Nocebo-Effekt: Wenn die Angst vor der Krankheit krank macht

Von: Ulrich Dewald, ddp
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Nocebo
„Nocebo-Effekt” („nocebo” = lateinisch: „ich werde schaden”) nennen Mediziner das Phänomen eines Kreislaufs der Angst, der einsetzt, noch bevor tatsächlich ein Befund vorliegt und der schwerwiegende, auch körperliche Folgen haben kann. Der Name „Nocebo-Effekt” wird abgeleitet von dem bekannteren „Placebo-Effekt”, bei dem die Erwartung einer Heilung auch tatsächlich eine Besserung der Symptome bringt. Foto: ddp

Leinfelden. „Wir müssen Ihr Herz untersuchen.” Diese Aussage des Arztes trifft viele Patienten wie ein Faustschlag. Hatten sie sich bis dahin weitgehend gesund gefühlt, werden sie nun mit der Möglichkeit konfrontiert, mit ihrem Herzen könnte etwas nicht stimmen.

Auf diesen Schock folgt unwillkürlich die Angst, das weitere Leben in Krankheit fristen zu müssen oder gar einen Herzinfarkt zu erleiden. Noch bevor tatsächlich ein Befund vorliegt, setzt so ein Kreislauf der Angst ein, der schwerwiegende, auch körperliche Folgen haben kann.

„Nocebo-Effekt” („Nocebo” = lateinisch: „ich werde schaden”) nennen Mediziner das Phänomen in Anlehnung an den bekannteren Placebo-Effekt, bei dem die Erwartung einer Heilung auch tatsächlich eine Besserung der Symptome bringt.

Wie weit die Folgen einer solchen Angst vor Krankheit reichen, haben deutsche Wissenschaftler in einer Studie untersucht. Die Forscher beobachteten dabei Patienten, die wegen Herzbeschwerden zum ersten Mal einen Kardiologen aufsuchten. Dieser ordnete daraufhin ein Belastungs-EKG an - eine Routineuntersuchung, die noch überhaupt nichts Schlimmes bedeuten muss. Nur bei jedem zehnten Patienten in einer solchen Situation wird eine krankhafte Störung diagnostiziert.

Genau diese Information, dass nämlich „in 90 Prozent der Fälle alles in Ordnung ist”, bekam in den Tests die Hälfte der Probanden. Die zweite Patientengruppe hingegen ging ohne diese Information in den Test.

Der Nocebo-Effekt tat seine Wirkung: „Bei den Probanden der ersten Gruppe verschwanden die Herzprobleme meist viel rascher als bei den Probanden aus Gruppe zwei”, berichtet der Wissenschaftsjournalist Klaus Wilhelm in einem Beitrag im Märzheft der Zeitschrift „bild der wissenschaft”. Auch „kauften die Hälfte der Leute aus Gruppe zwei ihrem Arzt einen unauffälligen Befund nicht ab”, erläutert Winfried Rief, Leiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Marburg, wo die Studie gelaufen ist. Für diese Probanden folgten eine fortwährende Unsicherheit und häufige Arztbesuche.

„Der Nocebo-Effekt spielt im modernen Medizinbetrieb eine immense Rolle. Und viele seiner negativen Folgen könnten wir verhindern”, folgert Rief aus den Ergebnissen.

Eine Mitschuld trügen häufig die Ärzte selbst, erklärt der Psychosomatik-Experte Paul Enck in „bild der wissenschaft”. Er kritisiert die von vielen Ärzten häufig geäußerten „leichtsinnig dahergeredeten Verdachtsdiagnosen”. Da würden Mediziner manchmal beiläufig Begriffe wie „Tumor” fallenlassen, was nahezu jeder Patient sofort als Krebsdiagnose auffassen würde, obwohl es ebenso auch gutartige Tumoren gibt. Oder Orthopäden lassen sich zu Aussagen hinreißen wie: „Ihre Wirbelsäule ist ein Wrack”, was bei den häufig auch psychosomatisch bedingten Rückenschmerzen fatale Auswirkungen haben kann.

Der Nocebo-Effekt ist dennoch ein nach wie vor wenig erforschtes Terrain. Lediglich rund 100 wissenschaftliche Studien existieren zu dem Phänomen. Die extremste Erscheinungsform des Effekts hingegen ist in zahlreichen, oft wenig glaubwürdigen Geschichten überliefert: Sie handeln vom Voodoo-Zauber, bei dem Betroffenen in Sprüchen und Beschwörungen der baldige Tod vorhergesagt wird - der schließlich, glaubt man den Berichten, auch eintritt.

Wie weit die Angst vor Krankheit und Tod beim Menschen tatsächlich reicht, ist in Laborversuchen aus ethischen Gründen nicht zu ermitteln. Forscher um Manfred Schedlowski von der Universitätsklinik Essen konnten jedoch in Versuchen an Ratten einen deutlichen Zusammenhang nachweisen: Die Wissenschaftler infizierten die Nager mit einem Bakterium und sperrten einen Teil der Tiere in eine enge Röhre. Diese durch die Enge gestressten Ratten starben daraufhin tatsächlich an der eigentlich harmlosen Infektion, während ihre Artgenossen ohne Stress überlebten. Chronische Ängste könnten auch beim Menschen das Immunsystem so stark unterdrücken, dass es selbst Allerweltskeimen nicht mehr ausreichend Paroli bieten kann, vermutet Schedlowski.

Besonders weit verbreitet dürfte der Nocebo-Effekt bei Medikamenten und deren Nebenwirkungen sein, vermuten Wissenschaftler. Darauf deuten Studien hin, in denen Nebenwirkungen von Medikamenten untersucht wurden. Wird ein Patient vor der Gabe eines Mittels über dessen potenzielle Nebenwirkungen aufgeklärt, so entwickeln viele Probanden ebendiese Symptome - auch wenn sie ein Zuckerpräparat ohne Wirkstoffe erhalten haben. „Die Erwartung prägt den Nocebo-Effekt”, erklärt Winfried Rief, der in einem Test bei jedem fünften Patienten solche Nocebo-Nebenwirkungen beobachtete.

Mit Grauen denkt der Marburger Mediziner dabei an die Medikamenten-Beipackzettel, in denen extreme Nebenwirkungen beschrieben sind. Da hilft häufig dann auch nicht, dass in den Beschreibungen wortreich erklärt wird, wie selten diese sind. „Ein Laie kann das oft nicht beurteilen und bricht unbegründet die Therapie ab.”

Die Kosten dieser Nocebo-Effekte bei Medikamenten belaufen sich allein in Deutschland auf zwei bis drei Milliarden Euro im Jahr, schätzen Experten. Rief rät Ärzten und Apothekern, ihre Patienten gezielt auf die wahrscheinlichen Nebenwirkungen eines Medikaments hinzuweisen und die extrem unwahrscheinlichen Fälle auszuklammern.

Ziel sei es, zu verhindern, dass die Patienten mit einer depressiven Grundhaltung an ihre Therapie herangehen. „Das muss man als Arzt ernst nehmen und alles dafür tun, negative in positive Erwartungen zu verwandeln”, erklärt Rief.
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