Lärm-Smog erhöht Herzinfarktrisiko

Von: vo
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Lärm
Beliebter Streitfall: die Motorsäge. Foto: pixabay / Mfranck (CCO 1.0)

Berlin. Sie begleitete in früheren Zeiten den Menschen im Alltag. Heute ist sie in unserer terminorientierten, schnelllebigen Zeit, in der jeder möglichst schnell von A nach B hastet, offenkundig zum Luxusgut geworden: Stille.

Wie sehr sich der einzelne von ihr gewollt oder ungewollt verabschiedet hat, wird ihm vielleicht sehnsüchtig bewusst, wenn er sich mal für ein paar Minuten etwa in einem abgelegenen Waldstück auf einen Baumstumpf setzt - und beginnt, bewusst hinzuhören. Vielen wird da erst offenbar, wie sehr sich der Mensch doch an einen konstanten Geräusch- und Lärmpegel gewöhnt hat, von dem er allgegenwärtig umgeben ist.

Auch kann in ihm gerade in solchen Momenten auf dem anschließenden Fußmarsch "zurück in die Zivilisation" vielleicht das Verständnis für diejenigen Studien und Untersuchungen reifen, die beharrlich vor gesundheitlichen Folgeschäden im menschlichen Organismus warnen. Angefangen von leichten Schlafstörungen bis hin zu ernsthaften Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem.

Der Mensch ist nun mal nicht für höhere Dezibel-Werte jenseits der Belastungsgrenze von rund 70 Dezibel (Lärmpegel einer normalen Unterhaltung) dauerhaft geschaffen.

So geht leise!

Ja, es gibt ihn, den Tag gesellschaftlich verordneten In-Sich-Gehens und Sich-Bewusstwerdens der Problematik. Alljährlich findet im April der "Tag gegen Lärm - International Noise Awareness Day" statt, der für die Thematik sensibilisieren soll. Der Aktionstag findet seit 1998 jedes Jahr in Deutschland statt, um auf die Ursachen und die Wirkung von Lärm aufmerksam zu machen - mit dem Ziel, die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.

Das an jenem Tag mittlerweile traditionell verkündete Credo, nach dem Lärm das Potential für negative gesundheitliche Auswirkungen in sich trägt, verhallt jedoch leider allzu schnell wieder an den restlichen 364 Tagen im Jahr - so vermutlich auch im Rest des Jahres 2016 nach dem 27. April, der unter dem Motto "So geht leise" zum inzwischen 20. Mal begangen wurde.

Das unterschätzte Problem

Vor dem Hintergrund weltweiter CO2-Abgas-Emissionshysterie scheint die Empörung über mangelnden Schallschutz und gleichsam gesundheitsgefährdende Lärmpegelspitzen in der Nähe zu Einflugschneisen von Flughäfen oder Verkehrsknotenpunkten vergleichsweise ein Schattendasein in der öffentlichen Wahrnehmung zu fristen.

Offenkundig wird im Gegensatz zu Abgasen Verkehrslärm vielfach verharmlost. Und das obwohl etwa eine Umfrage des Bundesumweltamtes zum Thema Lärmbelästigung in der Nachbarschaft zur Erkenntnis kam, dass sich fast jeder Fünfte stark oder äußerst belästigt fühlt. Lediglich knapp 40 Prozent fühlten sich danach überhaupt nicht belästigt.

Kampfarena Garten

Gerade im Sommer und Herbst stehen Rasenmäher, Laubsauger & Co im Fokus von Nachbarschaftszwist und stellen so manches auskömmliche nachbarschaftliche Verhältnis auf eine harte Belastungsprobe. Kinder spielen nun mal auch gerne im Garten, der Rasen muss gemäht werden und nebenbei läuft die Gartenpumpe für den Zierteich auf Hochtouren. Am Abend sitzen Hobbygärtner mit Freunden dann noch gemeinsam bei einer Party auf der Terrasse...

Bereits 2002 hat die Bundesregierung daher eine Lärmschutzverordnung in ihrem Immissionsschutzgesetz auf den Plan gerufen, die festlegt, wann motorbetriebene Geräte wie etwa Vertikutierer, Kettensägen oder Rasenmäher betrieben werden dürfen oder ruhen müssen. Besonders lauten Geräten wie Laubbläsern oder -sammlern unterliegen dabei noch strengeren Regelungen.

Eng umrissene Zeitfenster für ihre Nutzung können optional durch Stadt- oder Gemeindeverwaltung in örtlichen Satzungen sowie Haus- oder Gartenordnungen zusätzlich eingeschränkt werden. Dennoch zeigt die Praxis, dass die Regelungen vielen Orten missachtet werden - Streit vorprogrammiert.

Jedoch: Hersteller haben auf gesetzgeberischen Druck darauf reagiert und die Vorgaben umgesetzt. So lässt sich mittlerweile in jeder Bedienungsanleitung beziehungsweise dem Produktdatenblatt eines motorisierten Gartengerätes nachlesen, mit welcher Lautstärke bei Inbetriebnahme mit dem Gerät gerechnet werden muss.

Denn: Die EG-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG verpflichtet den Hersteller bzw. Vertreiber einer Maschine, in der Betriebsanleitung und in Verkaufsprospekten die von der Maschine ausgehende Geräuschemission anzugeben.

Die Frequenz macht's

Doch obwohl mittlerweile die meisten Lärmquellen, angefangen von Flugzeugen über Autos bis hin zu Rasenmähern, durch politische Verordnungen und technische Realisierung leiser geworden sind, ist die Belastung in der Summe gewachsen. Ein Mehr an Fahr- oder Flugzeugen und technischen Geräten ist dafür verantwortlich.

Die Industrie hat sich die Technik-Verliebtheit und Bequemlichkeit der konsumorientierten Zivilisationsgesellschaft längst zu Nutze gemacht und für jedes mechanische Gerät von einst ein elektrisch oder kraftstoffbetriebenes Pendant erfunden.

Wer etwa benutzt schon heute noch eine mechanische Heckenschere? Oder handbetriebenen Rasenmäher? So gibt es auf den Tag verteilt für jeden immer weniger Pausen zwischen Lärmpegelspitzen, die für die Erholung so wichtig sind.

Die Auswirkungen

Nach Expertenschätzungen sind allein in Deutschland über 15 Millionen Menschen von Hörverlusten betroffen. Nachdenklich stimmt besonders, dass etwa nur etwa ein Drittel der Menschen mit einer Hörminderung im Rentenalter sind. Rund drei Millionen Menschen leiden bundesweit unter Ohrgeräuschen, dem sogenannten Tinnitus, die Hälfte befindet sich in therapeutischen Maßnahmen.

Ein Drittel unter ihnen kann sogar keinen Beruf mehr ausüben und hat Behindertenstatus. Allgemein gelten Dezibel-Werte unter 70 als verträglich, Dauerwerte oberhalb der Grenze können langfristig gesehen zu einem irreparablen Hörschaden führen - von gravierenderen Auswirkungen ganz abgesehen.

Auch das Herz bleibt auf der Strecke

Eine Zusammenfassung der wichtigsten neuen experimentellen und klinischen Befunde stellt einen eindeutigen, ursächlichen Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung und Lärm her. Danach gehen in den westlichen Industrieländern Europas bis zu eine Million gesunde Lebensjahre pro Jahr verloren, bis zu 75% aller Krankheiten werden durch die beiden Faktoren hervorgerufen.

Obwohl Lärm als neuer Herzkreislaufrisikofaktor von der Politik nicht anerkannt ist, gilt Lärm nach der Stiftung Mainzer Herz neben Umweltverschmutzung als wichtigster Risikofaktor für die Entstehung von Herzkreislauferkrankungen.

Wie die Wissenschaftler der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie des Zentrums für Kardiologie der Universitätsmedizin herausgefunden haben, gibt es einen Zusammenhang von Lärmbelästigung und Angst wie Depression, die beide unter Experten als Stressfaktoren für eine gesunde Herzfunktion gelten.

Andere Studien haben eine Verbindung zwischen Verkehrslärm, Luftverschmutzung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gezeigt. Vor allem nächtlicher Lärm steht in Zusammenhang mit Verkalkungen und Verhärtungen an der Hauptschlagader, wie eine Analyse von Medizinern am Westdeutschen Herzzentrum in Essen im Jahr 2013 zeigte.

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