Kranke Männerseelen: Magersucht und Bulimie

Von: Christine Amrhein, dapd
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Ein Mann misst in Berlin mit einem Maßband den Umfang seiner Taille. „Schätzungen zufolge leiden etwa 0,1 Prozent der Männer in Deutschland an einer Anorexie und etwa 0,1 bis 0,4 Prozent an einer Bulimie”, berichtet Sigrid Borse, Geschäftsführerin des Frankfurter Zentrums für Essstörungen. Beide Erkrankungen beginnen bei Frauen etwas früher als bei Männern. Frauen erkranken am häufigsten zwischen 15 und 18 Jahren, Männer zwischen 18 und 25 Jahren. Foto: dapd

<b>Prien am Chiemsee/Frankfurt am Main.</B> „Er wog nur noch ein halbes Lot - und war am fünften Tage tot.” Schon 1845 beschrieb der Arzt Heinrich Hoffmann in seiner Geschichte vom Suppenkasper eine Störung, die heute unter dem Namen Anorexia Nervosa bekannt ist - bezeichnenderweise bei einem Jungen.

Heute verbindet man mit dem Begriff „Magersucht” dagegen das Bild extrem schlanker weiblicher Models oder junger Mädchen, die sich zu Tode hungern. Auch die Bulimie oder Ess-Brech-Sucht gilt allgemein als weibliche Erkrankung.

„Tatsächlich treten Essstörungen bei Mädchen und Frauen etwa zehn Mal so häufig auf wie bei Jungen und Männern”, erklärt Ulrich Cuntz, Chefarzt der Schön-Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS).

„Dabei können Männer die gleichen Symptome einer Essstörung entwickeln wie Frauen, zum Beispiel extremes Fasten oder Heißhungeranfälle, gefolgt von Erbrechen.” Doch da diese Erkrankungen bei ihnen selten sind, gebe es bisher keine gesicherten Zahlen zur Häufigkeit. Auch systematische Untersuchungen zu Ursachen oder zum Verlauf von männlichen Essstörungen fehlen.

„Schätzungen zufolge leiden etwa 0,1 Prozent der Männer in Deutschland an einer Anorexie und etwa 0,1 bis 0,4 Prozent an einer Bulimie”, berichtet Sigrid Borse, Geschäftsführerin des Frankfurter Zentrums für Essstörungen.

Beide Erkrankungen beginnen bei Frauen etwas früher als bei Männern. Frauen erkranken am häufigsten zwischen 15 und 18 Jahren, Männer zwischen 18 und 25 Jahren. „Das hat damit zu tun, dass Mädchen in der Pubertät mehr körperliche Veränderungen erleben und sich häufiger mit ihrem Körper und ihrem Aussehen beschäftigen”, erklärt Borse.

Von sogenanntem Binge Eating, bei dem es zu periodischen Heißhungeranfällen ohne anschließendes Erbrechen kommt, sind laut Ulrich Cuntz sogar etwas mehr Männer betroffen als Frauen.

Übertriebene Muskelaufbau-Diät kann der Auslöser sein

Der Auslöser der Essstörung ist bei Männern häufig ein anderer als bei Frauen, sagt der Arzt und Psychologe. „Mädchen und Frauen mit Magersucht werden meist durch das Bild der Frau in den Medien und ein bestimmtes Körperideal beeinflusst”, erläutert Cuntz.

„Viele Männer haben dagegen zunächst das Ziel, Muskeln aufzubauen, und wollen das durch eine bestimmte Diät unterstützen. Mit der Zeit entwickeln sie dann den übertriebenen Ehrgeiz, immer weiter abzunehmen.”

Auch die Vorstellung, Askese zu betreiben und den Körper rein zu halten, spiele eine Rolle. Männer mit Anorexie haben - ähnlich wie Frauen - ein verzerrtes Körperbild und sind trotz ihres niedrigen Gewichts davon überzeugt, zu dick zu sein.

Bei der Bulimie kommt es bei beiden Geschlechtern zu einem ähnlichen Krankheitsverlauf. „Am Anfang steht in vielen Fällen das Ziel, abzunehmen. Der ständige Kalorienmangel führt irgendwann zu Heißhungerattacken, bei denen große Nahrungsmengen auf einmal gegessen werden”, sagt Cuntz.

Um das wieder wettzumachen, folgen Erbrechen, extremes Fasten oder exzessiver Sport. Dabei sind bulimische Männer ebenso wie die betroffenen Frauen meist zu Anfang normalgewichtig. „Hinter einer Essstörung stecken bei vielen Männern psychische Belastungen wie berufliche Probleme, Stress oder starke Ängste, häufig auch ein geringes Selbstwertgefühl”, erklärt der Experte. „Männer, die immer wieder starke emotionale Schwankungen erleben, neigen häufiger zu bulimischem Essverhalten.”

Beratungsangebote oft nur für Frauen

Wenn den Betroffenen bewusst wird, dass sie an einer ernstzunehmenden Erkrankung leiden, stehen sie oft vor einem doppelten Problem: Essstörungen werden zum einen in der Öffentlichkeit als „weibliche Erkrankungen” angesehen. „Daher ist die Hürde, sich jemandem anzuvertrauen, für viele Männer extrem hoch”, ist die Erfahrung von Sigrid Borse.

Zudem sind viele Beratungsangebote und Selbsthilfegruppen auf essgestörte Frauen zugeschnitten oder werden überwiegend von Frauen besucht. „Es ist wichtig, dass die Betroffenen sich frühzeitig Unterstützung suchen”, betont Borse. „Weil das oft versäumt wird, beobachten wir bei magersüchtigen Männern häufig wesentlich schwerwiegendere Verläufe als bei Frauen.”

Hilfe bietet zum Beispiel die anonyme telefonische Beratung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), über deren Webseite man auch gezielt nach Beratungsstellen in einem bestimmten Postleitzahlengebiet suchen kann. Die Beratungsstellen kennen die Adressen von geeigneten Kliniken und ambulanten sychotherapeuten.

Vielen Männern falle es leichter, sich einem männlichen Therapeuten anzuvertrauen, der sich auf das Thema Essstörungen spezialisiert hat, sagt Chefarzt Cuntz. Adressen vermitteln zum Beispiel die Psychotherapeutenkammern der Bundesländer oder die Kassenärztlichen Vereinigungen.

Dass der Weg aus der Erkrankung möglich ist, beschreibt der Autor Bernhard Wappis eindrücklich in seinem Buch „Darüber spricht man(n) nicht...!” Wappis, der selbst zehn Jahre lang an Magersucht litt, fordert mit seinem Bericht andere Männer auf, das Tabu zu brechen und offen mit ihrer Essstörung umzugehen.

Es gibt viele verschiedene Anzeichen für eine Essstörung. Neben der offensichtlichen Gewichtsabnahme ist nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung demnach Vorsicht geboten, wenn die betroffene Person sich übertrieben stark mit dem Thema Nahrung beschäftigt, ständig ans Essen oder Nicht-Essen denkt oder sich extrem einseitig ernährt.

Ein bedenkliches Verhalten ist ebenfalls, wenn Menschen essen oder hungern im Zusammenhang mit psychischen Problemen und ein gestörtes Körper- und Selbstwertgefühl zeigen. Besonders bei Männern sind übertrieben Sportaktivitäten oder die Einnahme von leistungssteigernden Substanzen wie Anabolika ein bedenkliches Zeichen.

„Hartes Training und ein strenger Ernährungsplan können in den übertriebenen Ehrgeiz münden, so dass der Betroffene immer weiter abnehmen will”, erklärt der Psychologe, Internist und Psychotherapeut Ulrich Cuntz, Chefarzt der Schön-Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.

Weiterführende Informationen

Informationen und Beratungsangebot für Betroffene von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: bzga-essstoerungen.de Informationen zu verschiedenen Essstörungen des Vereins Hungrig-Online e. V., mit Liste von Hilfsangeboten: magersucht-online.de Leitlinien zur Behandlung von Essstörungen, Selbsttest für Essstörungen, Literaturtipps vom Bundesfachverband Essstörungen e. V.: bundesfachverbandessstoerungen.de Literatur: Michael Bader: „Essstörungen bei jungen Männern: Gleiche Auswirkungen - ähnliche Ursachen”, Vdm Verlag Dr. Müller, 2006, 49 Euro, ISBN: 978-3865509673 Bernhard Wappis: „Darüber spricht man(n) nicht ... !: Magersucht und Bulimie bei Männern”, Books on Demand, 2005, 18,90 Euro, ISBN: 978-3833427442 allgemein zu Essstörungen: Kathrin Beyer: „Ich habs satt! Wenn Essen zum Problem wird. Essstörungen erkennen, verstehen und überwinden”, humboldt / Schlütersche, 2008, 12,90 Euro, ISBN: 978-3899941616
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