Schmerzen durch Gedanken vertreiben: Biofeedback ist kein Hokuspokus

Von: Nina C. Zimmermann, dpa
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Biofeedback
Beim Biofeedback messen Sensoren verschiedene Körperfunktionen - am Bildschirm werden diese sonst unbewussten Werte für den Patienten sichtbar. Foto: dpa

Krefeld. Es klingt ein bisschen nach Uri Geller: Allein mit der Kraft der Gedanken sollen Patienten beim Biofeedback den Schmerz besiegen. Hokuspokus ist diese Methode aber keineswegs: Für Menschen mit chronischen Rückenbeschwerden oder Migräne kann sie eine sinnvolle Alternative zu herkömmlichen Behandlungen sein.

Aber auch Bluthochdruck, Angststörungen oder Inkontinenz lassen sich durch die bewusste Steuerung des Körpers besser in den Griff kriegen. Mit Hilfe des Computers sollen Patienten dabei lernen, in der Regel unbewusst ablaufende Prozesse im Körper zu beeinflussen.

„Biofeedback ist eine sehr elegante Methode, das vegetative Nervensystem zur Entspannung zu bringen”, sagt Uwe Meier, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Neurologen (BDN) in Krefeld. Dazu wird der Patient über verschiedene Sensoren mit einem Computer verbunden.

Diese messen zum Beispiel die Muskelspannung, den Hautleitwiderstand, die Atemtiefe oder den Pulsschlag. Das Stressniveau wird entweder optisch am Bildschirm oder akustisch durch einen Ton dargestellt. „Mit Hilfe mentaler Techniken lassen sich die Messwerte beeinflussen, ähnlich wie beim autogenen Training oder bei der Meditation”, erklärt der Mediziner.

Das Gute daran für Patienten sei, dass sie die für sie bis dahin unsichtbaren Prozesse wahrnehmen können, sagt Jörg Heuser, Präsident der Deutschen Biofeedback Gesellschaft (DGBfb) in Frankfurt/Main. Zusammenhänge zwischen Körper und Psyche werden sichtbar, weil sie auf messbaren Daten beruhen.

Den Erfolg belegen verschiedene psychophysiologische Studien. „Biofeedback ist besser untersucht als vieles andere in der alternativen Medizin”, betont Heuser.

Wie die Methode funktioniert, lässt sich am Beispiel eines Bluthochdruckpatienten veranschaulichen. Für den Betroffenen ist es wichtig, Blutdruckspitzen zu vermeiden und seinen Blutdruck möglichst niedrig zu halten.

Mit Hilfe eines Sensors und des Computers kann der Patient sehen, wie hoch der Wert gerade ist und ob er steigt oder sinkt. „Er kann ausprobieren, welche Entspannungstechnik für ihn geeignet ist, um den Blutdruck zu senken”, erklärt Heuser.

In der Regel lässt sich die Methode innerhalb von zehn Sitzungen erlernen. „Das Ziel ist am Ende, die Techniken im Alltag anwenden zu können: zu wissen, wie man es macht und die Visualisierung am Computer nicht mehr zu brauchen”, sagt Meier.

Er räumt aber ein, dass es eine aufwendige Methode ist, die eine gute Anleitung durch einen Verhaltenstherapeuten oder Neurologen erfordert. Der Patient müsse es wirklich wollen - nur dann ließen sich ähnlich gute Effekte wie durch Medikamente erzielen. Wichtig sei außerdem, Stress im Alltag abzubauen, um langanhaltenden Erfolg zu haben.

Biofeedback hat zwar keine Nebenwirkungen. Aber es ist auch nicht für jeden Patienten geeignet. „Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung oder sexuellem Missbrauch kann es die damit verbundenen Bilder wieder hoch bringen”, sagt Heuser.

Bei allen psychotischen Erkrankungen sei es zu belastend, bei einer Essstörung sei es wirkungslos. Und bei Schmerzpatienten sei wichtig, dass nicht die falsche Muskelentspannung angewendet wird.

Biofeedback lässt sich aber auch dazu nutzen, dass es gar nicht erst zu körperlichen Beschwerden kommt, die etwa durch Stress ausgelöst werden.

Forscher um Joachim Kugler, Professor für Gesundheitswissenschaften und Public Health an der Technischen Universität Dresden, entwickelten mit diesem Präventionsgedanken im Hinterkopf vor einigen Jahren ein computergestütztes Selbstlernprogramm.

„Damit kann ich testen: Sind meine Entspannungstechniken überhaupt hilfreich?”, erklärt Kugler. „Und ich kriege mit, ob ich wirklich angespannt bin oder nicht.” Nur wer das weiß, könne damit einer psychosomatischen Erkrankung vorbeugen - nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts.

Kuglers im Auftrag einer Krankenkasse entwickelte System misst mit einem kleinen, tragbaren Gerät die Hautleitfähigkeit. „Wenn man aufgeregt ist, bekommt man feuchte Hände - daher handelt es sich um einen leicht zu messenden Indikator”, sagt Kugler.

Sobald die Werte sinken, erhält der Nutzer eine Rückmeldung. Denn die Frage beim Entspannen ist laut Kugler: „Wann höre ich damit auf?” Allerdings empfiehlt er das Selbstlernprogramm nur für die Vorsorge. So nutzen es zum Beispiel auch Sportler oder andere Menschen, die auf die Sekunde genau eine Leistung abrufen müssen - als mentales Training, um im richtigen Moment topfit zu sein.
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