Impfen? Sogar die Ärzte sind verunsichert

Von: Christoph Classen
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AZ-Forum Medizin: Die Zuhörer erfuhren, dass das H1N1-Virus aus Expertensicht ein Raubtier ist: „So lange es genug zu fressen findet, wird es sich nicht verändern.” Foto: Steindl

Aachen. Sie erinnern sich sicher noch an Tamiflu. In großen Mengen wurde die Arznei einst eingelagert. Das war, als ein Virus namens H5N1 für große Schlagzeilen und Verunsicherung sorgte. Vogelgrippe. Mittlerweile kräht kein Hahn mehr danach.

Seit Jahresbeginn steht nun das H1N1-Virus, die Schweingrippe, im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung. Auch diesmal ist die Verunsicherung groß.

So groß, dass AZ-Redakteurin Sabine Rother am Donnerstag zu einer Spezialausgabe des AZ-Forums Medizin eingeladen hatte, das regelmäßig hunderte Zuhörer ins Aachener Uniklinikum lockt. So auch beim Thema: „Streitfrage Impfen”.

Und mindestens einer der Besucher hatte die Vogelgrippe nicht vergessen. Ob sich das ganze eingelagerte Tamiflu nicht auch für die Behandlung der Schweinegrippe eigne. In Mexiko sei das ausprobiert worden, die Ergebnisse seien recht positiv, sagte Stefan Krüger, Leiter der Lungenfachsektion im Klinikum. Allerdings: Tamiflu lindere nur die Schweingrippe-Symptome, eliminieren könne es die Viren nicht. Sebastian Lemmen, Leiter Infektiologie im Klinikum, warnte eindringlich davor, aus Prophylaxegründen eigenmächtig Arzneien einzuwerfen: „Nur etwas nehmen, wenn der Arzt es verschreibt.” Denn H1N1 sei klug: „Je öfters es mit etwas in Kontakt kommt, dass ihm schadet, desto besser stellt es sich darauf ein.”

Noch sei das Virus wenig mutationsfreudig. „In den relevanten Genteilen hat es sich bislang nicht verändert”, sagte Klaus Ritter, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Klinikum. Sobald das Virus aber dazu in der Lage sei, werde es ungleich gefährlicher. Noch seien dafür aber keine Anzeichen erkennbar. Ritter: „Wir dürfen nicht vergessen: Wir haben es hier mit einem Raubtier zu tun. Und so lange es genug zu fressen findet, wird es sich nicht verändern.”

Ob die Impfung ein absolut zuverlässiger und verträglicher Schutz gegen die Schweinegrippe ist, vermochte keiner der Experten zu sagen. Ihnen fehlen einfach die Erfahrungswerte. Hans-Dieter Hege, Allgemeinmediziner in Monschau: „Bei der normalen, saisonalen Influenzaimpfung kann ich langfristige Schäden ausschließen. Bei der H1N1 dagegen nicht. Da gibt es einer große Unsicherheit.”

Die ist noch größer geworden, seit bekannt ist, dass verschiedene Impfstoffe gegen die Schweinegrippe existieren. „Aber die, die in Europa verimpft werden, sind sich alle sehr sehr ähnlich”, sagte Ritter. Das Problem, betonte Lemmen, bleibe das der kleinen Zahlen. Normalerweise brauche ein Impfstoff eine mindestens zehnjährige Erprobungszeit. Ein gewisses Restrisiko wollte deswegen keiner der Mediziner ausschließen.

Schwangeren empfahl Nicolai Maass, Direktor Frauenklinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin am Klinikum, auf einen neuen Impfstoff ohne Verstärkersubstanz zu warten. Er stehe kurz vor der Zulassung.
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