Medizinische Unterschiede: Frauen anders behandeln als Männer

Von: ddp-Korrespondentin Susanne Rytina
Letzte Aktualisierung:
Krankenkassen Ärzte Arztbesuch
Ärzte untersuchen einen Patienten. Foto: ddp

Tübingen. Frauen und Männer ticken anders - auch in der Medizin. Das Problem: Frauen werden oft genauso behandelt wie Männer, obwohl sie zum Teil auf Medikamente anders reagieren und bei Erkrankungen auch andere Symptome zeigen.

„In der Medizin geht man immer mehr dazu über, Geschlechterunterschiede zu verstehen und entsprechend zu therapieren. Wir wollen mit unserer Forschung niedergelassene Mediziner und Patienten aufklären”, sagt Sara Brucker, gynäkologische Leiterin des Instituts für Frauengesundheit an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen.

Ärzte sollten laut Brucker vor allem bei dem Verlauf von Krankheiten und bei der Medikamenten-Dosierung berücksichtigen, dass Frauen einen anderen Stoffwechsel und ein anderes Hormonsystem besitzen. Das Dilemma: Früher sind Medikamente vorwiegend an Männern getestet worden - Standardfall in der Medizin war lange der Mann.

„Viele Krankheiten verändern sich aber bei Frauen mit dem weiblichen Zyklus”, betont der Tübinger Endokrinologe Professor Alfred Mück, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Frauengesundheit. Beispiel Herzinfarkt: „Frauen erkranken oft erst 15 Jahre später an der koronaren Herzkrankheit als Männer, aber genauso häufig. Erst nach den Wechseljahren treten verstärkt Infarkte auf, weil die Östrogene, die vorher bei der Frau schützend wirkten, plötzlich wegfallen”, sagt der Mediziner. „Frauen zwischen 60 und 65 Jahren, die übergewichtig sind oder Diabetes haben, sollten besonders auf sich achtgeben, weil sie ein sehr viel höheres Risiko haben.” Besonders nach den Wechseljahren sollten Frauen bewusst leben, sich gesund ernähren und auch Sport treiben, rät der Fachmann.

Ein weiteres Problem sei laut Mück, dass der weibliche Herzinfarkt häufig zu spät registriert werde, weil Frauen andere Anzeichen zeigten als Männer. „Während Männer unter Enge in der Brust leiden und Schmerzen im linken Arm haben, klagen Frauen über Übelkeit und Brechreiz, Schmerzen im Nacken und Hals sowie Müdigkeit und Atemnot. Frauen sollten wie Männer sofort bei akuten Symptomen zum Arzt oder in die Klinik gehen, auch wenn diese am Freitagnachmittag auftreten.”

Die Erfahrung: Patientinnen warten oft bis Montag - und haben damit eine schlechtere Prognose, warnt der Medizin-Professor. Wichtig seien daher auch der Ausgleich und die Entspannung vom familiären und beruflichen Stress, rät der Arzt. Frauen sind in der Regel durch die Doppelbelastung stressgefährdeter als Männer und das sei Gift für die Herzgesundheit.

Frauen leiden auch häufiger unter Schmerzen - insbesondere an Migräne. Das hängt mit dem Zyklus zusammen, weil kurz vor den Tagen das Hormon Östrogen absinkt. Durch den plötzlichen Abfall kommt es laut Mück kurzfristig zu Gefäßverengungen - und dies bereite den Kopfschmerz. „Mit einem Östrogenpflaster oder Gel gehen die Schmerzen weg.” Wer die Pille durchgehend ohne Pause nehme, verhindere ebenfalls den prämenstruellen Kopfschmerz.

Ärzte und Betroffene sollten auch darauf achten, dass Frauen anders als Männer auf Medikamente reagieren, weiß Alfred Mück. Zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird beispielsweise Männern oft Acetylsalicylsäure (z. B. Aspirin) verabreicht, weil der Blutverdünner der Bildung von Gerinnsel in den Gefäßen entgegenwirkt. Aber das tut es eben nur beim männlichen Geschlecht. Bei Frauen konnte dies in einer großen Studie mit über 40.000 Teilnehmern nicht bestätigt werden, sagt der Arzt. „Ich rate Frauen von der Aspirin-Prophylaxe ab.”

„Bei Frauen sollten auch manche Medikamente niedriger dosiert werden”, empfiehlt Mück. Das liege zum einen am geringeren Gewicht, aber auch am anderen Stoffwechsel, weil sie zum Beispiel die Medikamente schlechter im Körper verarbeiten als Männer. Etwa bei Präparaten, die über die Niere ausgeschieden werden. Besonders bei älteren Frauen arbeite die Niere schlechter, die Harnausscheidung sei geringer und die Abfallstoffe sammeln sich daher mitunter in höherer Konzentration im weiblichen Körper an.

Präparate wie Digitalis oder Digoxin bei Vorhofflimmern oder Herzmuskelschwäche, aber auch Mittel gegen Rheuma sollten daher bei Frauen niedriger angesetzt werden. „Sie sollten aber die Dosierung nicht eigenmächtig verändern, sondern ihren Arzt fragen”, sagt Mück. Auch einige Medikamente, die über den Leberstoffwechsel ausgeschieden werden, bauen Frauen langsamer ab als Männer, etwa den Betablocker Metoprolol, Schmerzmittel wie Paracetamol, ACE-Hemmer oder Statinen. „Wichtig ist, dass Frauen ihrem Arzt ihre Nebenwirkungen schildern”, sagt der Professor.

Es gibt auch Krankheiten, die bei Männern weniger erkannt und beachtet werden - Depressionen etwa, die bei Frauen doppelt so häufig vorkommen. Männer würden ihrem Arzt Symptome wie Antriebslosigkeit und gedrückte Stimmung eher als körperliche Beschwerden schildern, etwa als Atemnot, Kopf- oder Rückenschmerzen, erklärt Stephan Zipfel, Professor für Psychotherapeutische Medizin und Internist an der Uniklinik Tübingen. Zipfel: „Wenn der Hausarzt körperlich nichts findet, könnte die Ursache eine psychische Erkrankung sein, zum Beispiel eine Depression.”

Grundsätzlich sollten Männer versuchen, psychische Probleme bei sich selbst anzuerkennen und diese auch offen bei ihrem Hausarzt anzusprechen. „Wenn die Krankheit rechtzeitig erkannt und behandelt werde, vermindere sich die Gefahr einer Chronifizierung”, sagt der Fachmann. Dasselbe gelte für Essstörung wie dem so genannten „Binge Eating”, Heißhungeranfälle, die zu starkem Übergewicht führen und auch bei Männern häufig vorkommen. „Rund 20 bis 30 Prozent der stark Übergewichtigen leiden an solchen Essattacken, aber weniger als fünf Prozent der betroffenen Männer suchen einen Arzt oder Therapeuten auf”, sagt der Experte.

Die acht Krankheiten mit den größten Geschlechter-Unterschieden

Harnwegsinfekte: Frauen erkranken deutlich häufiger als Männer. Grund: eine kürzere Harnröhre, in die Erreger schneller eindringen.

Venenleiden: Frauen klagen häufiger über venöse Beschwerden als Männer. Bei 3,3 Prozent der Männer und 8,4 Prozent der Frauen beeinträchtigt dies nach eigenen Angaben das Leben.

Chronische Polyarthritis - rheumatoide Arthritis (Entzündung von fünf oder mehr Gelenken): Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer.

Schmerzen: Männer leiden seltener unter Schmerzen als Frauen, vermutlich liegt das am schmerzdämpfenden Testosteron. Männer benötigen bei Schmerzmitteln oft eine höhere Dosis als Frauen, um die gleiche schmerzstillende Wirkung zu erzielen.

Osteoporose (Abnahme des Knochenkalks, Folge: Knochenbrüche): Frauen erkranken häufig ab 50 daran, Männer rund 20 Jahre später. Grund ist in beiden Fällen ein Mangel an Sexualhormonen - Östrogen bei der Frau, Testosteron beim Mann -, die den Knochenabbau bremsen. Der Unterschied entsteht, weil bei Frauen der Östrogenspiegel mit Beginn der Wechseljahre plötzlich abfällt, während der Testosteronspiegel beim Mann im Alter nur langsam sinkt.

Alkoholsucht: Männer sind bis zu zweimal häufiger alkoholabhängig als Frauen.

Tablettensucht: Die Betroffenen sich überwiegend weiblich, schätzungsweise 70 Prozent.

Bulimie (Ess-Brechsucht): 90 Prozent derjenigen, die an Bulimie leiden, sind Frauen. 10 Prozent Männer.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert