Körperlich krank durch ein seelisches Trauma

Von: Melanie Löw, ddp
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München. Ein schwerer Autounfall, eine Vergewaltigung, eine Geiselnahme, ein Erdbeben - ein lebensbedrohliches Ereignis führt den menschlichen Körper an den Rand seiner Belastungsfähigkeit. In diesem Moment konzentriert er sich einzig auf das Überleben.

Extremsituationen sind einschneidende Erlebnisse, die die Seelen der Betroffenen erst einmal verarbeiten müssen, sie sind oftmals traumatisiert. „Im Grunde kann man ein seelisches Trauma mit einer körperlichen Verletzung vergleichen, die nach einer Weile wieder abheilt, wenn auch durchaus mit einer seelischen Narbe”, erklärt Professor Wolfgang Senf, Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Duisburg-Essen.

Auch körperliche Beschwerden können eine Folge des Erlebten sein. Das subjektive Empfinden des Individuums entscheide dabei, wie schnell und wie gut das Geschehene verarbeitet werde, da verschiedene Menschen dieselbe Situation meist unterschiedlich erlebten.

Könne der Betroffene das Geschehene im Nachhinein psychisch nicht verkraften, entwickele er in der Folge eine akute oder andauernde Belastungsstörung. Er fühle sich oft erschöpft, leide an Konzentrationsstörungen und sei leicht reizbar, erklärt der Experte.

Viele Menschen, die eine belastende Situation durchgemacht haben, entwickeln auch gesundheitliche Probleme, berichtet Senf weiter: „In Deutschland leiden etwa drei bis vier Prozent der Bevölkerung an Traumafolgestörungen, die sich unter anderem in Form von Angstzuständen, Schlafstörungen oder Depressionen äußern.”

Es könne auch zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen - sogar einem Herzinfarkt - oder Lungenerkrankungen kommen. Und auch das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, sei bei den Betroffenen erhöht, berichtet Martin Sack, Leitender Oberarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar in München und Vorsitzender der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie e. V.

„Manche Menschen erkennen nicht, dass sie an Traumafolgestörungen leiden”, erklärt Wolfgang Senf. „Sie merken zwar, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist, wissen aber nicht warum.” Vielmehr stelle sich bei ihnen der Gedanke ein, dass sie körperlich oder psychisch krank seien. Dass ihr Körper das Erlebte aber nicht verarbeiten könne, sei ihnen nicht bewusst. „Die Patienten geben sich selbst die Schuld”, beschreibt Martin Sack seine Erfahrungen.

Traumatisierte Personen vermeiden es zudem häufig, den Ort des Ereignisses aufzusuchen oder sich in ähnliche Situationen zu begeben. „Der Betroffene erlebt das Ereignis immer wieder”, erklärt Martin Sack. Er könne selbst nicht steuern, wann er das Ereignis im Kopf durchspiele, zum Teil erlebte er die Szenen auch nur bruchstückhaft. Merke man nach einem traumatischen Erlebnis, dass man bestimmte Situationen vermeide, wie zum Beispiel im Dunkeln hinauszugehen, dann sei es ratsam, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.

Nur so ließen sich auch die körperlichen Beschwerden abbauen. „Wichtig ist vor allem, dass die Traumafolgestörung zunächst richtig diagnostiziert wird, da sie nur dann richtig behandelt werden kann”, erklärt Martin Sack. „Wünschenswert wäre es auch, wenn beispielsweise ein Unfallopfer in der Notaufnahme darauf hingewiesen wird, dass es psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen sollte, wenn es nach dem Unfall an bestimmten Anzeichen wie Schlaflosigkeit und Konzentrationsstörungen leidet.”

In einer Traumatherapie wird der Betroffene mit seinen Erinnerungen konfrontiert. Auf diese Weise kann er seine belastenden Erfahrungen durcharbeiten und erleben, was er in dieser Situation gedacht und gefühlt hat. Dabei sind die Erfolgsaussichten einer solchen Therapie sehr gut, wie Martin Sack erläutert: „Bei Patienten mit einem einmalig traumatisierenden Ereignis reichen in der Regel fünf bis zehn Sitzungen. Bei Patienten mit langjähriger Traumatisierung bedarf es aber wesentlich mehr Zeit.”

Und auch Wolfgang Senf erlebt in der Praxis immer wieder, dass die Therapie bei Traumapatienten gut anschlägt: „In unserer Trauma-Ambulanz erleben wir oft, dass es vielen Patienten schlagartig besser geht, wenn sie verstehen, was mit ihnen los ist.” Mit bestimmten Stabilisierungsübungen lernten sie, Selbstheilungskräfte zu mobilisieren und so auch den Kontrollverlust über den Körper während des traumatisierenden Ereignisses zu bewältigen. Therapiebegleitend sei auch ein stabiles soziales Umfeld förderlich für den Heilungsprozess, erklärt Wolfgang Senf: „Gerade bei Patienten, die zum Beispiel Opfer eines Überfalls wurden, kann soziale Unterstützung sehr hilfreich sein.” Und auch Martin Sack stimmt zu, dass eine Bezugsperson, der man nahe stehe, für Traumapatienten enorm wichtig sei: „Sie kann den Betroffenen unterstützen und auch ein offenes Ohr für ihn haben, wenn er über seine Probleme reden möchte.”
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