zu Schuldzuweisungen und Beschimpfungen führen”, sagt Sowinski.

Nicht jeder Demenzkranke neige aber zu Aggressionen, und umgekehrt sei nicht jede verbale Aggression als Ausdruck einer Krankheit zu verstehen, sagt Professor Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn. „Generell haben viele Menschen im Alter Probleme, sich sozial anzupassen, zum Beispiel ihren Ärger hinunter zu schlucken”, sagt Maier. Oft zögen sie sich deshalb - sozusagen zu ihrem eigenen Schutz - zurück. Manchmal sei dieses Verhalten aber auch das erste Anzeichen einer Frontalhirndemenz.

Zuständig für die Hemmung jeglichen Verhaltens sei im Gehirn das Frontalhirn. Dessen Funktion sei im Alter durch Veränderungen in der Struktur zunehmend eingeschränkt, bei bestimmten Demenzerkrankungen sei dies besonders ausgeprägt. „Leider kann es dann auch den liebenswürdigsten Menschen treffen, der plötzlich unwirsch wird”, sagt Maier, der Sprecher des Kompetenznetzes Demenzen ist.

Ob nun eine Demenz vorliegt oder nicht - die Experten führen aggressives Verhalten bei Älteren in erster Linie auf Situationen zurück, die sie überfordern und nicht nachvollziehen können. „Es ist oft Zeichen einer Hilflosigkeit und des Gefühls der Abhängigkeit von anderen, dem sie zunächst nichts anderes entgegen setzen können, als beispielsweise zu schreien”, erklärt Rolf Höfert, Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbandes. „Dafür muss man Verständnis haben.”

Teils verspüren Angehörige die Neigung, den grantigen Alten Medikamente verschreiben zu lassen, etwa zur Beruhigung. Davon rät Maier zunächst aber ab. Er empfiehlt den Angehörigen, nachzufragen und zu überprüfen, ob an der Lebenssituation des älteren Menschen etwas geändert werden könne, um ihn zu entlasten: „Hat er oder sie hinreichend Sozialkontakte? Fühlt er oder sie sich verstanden? Erfährt der Mensch genügend Zuwendung? Wird mit ihm oder ihr angemessen gesprochen? Lebt er in einer geeigneten Wohnung?” Wichtig sei auch, die Älteren nicht zu viel mit ihren Defiziten zu konfrontieren, etwa einer zunehmenden Vergesslichkeit.

„Es ist oft schwierig, mit einem Menschen umzugehen, der viel oder nur noch meckert”, sagt Sowinski. Doch es habe sich gezeigt, dass es besser ist, wenn der Gesunde dem Kranken Verständnis entgegen bringt und auch einmal mit dessen Gefühlen „mitschwingt”. „Die Älteren merken, es geht nicht mehr so gut wie früher, sie fühlen sich einsam, weil Freunde oder Partner schon tot sind, es ist ihnen vielleicht langweilig und sie fühlen sich nicht gebraucht, oder sie haben finanzielle Sorgen wegen einer kleinen Rente”, sagt die Psychologin.

Auf die Stimmung drücke auch das Gefühl einer schlechten Lebensbilanz. Der ältere Mensch befürchte dann, sein Leben habe sich nicht gelohnt. „Wenn man immer nur sagt Das wird schon oder Jetzt sieh doch auch mal das Gute, fühlten sich die Menschen nicht ernst genommen und werden noch unwirscher”, so Sowinski.

Dennoch sollte jeder Angehörige für sich überlegen, wie viel Kraft er für die Pflege oder Begegnungen mit den Älteren hat, wenn es immer wieder zum Streit kommt, sagt Höfert. Möglicherweise könne ein professioneller Pflegedienst eingeschaltet oder die Betreuung auf mehrere Menschen verteilt werden. Hilfreich seien auch psychotherapeutische Angebote für die Angehörigen, um mit der Belastung und der Beziehung zu den Älteren klar zu kommen. Dieses seien wesentliche Faktoren, um eine Eskalation - oder im Extremfall körperliche Gewalt - zu verhindern.

Zu professioneller Hilfe für die Angehörigen rät auch Sowinski: „Merkt man, dass vor allem ungelöste Konflikte mit dem Vater oder der Mutter das Zusammensein erschweren, sollte man gegebenenfalls selbst eine Therapie anfangen, denn viele Dinge lassen sich gerade mit Demenzkranken leider nicht mehr klären.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert