Standards für Behandlung psychischer Erkrankungen über das Internet

Von: Susanne Donner, dapd
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Es sind nur wenige Klicks bis zur Onlinediagnose. Foto: dapd

Heidelberg/Berlin. Leiden Sie an Schlafstörungen? Wären Sie manchmal lieber tot als lebendig? Es sind nur wenige Klicks in einem Selbsttest bis zur Onlinediagnose „Depression”. Auf derselben Webseite gibt es prompt die Therapie. Ein Computerprogramm ersetzt das Couchgespräch mit dem Therapeuten, so zumindest hat es den Anschein.

Deprexis, Beating the blues, Fearfighter und Moodgym heißen entsprechende kommerzielle Selbsthilfeprogramme für den Surfer. Experten stellen jedoch die Wirksamkeit der Psychokur aus dem PC teilweise in Frage. Sie warnen vor mangelndem Datenschutz und einer Missachtung der ärztlichen Pflichten. Jetzt wollen sie Mindestanforderungen formulieren.

„Ich habe vor zwei, drei Jahren zum ersten Mal mit großer Begeisterung von solchen Internettherapien gehört”, erinnert sich der Psychiater Mathias Berger vom Universitätsklinikum Freiburg. Damals habe er noch nicht die Problematik gesehen. Jetzt appelliert er an seine Kollegen, eine Stellungnahme zu „diesem Graubereich” abzufassen.

Fürchten die Therapeuten lediglich um ihre Klientel? Das Urteil von Thomas Bär, wissenschaftlicher Referent der Bundespsychotherapeutenkammer, fällt durchaus differenziert aus: „Leider ist es so, dass es zwar schon relativ viele Studien gibt, die aber leider methodisch nicht die Standards halten können, die wir aus der Psychotherapieforschung kennen”, stellt er fest.

Viele Studien fraglich

Oft wisse man gar nicht, wer an den Studien zur Internettherapie teilgenommen hat, ob es sich tatsächlich um einen Patienten oder nur um die neugierige Journalistin handelte. Im Internet wird keine ärztliche Diagnose gestellt. Manchmal geht der Teilnahme ein Fragebogen voraus; manchmal kann einfach mitmachen, wer mag. „Drei Studien habe ich gefunden, bei denen man zumindest, wenn man ein Auge zudrückt, klinische Rückschlüsse ziehen kann”, berichtet Bär. Eine Studie zu Internettherapie gegen Angst und Depression, eine zweite zu Depression, eine dritte zu sozialer Phobie.

Bei allen besserten sich die Symptome der Betroffenen, allerdings nur in geringem bis moderatem Umfang, referiert Bär. Die Psychokur am PC fällt hinter der klassischen Psychotherapie deutlich zurück. Bär führt das unter anderem auf die hohe Zahl der Abbrecher zurück. Nach einer Untersuchung von Esther de Graaf an der niederländischen Universität Maastricht beenden lediglich drei Viertel der Patienten die erste Onlinesitzung. Nur ein Fünftel hält bis zur achten Sitzung durch.

Die Ergebnisse fallen besser aus, wenn ein Betreuer im Hintergrund die Antworten des Patienten zeitweise moderiert und ihn motiviert. Die Zahl der Aussteiger nähert sich dann mit einem Drittel der klassischen Psychotherapie an. In einer Veröffentlichung mit dem ketzerischen Titel „Do we need a therapist?” kommt Nickolai Titov von der University of New South Wales in Sydney zu dem Schluss, dass Anwender, die die virtuelle Therapie durchhalten und dabei von einem Coach virtuell betreut werden, durchaus davon profitieren. In einer im Oktober veröffentlichten Untersuchung wertete er 22 verschiedene Studien aus. Die internetbasierten Therapien sei ähnlich wirksam wie herkömmliche Psychotherapien, resümiert Titov.


Betreuer ist empfehlenswert

„Ohne einen Betreuer im Hintergrund kann man das aber nicht wirklich empfehlen”, betont Bär. Er hält es auch für problematisch, dass die Programme nicht auf individuelle Besonderheiten der Betroffenen Rücksicht nehmen. Darin liegt ein gewichtiger Unterschied zwischen Mensch und Maschine.

Wesentlich positiver bewertet Bär dagegen E-Mail- und Videotelefonie-Therapien, bei denen der Patient mit seinem Therapeuten online kommuniziert. Meist müssen begleitend Handbücher gelesen und Hausaufgaben erledigt werden. Im Unterschied zur Internetbehandlung ohne Therapeut gibt es Bär zufolge hierzu bereits eine Fülle aussagekräftiger und auch methodisch sauberer Studien. Die Zahl der Abbrecher liegt niedriger. Die Wirksamkeit der Behandlungen in Chatgruppen, über E-Mails oder via Videotelefon reicht an die klassische Psychotherapie heran, auch wenn sie tendenziell eher etwas schlechter abschneiden.

Sorge um Datenschutz

Stephanie Bauer von der Forschungsstelle für Psychotherapie der Universitätsklinik Heidelberg hat in diversen Projekten positive Erfahrungen mit der virtuellen Psychotherapie gemacht. In einer Studie mit den Panorama Fachkliniken Scheidegg wurden 114 Patienten nach der Entlassung in einem Chatforum weiter betreut. Sie mussten beispielsweise regelmäßig Fragebögen zu ihrem Befinden beantworten und mit einem vertrauten Therapeuten besprechen.

75 Prozent konnten so den Gesundheitszustand nach der Entlassung halten, während es bei der auf sich allein gestellten Kontrollgruppe nur 61 Prozent waren. Doch die Seelsorge aus der Ferne ist kein Garant für Heilung, stellt Bauer klar. „Rückfälle und neuerliche ambulante Therapien bleiben trotzdem nicht immer aus.”

Die Experten treibt außerdem noch eine andere Sorge um. Persönliche Daten von Patienten werden in großem Stil via Internet ausgetauscht - was, wenn sie in die falschen Hände geraten? „Die gebräuchlichen Kommunikationsmittel kann man dafür nicht benutzen, ohne sie den Erfordernissen des Datenschutzes anzupassen”, warnt der Fachanwalt für Sozialrecht Christian Dierks aus Berlin.

Programme zur Behandlung von Patienten seien im Übrigen Medizinprodukte, die entsprechend zertifiziert werden müssten. Der Behandlung müsse eine Diagnose vorausgehen und eine Aufklärung des Patienten, erklärt Dierks weiter. Es sei unerlässlich, dass zunächst ein Arzt den Patienten zu Gesicht bekomme, bevor der den Knopf „Therapie starten” auf seinem Monitor drücke.
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