Multiresistente Erreger: Klinik-Patienten können sich kaum schützen

Von: Sabine Maurer, dpa
Letzte Aktualisierung:
Multiresistente Erreger
Gefahrenquelle OP: Wenn ein Krankenhaus zu lax mit der Hygiene ist, können sich schnell gefährliche Keime ausbreiten. Foto: dpa

Berlin/Münster. Beim Thema MRSA gibt es zwei gute Nachrichten: Die Infektionszahlen in deutschen Krankenhäusern steigen seit einigen Jahren nicht mehr, und seit dem vergangenen Sommer ist dieser Krankheitserreger - wenn auch mit Einschränkungen - in Deutschland meldepflichtig.

MRSA ist die Abkürzung für Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. Das sind Bakterien, bei denen die meisten Antibiotika nicht mehr helfen. Für gesunde Menschen sind sie kein Problem. Bei einem geschwächten Immunsystem können die Bakterien jedoch lebensbedrohliche Krankheiten wie Wundinfekte, Sepsen oder Lungenentzündungen verursachen.

Viele Menschen infizieren sich mit MRSA ausgerechnet an dem Ort, an dem sie eigentlich gesund werden sollen - im Krankenhaus. „Bis 2003 ist die Zahl angestiegen, seitdem liegt sie konstant bei etwa 14.000 bis 15.000”, sagt Elisabeth Meyer von der Charité Universitätsmedizin Berlin. Offizielle Gründe für diese Stagnation gibt es keine. Es wird gemutmaßt, dass die Hygiene in den Krankenhäusern besser geworden ist und sich die Bakterien daher nicht mehr so einfach ausbreiten können. „Vielleicht ist aber auch die Dunkelziffer gestiegen”, gibt Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene in Berlin zu bedenken.

Egal, ob Stagnation oder gestiegene Dunkelziffer: Die offiziellen Zahlen sind immer noch hoch. Nach Angaben von Zastrow sterben pro Jahr 40.000 Menschen in Deutschland an der Folge von Krankenhaus-Infektionen. Verursacht werden die meisten von dem Hautkeim Staphyloccocus aureus, der sich bei vielen Menschen in der Nase, im Rachen und im Rektalbereich niederlässt.

Dort kann er es locker bis zu vier Jahre lang aushalten. Er ist relativ einfach innerhalb von etwa sieben Tagen mit Salben oder Lösungen zu bekämpfen, doch gesunde Menschen bemerken ihn gar nicht. Gelangt er aber zum Beispiel über einen Katheter oder bei einer Operation in den Körper, schlägt der Staphyloccoceus aureus zu. Ganz schlimm wird es, wenn er sich nicht mehr mit Methicillin oder anderen gängigen Antibiotika bekämpfen lässt, also ein MRSA ist. Entstanden sind diese Resistenzen durch den falschen und übertriebenen Einsatz von Antibiotika. „Knapp 25 Prozent aller Staphylokokken-Stämme sind in Deutschland gegen die gängigen Antibiotika resistent”, sagt Zastrow.

Sein Kollege Alexander Friedrich vom Institut für Hygiene der Universitätsklinik Münster hat bei den Ärzten trotz der bekannten Problematik noch kein Umdenken beim Einsatz von Antibiotika entdeckt. „All die Aufklärung hat nichts gebracht”, sagt Friedrich, der sich seit 17 Jahren mit dem Thema beschäftigt und ein deutsch-niederländisches Projekt zur Prävention von MRSA leitet.

Die Niederlande sind das Vorzeigeland: Dort wird viel transparenter mit dem Thema umgegangen, die Vorschriften sind strenger. So werden zum Beispiel MRSA-Patienten während ihres gesamten Klinikaufenthaltes isoliert. Die Infektions- und Fallzahlen sind entsprechend niedrig.

Ein Patient in Deutschland kann selbst nur wenig tun, um sich vor MRSA zu schützen. Es gibt keine Liste über die Infektions- und Fallzahlen in den einzelnen Krankenhäusern. Die einzige Chance ist, schon vor der Behandlung im Krankenhaus dem Arzt - wenn es geht einem Facharzt für Hygiene - einige Fragen zu stellen. Wenn er etwas Ähnliches sagt wie „Mit MRSA haben wir kein Problem”, sei das nicht gut, warnt Friedrich. Denn in jedem der 2100 Krankenhäuser in Deutschland gibt es diesen Keim - es ist daher ein gutes Zeichen, wenn sich die Ärzte im Krankenhaus dessen bewusst sind.

Er habe es noch nie erlebt, dass ein Patient in einer Klinik ungefragt über die Gefahr einer Infektion mit resistenten Krankenhauskeimen aufgeklärt wurde, ergänzt der Rechtsanwalt Burkhard Kirchhoff aus Weilburg (Hessen). Er vertritt MRSA-Patienten und deren Angehörige. Da ist zum Beispiel ein Mann, der nach einer eigentlich erfolgreichen Rücken-Operation und einer folgenden MRSA-Infektion querschnittsgelähmt ist. Einem anderen Mandanten musste nach einer harmlosen Operation wegen MRSA ein Unterschenkel amputiert werden.

Im Namen seiner Mandanten erstattet der Jurist gegen die Kliniken je nach Fall Strafanzeige wegen Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung. „Diese Anzeigen sind ein Vehikel, um an die Krankenhausunterlagen zu kommen”, sagt er. Denn wenn alles in seinem Sinne läuft, lässt die Staatsanwaltschaft unter anderem die Infektionsstatistik und die Hygienepläne der Klinik beschlagnahmen. Sie geben Auskunft über den Umgang in dem Krankenhaus mit dem Thema. „In vielen Kliniken gilt MRSA immer noch als schicksalhaft”, ärgert sich der Rechtsanwalt.

Klagen gegen Kliniken

Strafanzeigen von Patienten, die sich eine MRSA-Infektion im Krankenhaus eingefangen haben, führen nur selten zu einem Prozess. Meistens werden die Verfahren ohne Gerichtsverhandlung eingestellt - manchmal gegen eine Geldauflage. Die Klagen gegen die Kliniken wegen Schadensersatz und Schmerzensgeld sind deutlich erfolgreicher. Die Höhe der Zahlung hängt dem Jurist Burkhard Kirchhoff zufolge unter anderem von der Leidenszeit des Patienten ab.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert