Ins Unbewusste abtauchen: Die Psychoanalyse

Von: Christiane Löll, dpa
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Berlin. „Sich auf die Couch legen” - dieser Begriff wird häufig verwendet, wenn es um eine Psychotherapie geht. Genau genommen trifft er jedoch nur auf die analytische Psychotherapie und die klassische Psychoanalyse zu.

Bei dieser Therapieform liegen die meisten Patienten, aber nicht alle, tatsächlich auf einer Couch im Behandlungszimmer, und schauen den Therapeuten während der Sitzung nicht an. „Dies soll es dem Patienten erleichtern, sich mit seiner inneren Welt, seinen Gedanken und Gefühlen zu beschäftigen”, sagt Prof. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer.

Die Psychoanalyse geht auf den Arzt Sigmund Freud (1856-1939) zurück. Freud entwickelte die Vorstellung, dass jeder Mensch drei psychische Instanzen in sich hat: Das Es für unbewusste Triebe, das Über-Ich für eine Art Gewissen und Werte, die dem Menschen vermittelt wurden, sowie das Ich als eigentlich handelnder Mensch.

„Im Verlauf der Jahre entwickelten sich unterschiedliche Richtungen, die sich unter anderem in den verschiedenen Fachgesellschaften widerspiegeln, aber nicht in den Grundannahmen unterscheiden”, sagt Anne Springer, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie. Eine verwandte Therapieform ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Psychoanalytiker gehen davon aus, dass Unstimmigkeiten zwischen den drei Instanzen und ungelöste Konflikte in der Kindheit und Jugend zu seelischen Krankheiten führen können. „Auch wenn es nicht nur oder hauptsächlich um die Kindheit geht, so spielen doch Biografie und Vergangenheit eine wichtige Rolle”, sagt Wendula Walther-Kirst vom Michael-Balint-Institut, einem Ausbildungsinstitut unter anderem für Psychoanalytiker in Hamburg.

Bei der Psychoanalyse wird der Patient dazu angehalten, möglichst frei zu erzählen, was er gerade denkt und fühlt - die Rede ist vom freien Assoziieren. Mit der sogenannten gleichschwebenden Aufmerksamkeit hören Psychoanalytiker zu und versuchen, Muster zu ergründen, die immer wieder kehren. „Dabei entwickelt sich eine Beziehung, die nicht nur auf die reale Person des Analytikers bezogen ist, sondern der Patient überträgt und projiziert zunächst unbewusst seine im Leben durchgemachten Gefühle oder Beziehungen auf den Therapeuten”, erklärt Klaus Poppensieker, Leiter des Hamburger Ausbildungsinstituts für Psychoanalyse und Psychotherapie der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft.

Beispiele seien Autoritäts- oder Versagensängste, die den Menschen unglücklich oder depressiv machen könnten, erklärt Poppensieker. Der Analytiker versuche, dem Patienten im Laufe der Zeit solche Übertragungsmuster zu spiegeln, sodass bisher unbewusste und vermiedene Gefühle - die zu Symptomen geführt haben - spürbar werden. Er biete sich an, tief sitzende Wünsche oder alte Konflikte, beispielsweise mit den Eltern, aufzunehmen, um sie dann mit dem Patienten zu bearbeiten.

Für welche Patienten eine analytische Psychotherapie am besten geeignet ist, ist - wie bei allen Verfahren - Gegenstand der Forschung und wird durchaus kontrovers diskutiert. Prof. Sabine Herpertz von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde sieht eine klassische Psychoanalyse vergleichsweise selten angezeigt, etwa bei leichten Depressionen.

Man wisse, dass die analytischen Verfahren wirksam seien, sagt Richter. „Aber wir haben eine unbefriedigende Datenlage, welches psychotherapeutische Verfahren wirklich am besten bei welcher Erkrankung indiziert ist”, ergänzt er. „Man darf aber nicht vergessen, dass es bei einer Psychotherapie sehr auf den Wunsch des Patienten ankommt, welche Therapieform er sich vorstellen kann.”

Nach Anne Springers Einschätzung eignet sich eine analytische Psychotherapie unter anderem bei Persönlichkeitsstörungen, die mit gestörten Beziehungen einhergehen. Für Depressionen gebe es gute Nachweise, dass eine Analyse wirkt, weniger jedoch bei Ess- oder Zwangsstörungen. Als nicht geeignet für eine Psychoanalyse gelten laut Springer beispielsweise akute Psychosen.

Und bei Angststörungen kommt es nach Expertenauskunft auf die Symptome an: etwa, ob die Angst konkret auf eine Sache wie Spinnen oder Dunkelheit gerichtet ist - dann sei gegebenenfalls eine Verhaltenstherapie sinnvoll - oder ob eine generelle Ängstlichkeit vorliegt, die den Patienten sehr einschränkt. Dann bieten sich demnach gegebenenfalls psychoanalytisch orientierte Verfahren an.

Die Zugehörigkeit eines Psychoanalytikers zu einer der Fachgesellschaften spielt bei der Suche nach einem geeigneten Therapeuten meist keine Rolle. Wichtig sei, ob der Patient Vertrauen in den Therapeuten fassen könne, und ob dieser in der Lage sei, den Patienten zu verstehen und auf ihn einzugehen. „Im Prinzip ist es ähnlich wie vor einer Ehe”, sagt Anne Springer von der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie. „Ich muss mich fragen: Kann ich mit dieser Person in guten wie in schlechten Zeiten eine langjährige Beziehung haben?”
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