Kolik nach fetter Kost: „Schlüsselloch-Chirurgie” gegen Gallensteine

Von: Michael Draeke, ddp
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Gallensteine können verschiedene Größen haben. Foto: ddp

<b>München/Homburg. </B>Gallensteine schlummern in vielen Bäuchen. Nach Schätzungen tragen bis zu 20 Prozent der Bundesbürger die etwa kieselstein- bis murmelgroßen Gebilde in ihren Gallentrakten.

Solange sie keine Beschwerden verursachen, werden die Ablagerungen von Fachleuten auch als „stumme Steine” bezeichnet. Bei mindestens einem Viertel der Betroffenen lösen sie jedoch früher oder später ernste Probleme aus.

Manchmal genügt es, ein ordentliches Stück Torte oder einen Schweinebraten zu verputzen. Denn wenn besonders fette Speisen verdaut werden, gerät die Gallenblase gehörig in Bewegung. Die Steine lösen sich, gehen auf Wanderschaft und können unter anderem die Gallengänge verstopfen. Die Folge sind krampfartige Kolikschmerzen im rechten Oberbauch, die in den Rücken ausstrahlen können.

Gallensteine entstehen, wenn bestimmte Bestandteile der Gallenflüssigkeit verklumpen. „In rund 90 Prozent der Fälle handelt es sich um Cholesterin-Steine”, erklärt Professor Dieter Jüngst vom Münchner Uniklinikum Großhadern. Wenn die Galle eine zu hohe Cholesterin-Konzentration aufweise, bildeten sich kristalline Ablagerungen, die dann zu regelrechten „Steinchen” heranwüchsen. In seltenen Fällen können auch sogenannte Pigmentsteine vorliegen, die überwiegend aus Bilirubin bestehen, dem Farbstoff der Galle. Darüber hinaus gibt es Mischformen aus beiden Typen.

Oft sind Gallensteine auf eine kalorienreiche Ernährung zurückzuführen. Übergewicht und Bewegungsmangel gehören zu den Hauptrisikofaktoren. „Es handelt sich um eine typische Zivilisationskrankheit”, sagt Professor Frank Lammert, Direktor des Uniklinikums Saarland in Homburg. In vielen Regionen Afrikas und Asiens seien Gallensteine eine Rarität.

Allerdings können auch genetische Ursachen vorliegen, wie Forscher vor einigen Jahren herausfanden. Etwa jeder zehnte Patient weise Gen-Defekte auf, die für die Vererbung der Veranlagung zu Gallensteinen verantwortlich seien, sagt Lammert. Dazu könnten sich die unterschiedlichen Faktoren gegenseitig verstärken: Übergewichtige Menschen mit einer familiären Veranlagung zu Gallensteinen haben demnach ein besonders hohes Risiko. Überdies sind Frauen nach den Worten des Mediziners aus hormonellen Gründen fast doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Da nicht immer Beschwerden auftreten, sind nicht alle „Steine” zwingend behandlungsbedürftig. Oft werden sie durch Zufall bei einer Ultraschall-Untersuchung entdeckt. Spätestens wenn Kolikschmerzen auftreten, sollte allerdings eine Operation in Erwägung gezogen werden. „Bei der ersten Kolik kann man operieren, bei der zweiten sollte man”, betont Jüngst. Denn Gallensteine, die einmal Beschwerden verursachen, können schnell zu weiteren Komplikationen führen, zum Beispiel einer Gallenblasenentzündung. Im Extremfall schädigen sie die Wände des Gallentrakts, reißen Löcher hinein und lösen damit eine Bauchfellentzündung oder eine Blutvergiftung aus.

Am häufigsten wird heute ein sogenannter laparoskopischer Eingriff vorgenommen, bei dem die gesamte Gallenblase entfernt wird. Dafür ist nur ein kleiner Schnitt in die Bauchdecke nötig, durch den eine Kamera und die Operationsinstrumente eingeführt werden. „Diese chirurgische „Schlüsselloch-Methode” ist sehr risikoarm”, berichtet Lammert. Die OP dauere in den meisten Fällen kaum länger als eine halbe Stunde.

Die komplette Entfernung der Gallenblase biete den Vorteil, dass die erneute Entstehung von „Steinen” weitgehend verhindert werde, erklärt Jüngst. Zudem sei das Organ nicht unmittelbar lebensnotwendig. „Man kann auch ohne Gallenblase gut leben”, betont der Mediziner. Nach der OP müssten die Patienten in den meisten Fällen nur etwa drei Tage zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. In der Regel können sie bereits am Tag nach dem Eingriff wieder normal essen. Mit Komplikationen sei nur in wenigen Fällen zu rechnen. Die Kosten für die Operation übernimmt die Krankenkasse.

Andere Behandlungsmethoden werden nur noch in seltenen Fällen angewandt. Eine größere Operation ist in der Regel nur nötig, wenn schwere Komplikationen vorliegen. Sehr kleine „Steine” können zudem mit Medikamenten aufgelöst, größere mit Hilfe einer Stoßwellen-Therapie zertrümmert werden. Auf diese Methoden werde jedoch nur noch äußerst selten zurückgegriffen, weil die Entstehungsursache nicht beseitigt werde, erklärt Lammert. Bei bis zu 50 Prozent der so behandelten Patienten bildeten sich früher oder später neue Gallensteine.

Gallengänge bilden ein Hohlorgansystem


Gallenblase und Gallengänge bilden ein Hohlorgansystem, das mit Gallenflüssigkeit angefüllt ist. Unter der Bezeichnung „Galle” verstehen Mediziner lediglich die Flüssigkeit, nicht aber das Organ. Das System dient dem Transport der Gallenflüssigkeit von der Leber zum Dünndarm.

Die Gallenflüssigkeit wird in der Leber gebildet. Sie dient der Verdauung von Fett. Die Gallenblase ist ein beutelähnliches Organ, das an den großen Gallengang angeschlossen ist. In ihr wird Gallenflüssigkeit gesammelt und konzentriert. Muss Fett verdaut werden, gibt die Gallenblase die notwendige Menge Gallenflüssigkeit in den Verdauungstrakt ab. (Quelle: Patientenleitlinie der Universität Witten/Herdecke, Stand 2005; http://patientenleitlinien.de/Gallensteine/gallensteine.html)

Ein ausführlicher Artikel zu Ursachen, Diagnostik und Therapie von Gallensteinen findet sich auf der Website des „Berufsverbands Deutscher Internisten”: http://internisten-im-netz.de/de_gallensteine-was-sind-gallensteine_882.html

Eine Patienteninformation der Universität Witten/Herdecke zur Behandlung von Gallensteinen ist abrufbar unter: http://patientenleitlinien.de/Gallensteine/gallensteine.html

Auch die Chirurgische Klinik I der Berliner Charité bietet Informationen im Netz an: http://charite.de/chi/patienten-information/schwerpunkte/bauchchirurgie/ gallensteine.html

Bücher: Friedrich Anton Weiser, Halkawt Al-Mufti u.a.: „Steine im Körper - Gallensteine: Diagnose - Behandlung”, Verlagshaus der Ärzte, 2. Auflage 2007, 12,90 Euro, ISBN: 978-3902552099

Heinrich Liehr, Wilhelm Brühl: „Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse: Wirksame Hilfe bei Beschwerden: Alles über Untersuchungen, Behandlung und Ihren optimalen Speiseplan”, Trias-Verlag, 2002, 14,95 Euro, ISBN: 978-3830430254

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