Keine Angst vor der Narkose: Gute Aufklärung im Vorfeld hilft

Von: Bettina Levecke, dpa
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NARKOSE
Keine Angst vor der Vollnarkose: Vielen Patienten kann die Angst durch ein ordentliches Aufklärungsgespräch genommen werden. Foto: dpa

Mainz/Heidelberg. Ob kleiner oder großer Eingriff: Viele OP-Patienten graut es vor der Narkose. Zu Unrecht, wie Experten sagen. Drei, zwei, eins - Tiefschlaf! Ist die Narkose vom Anästhesisten gesetzt, dauert es nur noch einen Fingerschnipp, bis Patienten friedlich schlummern.

Genau das macht vielen Menschen Angst, erklärt Prof. Christian Werner, Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Universität Mainz. „Sie fürchten sich vor diesem Kontrollverlust.”

Kein Wunder: Der behandelnde Arzt ist dem Patienten meist kaum bekannt und dennoch gilt es nun, vollstes Vertrauen zu haben: „Um das zu erreichen, ist ein ausführliches Anästhesiegespräch erforderlich”, erklärt Werner.

15 bis 30 Minuten dauert das Gespräch zwischen Arzt und Patient in der Regel. Welche Risiken bringt der Patient mit? Gibt es andere Erkrankungen, zum Beispiel Allergien? „Mit diesem Wissen fertigt der Anästhesist eine für den Patienten maßgeschneiderte Narkose.” Diese ist ganz individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt.

„Wenn der Patient darüber aufgeklärt ist, sind schon viele Sorgen genommen”, sagt auch Andreas Walther, Leitender Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Doch diesen beruhigenden Worte steht die Einverständniserklärung entgegen, die jeder OP-Patient unterzeichnen muss.

„Die aufgeführten Nebenwirkungen und Folgerisiken erschrecken natürlich”, gibt der Mediziner zu. „Aber auch bei jedem Kopfschmerzmedikament ist der Beipackzettel seitenlang.” Werner fügt hinzu: „Wir müssen uns natürlich absichern, denn ein Restrisiko bleibt immer bestehen.”

Drei Medikamente kommen bei einer Narkose zum Einsatz: „Ein Hypnotikum sorgt für die Bewusstlosigkeit, Relaxanzien für entspannte Muskeln und Analgetika nehmen den Schmerz”, erklärt Berthold Bein, Facharzt für Anästhesiologie am Uniklinikum Kiel.

„Die modernen Medikamente sind alle fast ohne Nebenwirkungen”, erläutert Werner. In seltenen Fällen kommt es kurz nach dem Eingriff zu Übelkeit oder Erbrechen. „Wer während der Operation intubiert, also beatmet wurde, hat manchmal auch Halsschmerzen oder Heiserkeit”, ergänzt Walther.

Die Angst, mitten in der Operation zu erwachen, begleitet viele Patienten. „Rein theoretisch kann das natürlich passieren”, räumt Werner ein. „Praktisch aber eigentlich nicht.”

In der Mainzer Klinik wird jährlich rund 25.000 Mal operiert. „Ich hatte in fünf Jahren nur einen Patienten, bei dem so ein Verdacht bestand.” Bewiesen werden konnte das Erwachen nicht, auch der Patient erinnert sich nicht genau.

Werner versichert: „Die meisten Kliniken verfügen heute über hochmoderne Überwachungsgeräte, die die Narkosetiefe während der Operation messen.”

Zeigen sich Veränderungen, zum Beispiel bei den Gehirnströmen, greift der behandelnde Arzt sofort ein. „Der Patient wird die ganze Zeit vom Anästhesisten bewacht und eine zu flache Narkose sofort erkannt.” Laut Bein ist die Betreuung während der Operation noch umfangreicher als die auf einer Intensivstation.

Und wie hoch ist die Gefahr, nach der OP nicht mehr aufzuwachen? „Die Narkosemittel sind heute genau steuerbar”, beruhigt Werner. „Wir können die Medikamente auf den Punkt dosieren und fast auf die Minute sagen, wann ein Patient erwachen wird.” In der Regel sind Patienten schon kurz nach dem Eingriff wieder ansprechbar.

Tatsächlich ist das Risiko, an einer Narkose zu sterben, sehr gering: „Bei der Vollnarkose kommt statistisch auf 200.000 Operationen ein narkosebedingter Todesfall”, sagt Werner.

Das Risiko sei ähnlich niedrig wie die Gefahr, bei einem Flug abzustürzen, ergänzt Bein. „Nicht die Narkose ist das Problem, sondern die Begleiterkrankungen, die ein Patient mitbringt.” Denn ein schwaches Herz oder Stoffwechselerkrankungen erhöhen das Risiko für Komplikationen während der OP: „Aber das wird mit dem Patienten im Vorgespräch genau betrachtet”, betont Werner.

Wie ein Pilot

„Ein Anästhesist ist wie ein Pilot”, vergleicht Prof. Christian Werner von der Universität Mainz die ärztliche Leistung. Start, Flug und Landung: „Wir sind während der ganzen OP beim Patienten, führen ihn sicher durch die Narkose.”

Oft würden Patienten im zuständigen Arzt nur den „Betäuber” sehen. Tatsächlich seien Anästhesisten aber viel mehr als das: Um das optimale Narkosekonzept zu entwickeln und Risiken eindämmen zu können, verfügen sie über ein breites Fachwissen. Sie sind Notärzte, Schmerztherapeuten, Narkose- und Intensivarzt in einer Person. Ob Kardiologie, Neurologie oder Innere Medizin - sie müssen den ganzen Körper genau kennen, um optimal entscheiden zu können.
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