„Man darf es nicht unterschätzen”: Altern mit HIV

Von: Andrea Barthélémy, dpa
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Altern mit HIV
Der mit HIV infizierte John, aufgenommen am 16.11.2011 in Berlin in seiner Wohnung. Anfang der 90er Jahre erkrankte der inzwischen 60-Jährige an Aids. Seit 27 Jahren lebt er nun mit dem HI-Virus, das durch Medikamente in seinem Blut nicht mehr nachzuweisen ist - und gehört damit zur ersten Generation derer, die dank moderner Medizin mit der gefährlichen Immunschwächekrankheit alt werden. Foto: dpa

Berlin. „Sorrows are unstoppable” - Sorgen sind nicht aufzuhalten. So hat es John in seiner sonnendurchfluteten Kreuzberger Küche auf eine Schiefertafel geschrieben. Denn nicht jeder Tag ist so sonnig. Aber John will den Sorgen etwas entgegensetzen. „Ich hab mich nie als Opfer gefühlt”, sagt er.

Der drahtige, durchtrainierte Mann, der vor Vitalität zu strotzen scheint und dem seine 60 Jahre kaum anzusehen sind, erkrankte Anfang der 90er Jahre an Aids. Seit 27 Jahren lebt er mit dem HI-Virus, das dank der Medikamente mittlerweile in seinem Blut nicht mehr nachzuweisen ist - und gehört damit zur ersten Generation derer, die dank moderner Medizin mit der gefährlichen Immunschwächekrankheit alt werden.

Dem Tod von der Schippe gesprungen

Danach hatte es im Sommer 94, als die Krankheit bei John ausbrach, nicht ausgesehen. Hirnhautentzündung. Im buchstäblich letzten Moment waren neue Medikamente greifbar, die seinen Zustand stabilisierten und das Virus zurückdrängten. Danach wurde für John alles anders. „Ich habe einige Tage nachgedacht und dann gewusst, jetzt muss ich meine Krankheit öffentlich machen”, erinnert er sich. „Ich habe in meinem Umfeld deshalb nie Zurückweisung oder Diskriminierung erlebt. Aber ich weiß, dass das oft anders ist.”

Von seiner Bühnenkarriere als Tänzer musste John Abschied nehmen, aber seine im Tanz erlernte Disziplin erleichterte ihm das Leben mit der Krankheit - inklusive des strengen Tabletten-Regimes. Er orientierte sich neu, wurde Yoga-Lehrer und engagiert sich bis heute intensiv in der HIV-Prävention. Auch bei der diesjährigen Kampagne zum Welt-Aids-Tag („Positiv zusammenleben. Aber sicher!”) macht er mit. „Ich sorge für mich und war seit 16 Jahren nicht mehr krank”, sagt er, nicht ohne Stolz. Doch an den Nebenwirkungen der Medikamente hat auch er immer wieder zu leiden. „Die darf man nicht unterschätzen. Man muss real sagen, wie es ist.”

Auch die neue, verträglichere Generation der anti-retroviralen Medikamente, die das gefährliche Virus in Schach halten und Aids verhindern, hat Nebenwirkungen - und die sind vor allem über lange Sicht noch völlig offen. Der Alterungsprozess scheint sich zu beschleunigen. Außerdem, so zeigen neue Studien etwa aus der Schweiz, steigt bei älteren Menschen mit HIV das Risiko für typische Alterserkrankungen wie Diabetes, Herzinfarkte oder Krebs. Entscheidende Faktoren dafür sind die Menge der Viruspartikel im Blut, Rauchen, Drogengebrauch und die Dauer der HIV-Infektion, berichten Barbara Hasse und ihr Team von der Universität Zürich im Fachjournal „Clinical Infectious Diseases”.

Auch der Berliner Arzt Christoph Mayr weiß davon zu berichten. Er arbeitet seit vielen Jahren in einer der größten Fachpraxen in Berlin, die mehr als 800 HIV-Patienten betreut. „Der Anteil der Patienten über 60 Jahren liegt bei mehr als zehn Prozent. Das haben wir vor zehn Jahren noch nicht gehabt. Aber wir sehen die Leute nicht nur älter werden, sondern sie bekommen im Vergleich zu Gleichaltrigen auch früher Alterserkrankungen.” Möglicherweise, so Mayr, werde die bessere Lebenserwartung mit einer Anfälligkeit für diese Altersleiden erkauft. 75 Prozent der HIV-Patienten hätten laut einer Studie mindestens zwei weitere schwere Erkrankungen.

Hiv = Armut, die Gleichung stimmt immer noch

Doch Krebs, Herz-Kreislauf-Leiden oder Osteoporose sind nicht die einzigen Probleme. Mayr stellt bei vielen älteren Patienten eine Tendenz zu Vereinsamung und Isolation fest. „Der Anteil derer mit depressiven Verstimmungen ist recht hoch”, berichtet Mayr. Längst nicht alle hätten ein stabiles Umfeld, dem sie sich anvertrauen könnten. Viele zögen sich zurück. Vor allem Homosexuellen fehle die alte Community. „Hier entstehen schon neue Wohnformen, Alters-WGs, als Antwort auf das singuläre Dasein.” Aber auch heterosexuelle Betroffene haben Schwierigkeiten, etwa bei der Partnersuche in höherem Alter.

Ein weiteres Problem für viele der älteren HIV-Positiven: das Geld. „Die, die jetzt mit HIV alt werden, haben größtenteils nicht lange genug gearbeitet. Die meisten leben von Hartz IV”, weiß Mayr. HIV-positiv und arm - keine gute Voraussetzung, um Isolation zu überwinden.

Nach aktuellen RKI-Schätzungen sind derzeit in Deutschland etwa 73.000 Menschen HIV-infiziert. Das Gros davon sind Männer, die Sex mit Männern haben (45.000). Die Zahl der HIV-Neuinfektionen geht stetig zurück: Rund 2700 Menschen haben sich im laufenden Jahr in Deutschland angesteckt, 2006 waren es noch 3400. „Eine höchst erfreuliche Nachricht”, kommentierte die Deutsche Aids-Hilfe den Rückgang, der vor allem besserer Prävention und frühzeitiger Behandlung zuzuschreiben sei. „Die neue Entwicklung zeigt: Entängstigung und Prävention stehen nicht zueinander im Widerspruch.”

John sagt es so: „Es gibt bei uns gute Medikamente. Man kann damit leben. Aber es ist nicht egal und nicht zu unterschätzen. Und deshalb gibt es Verhaltensregeln - man fährt ja auch nicht als Geisterfahrer auf der Autobahn.”

Service - Fachartikelnummer DOI „Clinical Infectious Diseases”: 10.1093/cid/cir626
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