Presslufthammer im Kopf: Was gegen Migräne hilft

Von: Eva Dignös, dpa
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Eine Migräne-Attacke kommt oft ohne Vorwarnung. Die pulsierenden Schmerzen werden durch Bewegung nur noch schlimmer. Hinzu kommt oft Übelkeit und Erbrechen, Licht- oder Lärmempfindlichkeit. Foto: Monique Wüstenhagen/dpa

Kiel. „Kopfweh hat jeder mal - das kann doch nicht so schlimm sein”: Es sind nicht nur die rasenden Schmerzen, die Migränepatienten plagen. Viele sehen sich noch dazu dem Vorwurf ausgesetzt, die Beschwerden vorzuschieben, um lästigen Arbeiten aus dem Weg zu gehen. Migräne - darüber macht man auch gern schon mal schlechte Witze.

„Doch Migräne, insbesondere die chronische Migräne, ist kein simpler Kopfschmerz, sondern einer der schlimmsten Schmerzzustände”, sagt Prof. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Migräne zu den 20 Leiden, die das tägliche Leben am meisten einschränken, wie Pharmakologe Professor Manfred Schubert-Zsilavecz von der Universität Frankfurt am Main betont. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Wirksamkeit von Medikamenten gegen Migräne.

Oft kommt die Attacke ohne Vorwarnung. Die pulsierenden Schmerzen konzentrieren sich auf eine Hälfte des Kopfes, Bewegung macht alles nur noch schlimmer. Als ob im Kopf ein Presslufthammer wütet oder ein Gewitter tobt: So beschreiben es Betroffene. Jegliche Aktivität ist unmöglich. Was bleibt, ist Bettruhe im abgedunkelten Zimmer. Bis zu drei Tage kann ein Migräneanfall dauern.

Manche Patienten erleben die sogenannte Aura-Phase, bevor die Schmerzen einsetzen. Sie sehen dann Lichtblitze oder farbige Flecken. Sie ist ein Kriterium, um bei der Diagnose eine Migräne von Spannungskopfschmerzen zu unterscheiden. Weitere typische Merkmale sind Übelkeit und Erbrechen, Licht- oder Lärmempfindlichkeit. Begleiten sie die Kopfschmerzen, handelt es sich meist um Migräne.

Die Ursachen der Schmerzattacken sind nach wie vor Gegenstand der Forschung. Einiges deutet darauf hin, dass das Gehirn von Migränepatienten besonders aktiv auf Reize reagiert, wie Göbel erläutert. Triggerfaktoren wie Stress, Lärm, unregelmäßiger Schlaf oder bestimmte Nahrungsmittel „bringen dann das Fass zum Überlaufen, die Nervensteuerung entgleist: Das Gehirn wird übermäßig aktiviert, die Energieversorgung der Nervenzellen bricht zusammen und Schutzreflexe werden in Gang gesetzt”. Frauen leiden dreimal häufiger als Männer an Migräne, vermutlich spielen die Schwankungen im Hormonhaushalt dabei eine Rolle.

Bei leichten und mittelschweren Anfällen seien Schmerzmittel wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure oder eine Kombination aus Ibuprofen, Paracetamol und Koffein zunächst das Mittel der Wahl, sagt Pharmakologe Schubert-Zsilavecz. Eine Alternative sind die sogenannten Triptane, die nur gegen Migräne, nicht jedoch gegen andere Schmerzen helfen. Für alle Akut-Medikamente gilt: „Sie dürfen nicht öfter als zehnmal pro Monat eingesetzt werden - und auch nicht länger als drei Tage am Stück”, sagt Schubert-Zsilavecz. Denn sonst drohe Dauerkopfschmerz als fatale Nebenwirkung.

Wenn das der Fall ist oder Triptane wegen anderer Erkrankungen nicht eingekommen werden dürfen, kann eine vorbeugende Therapie die Alternative sein. Hier kommen zum Beispiel Betablocker zum Einsatz und auch Medikamente, die eigentlich gegen Epilepsie entwickelt wurden, zeigen gegen Migräne Wirkung. „Realistisches Ziel ist die Reduktion der Häufigkeit und Schwere der Migräneattacken. Die Pausen zwischen den Attacken sollen länger werden, mehr kopfschmerzfreie Tage sollen erreicht werden”, betont der Neurologe Göbel.

Jede Form der Therapie ist dann am wirksamsten, wenn der Patient den Verlauf der Migräne genau kennt und seinen individuellen Auslösern auf die Spur kommt, wie Göbel sagt. Er rät Patienten deshalb zu einem Kopfschmerzkalender, um über Schmerztage, Symptome und genommene Medikamente Buch zu führen - und über besondere Ereignisse rund um die Migränetage: Gab es Stress in der Arbeit, zu wenig Schlaf, war man auf Reisen oder lange in der Sonne? „Oft sind es plötzliche Veränderungen im normalen Tagesablauf, die Migräneattacken auslösen. Einfachste Maßnahme ist es deshalb, einen möglichst regelmäßigen Alltag zu realisieren.”

Vielen Betroffenen machen auch Wetterumschwünge zu schaffen. Doch ob das Wechselspiel von Tief- und Hochdruckgebieten tatsächlich die Schmerzattacken auslöst oder beeinflusst, ist bislang unzureichend untersucht. An der Hochschule Hof sammeln Forscher um Prof. Jörg Scheidt deshalb entsprechende Daten - und setzen auf die Mitwirkung von Betroffenen: Beim Projekt „Migräne Radar” können sie online ihre Migräne-Anfälle melden. „Je mehr Patienten teilnehmen, desto ausdifferenzierter kann die Analyse der Daten sein”, sagt Scheidt.

Migräne-Betroffene registrieren sich mit einem anonymen Profil, die gesammelten Daten dienen ihnen zugleich als persönliches Kopfschmerztagebuch. „Außerdem erhalten sie immer wieder Rückmeldungen über die Ergebnisse der Auswertung”, erläutert Scheidt. Untersucht wird nicht nur, ob es einen Zusammenhang zwischen Migräne und Wetter gibt, sondern auch, wie sich Migräneanfälle auf die verschiedenen Altersgruppen verteilen, ob es saisonale Unterschiede in der Anfallshäufigkeit gibt und ob die Anfälle häufiger an bestimmten Wochentagen auftreten. Ziel des Projekts sei es, sagt Scheidt, „die Volkskrankheit Migräne besser zu verstehen”.

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