Medizin studieren trotz schlechter Abiturnote

Von: Kristin Kruthaup, dpa
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Einen Medizinstudienplatz bekommen Schulabgänger heute über die Stiftung für Hochschulzulassung nur mit einem Einser-Abi. Sonst müssen sie viele Semester warten. Wem das zu lang ist, dem bleiben jedoch noch drei andere Optionen. Foto: dpa

Berlin. Für viele ist der Arztberuf ein Traumjob. Denn nicht viele Tätigkeiten machen auf Anhieb so viel Sinn wie die des Mediziners: Ärzte machen Kranke wieder gesund.

Was für einen erfüllenderen Beruf könnte es geben? Noch dazu führen bei den Gehaltsaussichten von Akademikern nicht selten Mediziner die Rankings an. Und schließlich haben Ärzte glänzende Berufsaussichten. Wer heute als Absolvent der Medizin die Universität verlässt, kann sich oft aussuchen, wo er anfängt. Denn auf dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen Ärzte.

Doch der Traum vom Arztberuf erfüllt sich nur für wenige. „Wer derzeit einen Studienplatz in Medizin bekommen will, braucht beim Abiturzeugnis eine Eins vorm Komma”, sagt Bernhard Scheer von der Stiftung für Hochschulzulassung (ehemals ZVS). Sonst müsse er zurzeit sechs Jahre warten. Derzeit ist das Vergabesystem so: 20 Prozent der Studienplätze werden über die Abiturnote vergeben. Hier lag der Numerus Clausus im vergangenen Jahr zwischen 1,0 und 1,1. Weitere 20 Prozent der Studienplätze werden über die Wartezeit vergeben. Diese lag im letzten Jahr bei 12 Semestern. Schließlich werden weitere 60 Prozent der Studienplätze über die Hochschulen selbst vergeben.

An den Universitäten variieren die Vergabesysteme. Neben der Abiturnote gibt es hier zum Teil Bonuspunkte zum Beispiel für eine abgeschlossene Berufsausbildung oder für ein gutes Ergebnis im Medizinertest TMS. „Das Vergabesystem an den Universitäten ist bunt und unterschiedlich”, sagt Bernhard Scheer. „Im Einzelfall mag da auch noch einmal ein Abiturzeugnis mit 1,9 zum gewünschten Studienplatz führen.” Mit einer Zwei vor dem Komma beim Abiturzeugnis habe man in der Regel jedoch keine Chance mehr.

Wer dennoch unbedingt Arzt werden möchte, hat drei Optionen. Da ist zunächst die Möglichkeit, an der privaten Universität in Witten/Herdecke zu studieren. Die Hochschule im Ruhrgebiet ist die einzige Uni, deren Medizinstudienplätze nicht über die Stiftung für Hochschulzulassung vergeben werden. „42 Studienplätze vergeben wir pro Jahr”, sagt Petra Stammnitz vom Studierendensekretariat der Universität. Im letzten Jahr bewarben sich für die 42 Plätze 950 Abiturienten. Die Chancen genommen zu werden, sind mit circa 1 zu 23 relativ klein.

Dafür hat man auch mit einem durchschnittlichen Abitur eine Chance. „Wir nehmen immer wieder auch Leute mit einem Abischnitt von 2,8”, so Stammnitz. Wichtiger als die Schulnoten sind der Auswahlkommission in Witten/Herdecke die Motivation und Eignung der Bewerber für den Arztberuf. Die Ausbildung an der Privatuni ist jedoch teuer. „Das Studium kostet rund 41.000 Euro”, sagt Stammnitz.

Eine andere Möglichkeit ist, bei der Bundeswehr Medizin zu studieren. Die Bundeswehr hatte im letzten Jahr rund 250 Medizinstudienplätze zur Verfügung und rund 1300 Bewerbungen. Die Chance genommen zu werden, lag damit bei 1 zu 5. „In diesem Jahr haben wir aber bereits jetzt schon deutlich mehr Bewerbungen”, sagt Herbert Rühle von der Offizierbewerberprüfzentrale der Bundeswehr.

Ein Studium bei der Bundeswehr unterscheidet sich jedoch in vielerlei Hinsicht von einem regulären Studium. Wer sich dafür entscheidet, absolviert vor und nach dem Studium die militärische Ausbildung zum Offizier. Vor Aufnahme des Studiums verpflichtet man sich außerdem, mindestens 17 Jahre für die Bundeswehr zu arbeiten. Nach dem Studium sind mehrmonatige Auslandseinsätze - zurzeit etwa in Afghanistan - zu erwarten.

Dafür wird der Student vom ersten Monat an bezahlt. „Am Anfang sind es rund 1600 Euro netto”, so Rühle. Das Gehalt steigere sich bis zum Ende des Studiums auf bis zu 1900 Euro netto.

Das Auswahlverfahren für die Zulassung zum Medizinstudium als Sanitätsoffizieranwärter setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen, wobei der Abischnitt eine wesentliche Rolle spielt. Bei besonders gutem Abschneiden in den übrigen Testverfahren kann im Einzelfall eine Zulassung auch noch mit einem Abiturschnitt von 2,7 erlangt werden.

Für wen ein Studium an der Uni in Witten/Herdecke oder bei der Bundeswehr keine Alternative ist, der kann schließlich noch versuchen, einen Studienplatz im Ausland zu bekommen. Sehr populär ist etwa die Semmelweis-Universität in Budapest. Dort kann in deutscher Sprache Medizin studiert werden. Der Abschluss sowie die Scheine werden problemlos in Deutschland anerkannt. Das Studium ist allerdings teuer. „70 000 Euro Studiengebühren kostet das komplette Medizinstudium in Ungarn”, sagt Jörg Weidenhammer von der Asklepios Medical School in Hamburg, einer Außenstelle der Semmelweis-Universität Budapest.

Auch in Budapest ist es inzwischen jedoch schwierig, einen Studienplatz zu bekommen. „Wir hatten im letzten Jahr 230 Plätze in Budapest, auf die sich 1400 Menschen beworben haben”, erklärt Weidenhammer. Die Chancen genommen zu werden, stehen damit ähnlich gut wie bei der Bundeswehr, nämlich bei 1 zu 6.

Wer in Budapest oder anderswo im Ausland Medizin studieren möchte, sollte sich das jedoch gut überlegen. „In einem ersten Schritt sollte man schauen: Kann das überhaupt finanziert werden?”, sagt Richard Seubert, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit in Schwäbisch Hall. Sei das der Fall, sollten angehende Medizinstudenten darauf achten, dass die erworbenen Abschlüsse in Deutschland anerkannt werden. Schließlich sollte man die Universität im Ausland unbedingt vorher besuchen. Denn erst, wenn man vor Ort sei, bekomme man ein Gefühl dafür, ob man sich ein Studium im Ausland mit 17 oder 18 Jahren überhaupt vorstellen könne.

Alternativen zum Medizinstudium in Budapest

Inzwischen gibt es neben Budapest einige weitere Orte im Osten Europas, in denen auf Deutsch oder auf Englisch Medizin studiert werden kann und an denen die Studiengebühren möglicherweise etwas günstiger sind. Dazu zählen etwa die Universitäten in den Städten Pécs und Szeged in Ungarn, sagt Richard Seubert von der Agentur für Arbeit in Schwäbisch Hall. Weitere Möglichkeiten seien die Hochschulen in Riga in Lettland, Martin in der Slowakei, Hradec Králové in Tschechien sowie Split in Kroatien.

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