Aachen - Sauerstoff hilft den Zellen bei der Heilung

Sauerstoff hilft den Zellen bei der Heilung

Von: Sabine Rother
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Raum für maximal zwölf Patie
Raum für maximal zwölf Foto: Harald Krömer

Aachen. Ein schwerer Hundebiss unmittelbar neben dem linken Auge. Die junge Frau hatte - eigentlich - noch Glück im Unglück, denn ihr Auge war nicht verletzt. Doch der zackige Hautfetzen hing nur noch mit wenigen Zentimetern am versorgenden Gewebe.

„Das wäre so nicht eingeheilt, dort hatten die Zellen keine Chance mehr”, sagt Dr. Ullrich Siekmann, als Notfallmediziner und Anästhesist Leitender Arzt und Geschäftsführer des Druckkammer HBO-Zentrums Euregio in Aachen (Kackertstrasse).

Zellgewebe konnte wachsen

„Durch die Behandlung in der Druckkammer wurde dieses Hautstück solange mit Sauerstoff versorgt und damit vom Absterben bewahrt, bis nach zehn Tagen von unten her Gefäße nach- und der Hautlappen anwachsen konnte.” Heute sieht man zwar bei der Betroffenen noch eine Narbe, aber der Defekt ist geheilt, das Gesicht in seiner Geometrie erhalten. „Es ist eigentlich ganz einfach”, erklärt Siekmann das Prinzip einer medizinischen Behandlungsmöglichkeit, bei der unter dem Begriff HBO - Hyperbare Oxygenation - der Patient in einer Druckkammer bei einem höheren Umgebungsdruck (eineinhalb bis dreifache Dosis des normalen Luftdrucks) 100 Prozent reinen Sauerstoff eineinatmet.

„Durch Verletzungen oder Erkrankungen kann es geschehen, dass die Zellen des Körpers den für eine Wundheilung oder sogar für die Wirkung von Antibiotika benötigten Sauerstoff nicht mehr in ausreichender Menge erhalten. Die Hyperbare Oxygenation gleicht dieses Defizit aus.” Genauer gesagt: Unter normalen Bedingungen wird der Sauerstoff am roten Blutfarbstoff über die Gefäße zu den Zellen gebracht. Sind die kleinen Gefäße geschädigt, zerstört oder ist der Weg von den Gefäßen zu den Zellen durch Schwellung und Wassereinlagerung zu weit, kann die HBO helfen. Der reine Sauerstoff wird dann über die Lunge und die restlichen Gefäße bis zum Gewebe transportiert und gegen den in dem Gewebe gespeicherten Stickstoff ausgetauscht. Die große Sauerstoffmenge unter dem erhöhten Druck erledigt das in kurzer Zeit.

Nicht nur bei Tauchunfällen kommt HBO zum Einsatz. Die Nutzung in Einrichtungen der Marine hat ursprünglich die Grundlagen für die Druckkammer-Medizin geschaffen und eine Terminologie mit Begriffen wie „Schleuse” und „Tauchfahrt” geprägt. Und auch dort, wo man etwa beim Kanalbau Caisson-(Senkkasten)Technik anwendet, können Tauchunfälle geschehen, da in den Baustellen Überdruck herrscht.

Längst gibt es weitere verblüffende Heilerfolge wie bei Behandlung von Diabetikern, denen eine Amputation droht (Diabetischer Fuß), bei Sportverletzungen, Knocheninfektionen (zum Beispiel Osteomyelitis nach Zahnextraktion), Knochenmarksentzündungen, Gasembolien, bei Strahlenspätschäden und anderen schlecht heilenden Wunden, beim Wundbrand und beim Zentralarterienverschluss des Auges, der schlagartig eintreten kann.

Plötzlich ist man auf einem Auge blind. Zwar löst sich der Verschluss, den Gerinnsel auflösende Medikamente nicht erreichen, nach einer Weile oft wieder, aber: „Häufig stirbt die Netzhaut ab, weil die Zellen unterversorgt sind”, erklärt der Mediziner.

Wird die Druckkammer eingesetzt, haben Patienten eine große Chance, das Augenlicht zumindest soweit zu behalten, dass das Farbensehen und die dreidimensionale Orientierung im Raum wieder möglich sind . In der Notfallmedizin ist der lebensrettende Einsatz von HBO bei Motorrad- und Autounfällen mit extrem gequetschten, gebrochenen Gliedmaßen und bei Kohlenmonoxid-Vergiftungen (Rauchgasvergiftung) ein Begriff.

Zurückhaltung bei Tinnitus

Speziell zu dieser Problematik hat sich jetzt ein Behandlungsnetzwerk CO-Intoxikation NRW gegründet, das die Versorgung von Notfällen verbessern will. „Kürzlich gab es eine sehr alte Patientin, die in Aachen einen Wohnungsbrand mit einer Verpuffung nur knapp überlebt hat und wiederbelebt werden musste.” Die Druckkammer ersparte der Frau eine Hinschädigung.

Beim Thema „Tinnitus” bleibt man in Aachen zurückhaltend. „Damit wird oft geworben. Aber nur, wenn ich weiß, dass ein Ohrgeräusch durch ein Knalltrauma, durch laute Discomusik oder eine Sprengung ausgelöst wurde, kann HBO helfen. In anderen Fällen ist das ungewiss.”

Falls es sich nicht um einen Intensivpatienten handelt, der auf einer Liege bleiben muss, steigen Patienten durch eine Schleuse in eine Art Flugzeugkabine mit zwölf bequemen weichen Sesseln, die in ihrem frischen Blaugrün sogar einladend wirken.

Spezialisierter Techniker

In die Druckkammer, die wie ein U-Boot über Bullaugen verfügt, begleitet sie eine Pflegekraft, draußen überwachen ein Arzt und ein speziell ausgebildeter Techniker die Druckkammerfahrt, die etwa zweieinhalb Stunden dauert. Jeder Patient wird per Kamera überwacht. Schon während der Behandlung lässt sich der Anstieg der Sauerstoffkonzentration in der Haut messen.

Nicht nur die Sichtverbindung, auch eine Gegensprechanlage sorgen für Sicherheit. Nur zwei Schritte von der Druckkammer entfernt hat der Techniker seinen Platz, den er während einer Druckkammerfahrt nicht verlassen darf. „Wenn ich eine rote Taste nicht regelmäßig drücke, wird automatisch Alarm ausgelöst”, sagt Jürgen Hahn, der seit zehn Jahren die Einsatzbereitschaft der Anlage garantiert.

Und wenn der Strom ausfällt? „Kein Problem”, sagt er und deutet auf das Notaggregat und auf zwei Hebel an der Außenseite der gerundeten Kabine. „Selbst wenn die Elektronik versagt, kann man die Kammer pneumatisch per Handsteuern.” Doch obwohl der HBO-Einsatz in der Intensivmedizin - etwa bei einer arteriellen Gasembolie (Komplikation bei der Herzkatheter-Untersuchung) - schon vielfach Leben gerettet hat, gibt es weiterhin große Probleme bei der Kostenerstattung.
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