Nürnberg/Mainz - Pflaster gegen den Schmerz: Wirkstoffe werden kontinuierlich abgegeben

Pflaster gegen den Schmerz: Wirkstoffe werden kontinuierlich abgegeben

Von: Susanne Donner, dapd
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Einmal pro Woche aufkleben und fort ist der Schmerz. Die Wirkung von Schmerzpflastern klingt verlockend. Tatsächlich koennen sie vielen Patienten das Leben erleichtern. Doch Aerzte empfehlen die Pflaster nicht bei jeder Art von Schmerz. Foto: ratiopharm/dapd

Nürnberg/Mainz. Einmal pro Woche aufkleben und fort ist der Schmerz. Die Wirkung von Schmerzpflastern klingt verlockend. Tatsächlich können sie vielen Patienten das Leben erleichtern. Doch Ärzte empfehlen die Pflaster nicht bei jeder Art von Schmerz.

7,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden chronisch unter Schmerzen, hervorgerufen durch ganz unterschiedliche Erkrankungen wie Arthrose, Bandscheibenvorfälle oder Krebs. Viele von ihnen können nur mit schmerzstillenden Arzneien am Leben teilhaben.

Neben Tabletten und Tropfen gibt es seit einigen Jahren Schmerzpflaster. „Im Wesentlichen sind zwei Typen auf dem Markt”, erläutert Rainer Schwab, Leiter des Schmerzbereichs an der Universitätsklinik in Mainz. Am häufigsten werden Produkte auf Basis des Wirkstoffs Buprenorphin verwendet. Daneben erhält man in den Apotheken Pflaster mit Fentanyl. In beiden Fällen handelt es sich um Opioide.

„Das sind sehr stark wirkende Substanzen, die bei schweren Schmerzen, am häufigsten bei Tumorschmerzen, angewendet werden”, erklärt Schwab, aber er schränkt ein: „Bei Schmerzpatienten ohne Tumor sind wir zurückhaltend.” Denn eine Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden aus dem Jahr 2009 stellt den Nutzen in diesem Fall infrage. Es sei in Studien nicht gelungen, die Wirksamkeit über drei Monate hinaus zu belegen.

Die Wirkstoffe in Schmerzpflastern sind Anlass zu Kontroversen

Diese Aussagen haben einen Streit vom Zaun gebrochen, der bis heute nicht beigelegt ist. Während nach Schwabs Einschätzung an der Leitlinie methodisch nicht viel zu rütteln ist, übt Michael Überall vom Institut für Qualitätssicherung in Schmerztherapie und Palliativmedizin in Nürnberg Kritik: „Die Datenlage zu Opioiden ist zwar schlecht, aber daraus sind unzulässige Schlüsse gezogen worden.”

Einig sind sich die Experten, dass Opioide auch manchen Schmerzpatienten ohne Krebs helfen können. „Bei Verletzungen mit Traumafolgen, nach Unfällen mit vielen Knochenbrüchen und bei starken Rheumaschmerzen kann das sinnvoll sein”, nennt Schwab beispielhaft einige Indikationen. Michael Überall rät ergänzend dazu, Opioide - und damit auch Schmerzpflaster - zu verordnen, wenn andere Mittel nicht richtig anschlagen oder Nebenwirkungen verursachen.

Auf dem Schmerzkongress in Mannheim, der in der kommenden Woche stattfindet, wird Überall die ersten Ergebnisse einer multizentrischen - also an mehreren Orten durchgeführten - Befragung von knapp 900 Patienten vorstellen.

Sie erhielten mindestens drei Monate lang ein Buprenorphin-Schmerzpflaster, nachdem man ihren Schmerz zuvor vergeblich mit Nichtopioiden zu lindern versuchte. Die Mehrzahl der Teilnehmer litt unter Rückenschmerzen, ein Viertel an Gelenkerkrankungen und eine weitere größere Gruppe unter Nervenschmerzen infolge der Zuckerkrankheit Diabetes.

„Fast alle haben von der Umstellung auf das Pflaster profitiert”, berichtet Überall. „Die Schmerzen konnten binnen drei Monaten stark bis sehr stark gelindert werden. Vor allem haben sich die Lebensumstände entscheidend verbessert.” Die Betroffenen konnten sich leichter vom Stuhl erheben, konnten wieder selbst einkaufen gehen und besser laufen. Anfängliche Nebenwirkungen wie Übelkeit und Magenbeschwerden seien allmählich zurückgegangen, sagt Überall.

Fraglos sind Pflaster im Vergleich zu Tabletten bequemer anzuwenden. Die aufgeklebte Folie erinnert zudem seltener daran, wie sehr das eigene Befinden von Medikamenten abhängt. Das Gefühl, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wächst. Gerade bei älteren dementen Menschen seien Pflaster eine Erleichterung, da sie die Einnahme von Tabletten vergessen oder die verordneten Zeiten nicht einhalten könnten, nennt Schwab weitere Vorzüge.

Mit dem Pflaster wird der Wirkstoff über sieben Tage hinweg kontinuierlich an die Haut und von dort ins Blut abgegeben. Dann wird es ausgetauscht. Dadurch wird ein gleichbleibender Wirkstoffpegel gewährleistet, was sich günstig auf die Schmerzlinderung auswirkt.

Und es gibt weniger Nebenwirkungen, betont Schwab: „Schon das Gefühl, zehn bis zwölf Pillen, die den Magen belasten, am Tag weniger zu nehmen, kann eine Erleichterung sein.” Wie bei allen Opioiden können die Pflaster aber Übelkeit und Verstopfung hervorrufen.

Vorsicht bei Hitze

Im Juli warnte die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker, dass die Pflaster bei Hitze eine zu hohe Arznei-Dosis abgeben. Als Folge der Überdosierung sind die Betroffenen verwirrt, benommen und schwindelig. Manchmal können sie nur noch schwer gehen oder sprechen. „In der Sonne, beim Duschen und besonders beim Friseur unter der Wärmehaube muss man aufpassen”, warnt Überall.

Das Pflaster müsse dann an einer weniger exponierten Stelle, etwa an der Hüfte statt auf der Schulter, aufgeklebt werden oder man müsse es für die Dauer des Hitzebades entfernen.

Ängste schüren Opioide jedoch auch aufgrund ihres Suchtpotenzials. Psychisch labile Patienten und solche in schwierigen Lebensumständen etwa nach einer Scheidung sollten deshalb andere Schmerzmittel bekommen, meint Überall.

Immerhin vermindert ein möglichst konstanter Pegel an Opioiden im Blut die Gefahr des sogenannten Kicks, des Gefühls der Euphorie, das eine Abhängigkeit begünstigt. Deshalb hält Überall die Suchtgefahr der Schmerzpflaster für geringer als die einer schmerzstillenden Spritze.
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