Psychopharmaka, Kortison und Sensitizer als Dickmacher

Von: Susanne Rytina, ddp
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Es gibt Menschen, bei denen steigt das Körpergewicht stetig an, obwohl sie sich gesund ernähren. Schuld daran können regelmäßig einzunehmende Medikamente sein. Foto: ddp

Düsseldorf/München. Es gibt Menschen, bei denen steigt das Körpergewicht stetig an, obwohl sie sich gesund ernähren. Schuld daran können regelmäßig einzunehmende Medikamente sein.

„Einige Psychopharmaka, bestimmte Präparate gegen Diabetes oder auch Mittel, die Kortison enthalten, können zur Gewichtszunahme führen”, sagt Professor Bernd Richter vom Universitätsklinikum Düsseldorf. Der klinische Pharmakologe leitet die Stoffwechsel-Gruppe der internationalen Cochrane Collaboration, einem Netzwerk aus mehr als 20.000 Forschern weltweit, die Übersichtsarbeiten zu Fragen der Therapie und Diagnose erstellen.

Beispiel Diabetes: Zur Gewichtszunahme führen laut Richter manche Antidiabetika wie die Insulin-Sensitizer Rosiglitazon und Pioglitazon, weil durch sie vermehrt Wasser im Gewebe eingelagert werden. Zusätzliche Pfunde könne auch der Arzneistoff Sulfonylharnstoff verursachen.

Jedes einzelne Pfund aber zähle, wenn der Patient zusätzlich an Erkrankungen wie Herzinsuffizienz leide. Auch bei einer übergewichtigen Person, die vor Kurzem einen Typ 2 Diabetes entwickelt habe, könne eine Abnahme sogar entscheidend dafür sein, dass sie wieder gesund werde.

„Weniger Körperfettgewebe führt dazu, dass der Patient wieder besser auf Insulin anspricht”, sagt der Mediziner. Gewichtssenkend sei das Antidiabetikum Metformin. Die neuen sogenannten DPP4-Inhibitoren verhielten sich zwar gewichtsneutral: „Dennoch rate ich hier nicht zu, weil noch wenig über ihre Nebenwirkungen bekannt ist.” Für jeden Diabetiker seien außerdem ein gesunder Lebensstil, also eine vernünftige Ernährung und viel Bewegung wichtig, betont Richter. Ärzte sollten seiner Ansicht nach den Patienten zu körperlicher Bewegung motivieren.

Auch Antipsychotika, die Menschen gegen Wahnvorstellungen helfen sollen, führen mitunter zu Übergewicht, sagt der Psychiater Stefan Leucht von der Technischen Universität München. Zum Teil verursachten einige neuere Präparate - sogenannte Atypika wie Olanzapin und Clozapin - erhebliche Gewichtszunahmen, sagt der Privatdozent.

Im Schnitt hatten mehreren Studien zufolge Patienten bereits nach zehn Wochen vier Kilo mehr auf der Waage, sagt Leucht, Mitglied der Cochrane-Gruppe Schizophrenie. „Da viele Patienten die Medikamente langfristig nehmen, kann das zu einem ernsthaften Problem werden. Es ist noch nicht klar, ob die Gewichtszunahme davon kommt, weil die Patienten durch die Medikamente ruhiger werden und sich daher weniger bewegen, oder ob es daran liegt, dass die Medikamente direkt den Stoffwechsel beeinflussen”, sagt der Psychiater.

Ärzte sollten das Thema Gewicht auf jeden Fall mit ihren Patienten besprechen, um Risiko und Nutzen des Medikaments abzuwiegen. Denn oft sei die Wirksamkeit wichtiger als das Gewicht. „Wenn jemand endlich ein Medikament gefunden hat, mit dem er symptomfrei ist, dann nimmt er manchmal lieber die Gewichtszunahme in Kauf, weil er jetzt ein besseres Leben ohne psychotische Schübe führt”, sagt der Psychiater.

Bei den Antidepressiva seien es eher die älteren Medikamente, die zu zusätzlichen Pfunden führen - zum Beispiel einige trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin, aber auch die neuere Substanz Mirtazapin. Die neueren Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wirkten zwar nicht besser als die alten Präparate, jedoch nehme man von ihnen nicht zu. Patienten, die aufgrund von Psychopharmaka unter extremen Zunahmen von bis zu 20 Kilo litten, behandle man häufig mit gewichtssenkenden Medikamenten, etwa Metformin oder dem Antiepileptikum Topiramat.

Gewichtssteigerungen sind auch bei Kortison zu beobachten: „Die längerfristige Gabe des Hormonpräparats kann dazu führen, dass in den Zellen vermehrt Natrium und Wasser eingelagert werden”, erklärt Professor Felix Beuschlein von der Medizinischen Klinik der Ludwig-Maximilian-Universität in München. „Die Flüssigkeit trägt genauso zur Gewichtszunahme bei”, sagt der Endokrinologe. Außerdem könne durch Kortison der Blutzuckerspiegel steigen und sich vermehrt Fett im Bauchbereich ablagern. Zudem werde der Appetit gesteigert. Mögliche Folge bei einer längeren Einnahme: Erhöhtes Diabetes-Risiko.

„Manchmal gibt es aber keine Alternative zum Kortison. Nutzen und Risiko müssen gegeneinander abgewogen werden”, sagt Beuschlein. Denn Kortison wird immer dann eingesetzt, wenn man eine fehlgeleitete Immunreaktion des Körpers kurzfristig unterdrücken will, erklärt er. Das Präparat helfe bei Krankheitsbildern wie Asthma, Rheuma oder einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung wie Morbus Crohn sowie nach Organtransplantationen.

„Man versucht heute niedriger zu dosieren und Langzeittherapien zu vermeiden”, sagt der Mediziner. „Patienten sollten mit ihrem Arzt die Behandlung besprechen und auch ihre Befürchtungen äußern.” Oft könnten diese aus dem Weg geräumt werden, wenn die Dosis entsprechend niedrig gewählt wird. Kortison sollte ohnehin nur in Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt werden und nur langsam ausgeschlichen werden, rät Beuschlein.
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