Optische Täuschung: Sehrindengröße entscheidet über die Stärke

Von: dapd
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London. Ob und in welchem Maße jemand auf optische Täuschungen hereinfällt, hängt von der Größe der Sehrinde in seinem Gehirn ab. Diese überraschende Entdeckung haben britische Wissenschaftler bei Experimenten mit Freiwilligen gemacht.

Sie konfrontierten die 30 Probanden dabei mit zwei Illusionen, die mit der Größeneinschätzung zweier gleichgroßer Kreise spielen. Die Teilnehmer kamen zu deutlich unterschiedlichen Einschätzungen, woraufhin die Forscher mit Hilfe eines Magnetresonanztomographen den auch als Sehrinde bezeichneten visuellen Cortex der Probanden unter die Lupe nahmen.

Das erstaunliche Ergebnis: Es gab einen direkten eindeutigen Zusammenhang. Je kleiner die Oberfläche dieses Bereichs der Großhirnrinde war, desto eher ließen sich die Teilnehmer in die Irre leiten, berichten Samuel Schwarzkopf vom University College London und sein Team im Fachmagazin „Nature Neuroscience” (Onlineveröffentlichung, doi: 10.1038/nn.2706).

Für ihre Untersuchung bedienten sich die Forscher zweier bekannter Beispiele für Illusionen, die mit der Größenwahrnehmung spielen: der sogenannten Ebbinghaus-Täuschung und der Ponzo-Illusion.

Bei der Ebbinghaus-Täuschung geht es um den Vergleich zweier gleichgroßer Kreise. Jeder Kreis ist von anderen Kreisen umgeben, so dass sich das Bild einer Blüte ergibt. Während die „Blütenblätter” im ersten Beispiel kleiner sind als der den Mittelpunkt bildende Kreis, sind sie im zweiten Fall größer als der Mittelkreis. Beim unmittelbaren Vergleich der beiden Gebilde wirkt der von größeren Kreisen umgebene Mittelkreis dann kleiner als sein eigentlich identisches Gegenstück, das aber von den kleineren Kreisen umgeben ist.

Bei der Ponzo-Illusion soll die Länge zweier - wiederum eigentlich gleich langer - Linien verglichen werden. Die beiden Striche sind übereinander angeordnet und befinden sich zwischen zwei schräg zusammenlaufenden Linien. Durch die Seitenlinien entsteht der Eindruck räumlicher Tiefe, das Gesamtbild ähnelt einer in die Ferne laufenden Eisenbahnschiene. In diesem scheinbar dreidimensionalen Kontext wird das obere Objekt als länger empfunden.

In den Versuchen übertrugen die Forscher die Illusion auf einen Tunnel, in dem sich wiederum zwei gleichgroße Kreise befanden. Zwischen den 30 Freiwilligen, die an der Studie teilnahmen, habe es deutliche Unterschiede gegeben, fassen die Wissenschaftler die Ergebnisse zusammen.

Einige von ihnen sahen sehr große Unterschiede zwischen den eigentlich gleich großen Kreisen, andere konnten dagegen kaum einen Größenunterschied erkennen.

Zumindest zum Teil scheint das davon abzuhängen, wie viel Raum das Gehirn jedes Einzelnen für die visuelle Wahrnehmung abstellt, zeigte die Auswertung der Magnetresonanzdaten: Je kleiner das Sehzentrum nämlich bei einem Probanden war, desto besser funktionierte die Illusion bei dem Betreffenden.

Optische Täuschungen sind vor allem deswegen faszinierend, weil sie dem Betrachter ein eigentlich nicht existentes Wirklichkeitsbild vorspiegeln. Das gilt allerdings nicht für jeden, belegen die Ergebnisse von Schwarzkopf und seinem Team einmal mehr - schließlich zeigen sie, dass nicht alle Menschen ihre Umwelt auf dieselbe Weise wahrnehmen.

Eine spannende Frage für künftige Untersuchungen ergibt sich ihrer Einschätzung nach aus einer bereits bekannten Beobachtung: Der Täuschungsgrad derartiger Illusionen variiert nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch zwischen verschiedenen Kulturen. Auch Autisten sind für solche Phänomene weniger anfällig. Die Wissenschaftler wollen daher nun der Frage nachgehen, ob die Größe des visuellen Cortex genetisch festgelegt ist, oder aber in der Entwicklungsphase durch die Umwelt beeinflusst werden kann.
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