Neumünster - Hightech hinterm Ohr: Hörgeräte können viel und fallen kaum auf

Hightech hinterm Ohr: Hörgeräte können viel und fallen kaum auf

Von: Felix Rehwald, dpa
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Hörgerät
Hörgeräte müssen vom Fachmann angepasst werden, damit sie perfekt sitzen - manchmal sind dafür mehrere Termine erforderlich. Foto: dpa

Neumünster. Sie sind meist ungeliebt, bringen für Ältere aber viel Lebensqualität: Hörgeräte. Bei der Wahl des passenden Modells hilft der Hörgeräteakustiker. Etwas Geduld gehört aber auch dazu: Bis das Gerät perfekt eingestellt ist, kann es Wochen dauern.

Mit der Schwerhörigkeit ist das so eine Sache: Ältere Menschen blenden das Thema gerne aus oder schalten auf stur, wenn ihre Angehörigen sie auf ein Hörgerät ansprechen. Partner, Kinder und Enkel wiederum könnten in die Luft gehen, wenn als Antwort auf jede zweite Frage ein „Hä? Was?” kommt. Dabei haben Schwerhörige kaum noch einen Grund zur Befindlichkeit. Moderne Hörgeräte sind technisch ausgereift, angenehm zu tragen und fallen wegen ihrer geringen Größe kaum noch auf.

Behandeln lässt sich eine Schwerhörigkeit nach Angaben von Jan Löhler vom Deutschen Berufsverband der HNO-Ärzte in Neumünster mit einem Hörgerät, einem Implantat oder mit Hilfe einer Operation. Welche Möglichkeit der HNO-Arzt in Betracht zieht, hänge von der Art der Schwerhörigkeit ab. „Denn hinter einer Schwerhörigkeit können verschiedene Ursachen stecken”, erklärt der Facharzt für HNO-Heilkunde.

Sorgen Gewebeneubildungen, die den Hörnerv abquetschen, für Beeinträchtigungen, würden diese operativ entfernt. „Es wird dabei eine kleine Prothese eingesetzt, damit die Gehörknöchelchen wieder schwingen”, erklärt Löhler. Diese passiven Elemente stellen die Schallübertragung wieder her.

Bei der normalen Abnutzungs-Schwerhörigkeit, die aufgrund von Verschleiß der äußeren Haarzellen im Innenohr früher oder später jeden Menschen trifft und die mit Abstand die häufigste Ursache für Schwerhörigkeit ist, kommen dagegen Hörgeräte zum Einsatz.

Ihr grundlegendes Funktionsprinzip ist einfach: Bei analogen Geräten nimmt ein Mikrofon Geräusche und Stimmen auf, die von einem Verstärker aufbereitet und von einem Mini-Lautsprecher im Gehörgang wiedergegeben werden, erläutert Karl-Heinz Möckel, Vizepräsident der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker. Die heute üblichen digitalen Hörgeräte besitzen zum Teil sogar mehrere Mikrofone und statt eines Verstärkers einen leistungsstarken digitalen Signalprozessor.

So ist der Mikrochip laut Möckel in der Lage, zwischen Störgeräuschen und Stimmen zu unterscheiden, die Störgeräusche herauszufiltern und die Sprache gezielt zu verstärken. Auch nervige Rückkoppelungen beim Gebrauch elektronischer Geräte würden unterdrückt.

Auch der Tragekomfort ist bei modernen Hörgeräten viel besser als bei den früher üblichen klobigen Analog-Geräten, sagt HNO-Arzt Löhler. Ein weiterer Vorteil: Wegen ihrer geringen Größe fallen digitale Hörgeräte hinter dem Ohr kaum noch auf.

Durch die Digitaltechnik ist es außerdem möglich, das Hörgerät feiner auf seinen Träger abzustimmen. Dazu analysiert der Hörgeräteakustiker zunächst Hörvermögen und -bedarf des Betroffenen. Denn Patienten mit einem kommunikationsintensiven Beruf stellen andere Anforderungen an ein Hörgerät als Menschen, die eher wenig Kontakt haben oder die gerne in Klassikkonzerte gehen.

Aus mehr als 500 aktuellen Hörgeräten sucht der Fachmann dann laut Möckel eines aus und passt es an den Träger an. „Das ist ein Prozess, der Wochen oder Monate dauert”, erläutert Möckel. Denn oft muss sich der Träger an die neue Hörqualität gewöhnen und merkt erst mit der Zeit, dass etwas noch nicht richtig justiert ist.

Eine weitere Möglichkeit, Hörschäden zu behandeln, sind Implantate bestehend aus einem Empfangsteil und einem Audioprozessor. Das Empfangsteil wird dabei operativ in den Kopf eingesetzt, der Audioprozessor hinter dem Ohr getragen. Vorstellen müsse man sich das als „ein Hörgerät, das eingeschraubt ist”, erklärt HNO-Arzt Löhler bildhaft. Ihr Vorteil: Der Gehörgang bleibt vollständig offen.

So sehr der technologische Fortschritt es Schwerhörigen inzwischen auch erleichtert, ein Hörgerät zu tragen: Viele können sich dennoch nicht dazu durchringen. „Ein Ding hinterm Ohr ist nicht sexy”, sagt HNO-Arzt Löhler. Eitelkeit halte gerade viele ältere Menschen davon ab. Schwerhörigkeit werde als Makel empfunden, nennt der Deutsche Schwerhörigenbund als Begründung.

Schätzungen zufolge seien 30 bis 40 Prozent aller Menschen über 65 Jahre hörgeschädigt. Weniger als die Hälfte derjenigen, die ein Hörgerät benötigen, besitze auch eins. Und allzu oft lägen vorhandene Hörgeräte unbenutzt in der Schublade.

Immerhin beobachtet Jan Löhler ein Umdenken bei Betroffenen ab einem Alter von etwa 50 Jahren, die durch ihre Schwerhörigkeit auch Schwierigkeiten im Beruf haben. „Da ist die Bereitschaft, ein Hörgerät zu tragen, durchaus da”, sagt der HNO-Arzt. Er empfiehlt, ein Hörgerät zunächst kostenlos beim Hörgeräteakustiker auszuprobieren.

Sture Angehörige ließen sich umstimmen, indem man an ihre Zukunft appelliert: Ein Hörgerät ermögliche oft erst wieder die Teilhabe am sozialen Leben - und es verhindere, dass Schwerhörige intellektuell verkümmern. Denn mit der Zeit gehe auch Intelligenz verloren, wenn Schwerhörige nicht mehr kommunizieren und sich aus Scham aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen. Dieses Argument ziehe meistens, so Löhler: „Man packt die Leute bei der Vernunft.”


Krankenkassen zahlen Festbetrag für Hörgeräte

Eine Frage, die sich bei der Wahl eines Hörgerätes früher oder später stellt, ist die nach den Kosten. Moderne Hörsysteme kosten laut Karl-Heinz Möckel von der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker zwischen rund 600 Euro für ein Einstiegsgerät - diese Kosten werden von den Kassen als Festbetrag übernommen, nur eine gesetzliche Zuzahlung von zehn Euro wird fällig - bis etwa 2500 Euro für ein HighEnd-Modell.

„Alle sechs Jahre übernimmt die Krankenkasse bei Schwerhörigen den Festbetrag für Hörgeräte”, erklärt der Innungsvizepräsident. Pro Ohr seien das rund 600 Euro. Darin enthalten seien allerdings das Gerät, die Dienstleistung des Hörgeräteakustikers und Reparaturen.

Für den Festbetrag gebe es moderne volldigitale Geräte, sagt Möckel. Dabei handele es sich um Basismodelle. Für ein Gerät im mittleren Preisbereich mit Zusatzfeatures müssten Patienten mit einem Eigenanteil von etwa 500 bis 1000 Euro rechnen.

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