Keine Rabenmütter, aber krank

Von: Grit Schorn
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Als die Schauspielerin Brooke Shields sich mit ihrer postpartalen Depression an die Öffentlichkeit wandte, riet ihr Kollege Tom Cruise zu einer Vitaminkur als Heilmittel.

Doch die betroffenen Frauen brauchen mehr als Vitamine. Vor allem brauchen sie nicht das Vorurteil, sie seien egoistische „Rabenmütter”. Oft trifft es sogar jene Frauen, die besonders „perfekt” und allumfassend für ihr Baby sorgen wollen.

Über die Hälfte der Mütter durchleben den „Babyblues”, ein Stimmungstief, das in den ersten zehn Tagen nach der Geburt auftreten kann. Dauert diese Wochenbettdepression länger als 14 Tage, handelt es sich um eine ernsthafte Störung, auch postpartale (nachgeburtliche) Depression genannt.

In Aachen sind davon bei etwa 2400 Geburten im Jahr rund 300 Frauen betroffen, berichtet die Psychologin Brunhild Lienemann von der Beratungsstelle Pro Familia.

Die Erkrankung kann jederzeit im ersten Jahr nach der Geburt auftreten, oft entwickelt sie sich schleichend. Die Schwere des Krankheitsbildes, das in allen Bevölkerungsschichten auftritt, ist sehr unterschiedlich.

Erhöhte Empfindsamkeit

Die Frauen weisen erhöhte Empfindsamkeit auf. Stimmungsschwankungen, Traurigkeit, häufiges Weinen, schwere Müdigkeit und Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und Konzentrationsprobleme treten vermehrt auf. Im Vordergrund steht das Gefühl, das Kind nicht richtig lieben und keine Beziehung zu ihm aufbauen zu können. „Keine gute Mutter sein” ist der Vorwurf, den sich die Frauen selbst machen.

Schuldgefühle schließen den Kreislauf, aus dem die Betroffenen nicht mehr ohne Hilfe herausfinden. So auch Filmstar Brooke Shields, die medikamentös behandelt wurde und eine Therapie machte. Sie überwand die Krise und stellte das Problem, das so viele Frauen betrifft, in einem Buch vor.

Die Ursachen sind vielfältig, weiß die Gynäkologin Barbara Bohnen-Böhm: Hormonelle Faktoren, Erschöpfungszustände, körperliche und/oder seelische Belastungen, auch als Folge einer komplizierten Schwangerschaft und einer schwierigen oder gar traumatischen Entbindung, spielen eine Rolle. Aber auch belastende soziale Situationen, fehlender Rückhalt in der Familie, ein „schwieriges” Kind mit Anpassungsstörungen („Schreikind”) können zur Entstehung der Depression beitragen. Auch die Isolation durch den Ausstieg aus dem Berufsleben und überzogene Vorstellungen von „idealer Mutterschaft” können eine Depression hervorrufen.

Pro Familia in Aachen bietet in allen diesen Fälle Hilfe und Beratung an. Hier können betroffene Frauen den ersten Schritt zur Überwindung der Krise machen. Ursula Ewert, Sozialberaterin bei Pro Familia in Aachen, verweist eigens auf die „Anlaufstelle” in der Monheimsallee, wo viele Netzwerke zusammenlaufen. So sind auch die Hebammen von großer Bedeutung, die die Frauen nach der Entbindung noch weiter betreuen.

Selbsthilfegruppen

Bei Pro Familia finden die Frauen auch Informationen über entsprechende Selbsthilfegruppen, Kuren und Adressen von erfahrenen Frauen- und Kinderärzten. Beratungsgespräche, Psychotherapie und - wenn nötig - medikamentöse Behandlung sind ebenso wirkungsvoll wie Verständnis und Unterstützung durch Familie und Freunde.

Denn die betroffenen Frauen selbst ziehen sich zurück und sind meist nicht in der Lage, sich selbst Hilfe zu holen.

Erreichbar ist Pro Familia in Aachen unter 0241/36357.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert