Plasma: Gebändigte Blitze sollen Wunden heilen

Von: Susanne Donner­, ddp
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Aachen/Greifswald/Göttingen. Wer dem Greifswalder Plasmaphysiker Klaus-Dieter Weltmann folgen will, braucht einen Funken Phantasie: Blitze, die bei Gewitter den Himmel teilen, heilen in gebändigter Form Menschen, glaubt er.

Keineswegs will er Gott spielen, auch nicht Wettergott. Weltmann, durch und durch Physiker, bodenständig noch dazu, hat nur beobachtet, dass die Ursubstanz des Wetterleuchtens, das sogenannte Plasma, auf menschlicher Haut Keime beseitigen und Wunden schließen kann. Das lässt hoffen. Nicht nur ihn, auch Dutzende Medizintechnikfirmen und Ärzte. Das Bundesforschungsministerium fördert die Plasmamedizin seit 2008 unter dem Titel „PlasmaCampusMed” mit 7,5 Millionen Euro.

Das Plasma ist der vierte Zustand der Materie -­ neben fest, flüssig und gasförmig. Zu erkennen gibt es sich mit einem Leuchten, das sich aus sechs verschiedenen Zutaten zusammensetzt: Temperatur, Licht, ultraviolette Strahlung, Radikale, elektrische Felder und geladene Teilchen.

Wenn Weltmann am Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie in Greifswald den Knopf des „Plasma-Pens” -­ ein Gerät so groß wie ein Filzstift ­- betätigt, tritt ein feiner blau-violetter Strahl aus. Im Stift wird das Edelgas Argon in geladene Teilchen zerschlagen. Es zischt leise. Auf der Haut fühlt sich der Strahl an wie ein warmer Wind. Schmerzen verursacht er jedenfalls nicht.

Im Unterschied zu den tausend Grad heißen Gewitterentladungen am Firmament ist das Plasma in Weltmanns Labor nur läppische 30 bis 40 Grad Celsius warm. Diese moderaten Temperaturen sind überhaupt erst seit wenigen Jahren möglich und versetzten Physiker in die Lage, das Plasma auf menschliches Gewebe zu richten, ohne es zu verbrennen.

Der erste Selbstversuch ließ nicht lange auf sich warten. Wolfgang Viöl, Physiker am Laser-Laboratorium Göttingen, soll einer der ersten gewesen sein, der mit dem violetten Ionenstrahl auf einen Mückenstich peilte. Zunächst passierte nichts. Doch dann bemerkte Viöl, dass der rote Fleck weniger juckte. Der Erfolg stachelte ihn dazu an, den Lichtstrahl auch auf kleine Hautentzündungen zu richten. Wieder ließ der Drang, sich zu kratzen, nach. „Das Plasma vermindert sogar den Juckreiz bei Neurodermitis”, schildert Viöl die Ergebnisse anderer Untersuchungen.

Die Ionenwolke vernichtet Bakterien von E. coli bis zum gefürchteten, antibiotikaresistenten Krankenhauskeim Staphylococcus aureus. Nicht einmal Fußpilz hält ihr Stand. Das wissen die Forscher inzwischen aus Laborversuchen. Sogar Wurzelkanäle im Mund lassen sich mit dem Plasma desinfizieren. So konnten Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Oberflächenmodifizierung in Leipzig und der Universitätsklinik des Saarlandes in Homburg mit einem „Plasma-Jet” Kariesbakterien entfernen. Das Bohren könnte eines Tages dem sanften Werkzeug der Physiker weichen.

Doch Weltmann tritt energisch auf die Bremse, wenn er diese Arie möglicher Anwendungen hört. „Das sind alles viel versprechende experimentelle Befunde an Einzelpersonen”, quittiert er, „aber diese müssen erst in klinischen Studien systematisch untersucht werden”.

Derer gibt es bislang überhaupt nur eine einzige aussagekräftige. Sie läuft am Klinikum in Schwabing. Physiker um René Pompl vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching haben eigens Plasmageräte für die Tests gebaut. Mehr als 160 Patienten mit chronisch offenen Wunden wurden ein bis zweimal am Tag für zwei bis fünf Minuten mit dem Plasma behandelt. Die Zahl der Keime am Wundherd schrumpfte. Sie lag um 34 Prozent niedriger als bei Patienten, deren Wunden mit herkömmlichen Desinfektionsmitteln versorgt wurden. Unklar ist allerdings, was vielfach schon behauptet wird: ob die Wunden sich dadurch schneller schließen.

Passen müssen die Forscher auch auf die Frage nach Risiken. „Gravierende Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet”, betont Weltmann. Aber es ist nur naheliegend, dass Plasmen auch menschliche Zellen schädigen können, da sie Bakterien, Pilze und sogar Krebszellen ins Jenseits befördern. „Alles eine Frage der Dosis”, meint der Greifswalder Plasmaphysiker. „Das ist wie mit einer Schlaftablette. Sie nehmen eine und schlafen. Nehmen Sie zehn, können Sie sterben.”

Der vierte Aggregatzustand wird wie einst der Laser eine technologische Revolution lostreten. Davon sind die Plasmaforscher überzeugt. Die gezähmten Blitze sollen in Arztpraxen und Kliniken Einzug halten und sich in Fabriken verbreiten, in denen sie teils schon zum Beschichten und Schneiden von Materialien verwendet werden.

Auch im Haushalt wird sich die Innovation verbreiten: An Weltmanns Institut reinigen sich Mitarbeiter die Hände nicht mehr mit Seife, sondern halten sie unter einen Plasmaspender, so groß wie ein Toaster. Sie sind danach angeblich nicht nur sauber, sondern keimfrei.

Analog dazu soll eine Plasmabürste die Zähne von bakteriellen Besiedlern befreien und damit gründlicher reinigen als die elektronisch angetriebenen Köpfe von heute. Putzen wir also alle bald mit Plasma die Zähne? „Es ist mein Wunschtraum”, sagt Viöl, „dass jeder so ein Gerät zu Hause hat”.
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