Schlafwandler treibt es nachts aus dem Bett

Von: Michael Draeke, ddp
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Berlin/Hamburg. Im Schlaf entwickeln viele Menschen ungeahnte Aktivitäten. Während sich mancher nur die Bettdecke vom Leib strampelt, treibt es notorische Schlafwandler zu nächtlichen Spaziergängen. Selig schlummernd bewegen sie sich meist auf gewohnten Pfaden und machen Ausflüge zum Klo oder zum Kühlschrank.

Häufig treiben die nächtlichen Touren allerdings auch riskante oder skurrile Blüten: In der Augsburger Innenstadt etwa lief im Februar ein 47-jähriger Schlafwandler nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet durch die eisige Winternacht. Wer nicht durch Zufall zwischendurch erwacht, weiß am nächsten Morgen nichts mehr von solchen Vorfällen.

Obwohl Schlafwandler sich aus dem Bett erheben, Türen öffnen oder sogar essen, schlafen sie während ihrer nächtlichen Aktivitäten ungerührt weiter.

Schlafmedizinische Gehirnstrom-Messungen haben ergeben, dass sie sich zumeist im Tiefschlaf befinden, wie Ingo Fietze berichtet, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité .

Deshalb zieht es die nächtlichen Ausflügler meist nur in der ersten Nachthälfte aus dem Bett, in der die Tiefschlafphasen besonders ausgeprägt sind.

Bei der Suche nach den Ursachen des nachtaktiven Verhaltens tappt die Forschung noch weitgehend im Dunkeln. Wahrscheinlich erwacht das Gehirn infolge eines Weckreizes in der Nacht nur teilweise, wie der Hamburger Neurologe und Schlafmediziner Jürgen Hoppe erläutert. Während die für Bewegung und Motorik zuständigen Teile aktiv würden, schlummerten die für Außenwahrnehmung und Bewusstsein zuständigen Areale selig weiter.

Seelische Probleme wie Stress oder ungelöste Konflikte können die nächtlichen Ausflüge nach Angaben der beiden Schlafexperten begünstigen. Außerdem sind hoher Alkoholkonsum, fiebrige Infekte, Schnarchen oder Schlafmangel als Auslöser bekannt. Zudem trete das Phänomen in manchen Familien gehäuft auf.

Schlafwandler fühlen sich außerdem oft von Lichtquellen angezogen - wahrscheinlich, weil ihre Augenlider nicht geschlossen sind und sie deshalb auf Lichtreize reagieren, wie Fietze erläutert.

Besonders Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren neigen laut Hoppe zum Schlafwandeln. Nach DGSM-Angaben haben bis zu 30 Prozent aller Heranwachsenden zumindest eine kurze schlafwandlerische Episode.

Bei den meisten endet der Spuk mit Beginn der Pubertät genauso plötzlich, wie er begonnen hat. Nur etwa ein Prozent der Betroffenen schlafwandelt auch noch im Erwachsenenalter. Während das kindliche Schlafwandeln meist harmlos sei, sollte bei Erwachsenen immer nach dem Auslöser gesucht werden, betont Hoppe.

Ein Grund für das häufige Schlafwandeln von Kindern könne darin liegen, dass ihre Tiefschlafphasen noch länger seien als jene von Erwachsenen, vermutet Fietze. Darüber hinaus sei bei einigen schlafwandelnden Kindern zumindest in bestimmten Entwicklungsabschnitten eine unvollständige Reife des Gehirns festzustellen, erläutert Hoppe.

Mit der sprichwörtlichen „schlafwandlerischen Sicherheit” ist es im übrigen nicht weit her. Immer wieder gibt es Berichte von schweren Unfällen. Im Juni 2008 etwa fiel im bayerischen Unterhaching eine 21-Jährige beim Schlafwandeln aus einem Fenster im dritten Stock. Die junge Frau hatte Glück und kam mit einem Beinbruch davon. „Schlafwandler mit Hang zu solch riskanten Aktionen sollten unbedingt Vorkehrungen für ihre Sicherheit treffen”, betont der Hamburger Neurologe Hoppe. Dazu gehörten etwa Sicherungen an Türen und Fenstern. Auch scharfe Möbelkanten oder spitze Gegenstände sollten aus dem Aktionsradius entfernt werden.

Die Behandlungsmöglichkeiten der Schlafstörung sind begrenzt. Solange keine Anzeichen bestünden, dass Schlafwandler für sich oder andere eine Gefahr darstellten, werde normalerweise von einer Therapie abgesehen, sagt Fietze. Im Zuge einer Behandlung werde zunächst versucht, äußere Einflussfaktoren wie Stress oder Schlafmangel zu vermeiden.

Wenn Verletzungsgefahr bestehe oder die Patienten kaum noch erholsamen Schlaf fänden, werde mit Hilfe von Medikamenten versucht, die Tiefschlafphasen zu verkürzen.

Auch ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus könne zur Besserung beitragen, sagt Hoppe. Vermieden werden sollten insbesondere Übermüdungszustände. Einigen Patienten gelinge es auch, sich im Rahmen von Psychotherapien oder Entspannungskursen mit gelernten Vorsätzen am Schlafwandeln zu hindern, berichtet der Neurologe: „Ein solcher Vorsatz könnte etwa lauten: Wenn meine Füße den Boden berühren, gehe ich wieder ins Bett zurück und schlafe weiter.”

Bei häufig schlafwandelnden Kindern könne überdies ein gezieltes Wecken zu Beginn der Tiefschlafphase hilfreich sein, sagt Hoppe: „Etwa eine halbe Stunde nach dem Einschlafen macht man das Kind vorsichtig wach, nimmt es in den Arm und redet ihm gut zu.”
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