Giftige Plagegeister: Was tun, wenn die Wespe sticht?

Von: Ilka Lehnen-Beyel, ddp
Letzte Aktualisierung:
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Ein Stich von einer Wespe: Für Allergiker kann er gefährlich werden. Die Folgen reichen von starken Schwellungen über Atemnot bis zu Kreislaufproblemen und einem anaphylaktischen Schock.

Wiesbaden. Sie gehören zum Sommer wie Grill und Sonnenbräune, sind jedoch weit weniger willkommen: Wespen. Jedes Jahr tauchen die gelbschwarzen Plagegeister in den heißen Monaten auf und umschwirren Kaffeetafeln und Grillgesellschaften - oft mit schmerzhaften Folgen für diejenigen, die die Insekten um sich schlagend zu vertreiben suchen.

In diesem Sommer ist die Stechquote allerdings extrem: „Vor allem in den letzten drei Wochen hat sich die Anzahl der Betroffenen im Gegensatz zu den Wochen zuvor verzehn- bis verzwanzigfacht”, berichtet der Wiesbadener Allergologe Ludger Klimek aus seiner Praxis.

Häufig passiert das Malheur, weil man die Gefahr im Getränk oder am nächsten Bissen einfach nicht gesehen hat: „Ich hatte jetzt ein paar Fälle, bei denen die Wespe im Strohhalm saß”, berichtet Klimek. Früher habe man Strohhalme immer empfohlen, um genau solche Fälle zu vermeiden - allerdings war das, „bevor die dicken Strohhalme in Mode kamen”, bemängelt er.

Wer gestochen wird, kann sich zuerst einmal mit ein paar Sofortmaßnahmen helfen. „Wichtig ist, die Einstichstelle - wenn irgendwie möglich - zu kühlen”, rät der Experte. Dabei ziehen sich die Blutgefäße zusammen, die Durchblutung sinkt und das Gift bleibt mehr oder weniger vor Ort.

Steckt der Stachel noch in der Haut, muss er sofort entfernt werden. „Man kann auch versuchen, etwas Gift durch Saugen aus der Wunde zu entfernen, das funktioniert allerdings nicht immer”, sagt Klimek. Ist man alleine, sollte man als nächstes Gesellschaft suchen, damit jemand helfen kann, wenn später eine allergische Reaktion einsetzt.

In zwei Fällen muss man allerdings sofort zum Arzt oder einen Notarzt rufen: Wenn die Wespe im Mund- oder Rachenraum zugestochen hat oder wenn es irgendwelche körperlichen Reaktionen gibt, die entfernt von der Einstichstelle auftreten. „Typisch sind hier zum Beispiel Jucken an Handflächen oder Fußsohlen, Kreislaufprobleme oder Atemnot”, erläutert Klimek.

Auch bei Nicht-Allergikern kann ein Stich im Mund- oder Rachenbereich wegen der starken Schwellung problematisch werden. Als Sofortmaßnahme kann man versuchen, etwas Kaltes zu trinken oder abschwellende Nasentropfen auf die betroffene Stelle träufeln. „Die Wirkstoffe reduzieren die Durchblutung und können so eine Schwellung unterdrücken oder zumindest verringern”, erläutert Klimek.

Ist es allerdings bereits zu einem ausgeprägten Ödem, einer Flüssigkeitsansammlung, gekommen, helfen die Tropfen nicht mehr - dann muss der Notarzt gerufen werden.

„Wespengiftallergien gehören zu den gefährlichsten Allergieformen überhaupt und können auch Todesfälle verursachen”, betont Klimek. Die Anzahl der Betroffenen nimmt seit Jahren ständig zu. Das Problem: Bevor sie gestochen werden, wissen die meisten gar nichts von ihrer Allergie. Mehr als ein Drittel der behandelten Fälle sei vorher völlig ahnungslos, so der Experte, und daher auch nicht mit einem Notfallbesteck für den Fall der Fälle gerüstet.

Sobald man allerdings von seinem Problem weiß, sollte man sich auf jeden Fall behandeln lassen, appelliert Klimek nachdrücklich: „Die Therapiemöglichkeiten bei einer Wespengiftallergie sind mit weit über 90 Prozent Erfolgsquote sogar besser als bei Heuschnupfen.”

Im Allgemeinen wird dazu nach einer Induktionsphase von zwei bis vier Tagen, in der der Körper an das Gift gewöhnt wird, jeden Monat eine Spritze verabreicht, um eine Hyposensibilisierung zu erreichen. „Das dauert im Schnitt etwa drei Jahre - und danach sind Sie ihre Allergie mit höchster Sicherheit los. Eigentlich ist es erstaunlich, dass diese Möglichkeit nicht häufiger wahrgenommen wird”, resümiert Klimek.

Dass die schwarzgelbe Plage in diesem Jahr zumindest in Teilen von Deutschland so massiv ist, hat mehrere Gründe. Zum Teil steckt dahinter ein ungewöhnlich frühes Auftauchen der Hautflügler: Laut Melanie von Orlow, Wespenspezialistin beim Naturschutzbund Deutschland NABU, erreichen die Wespenvölker nämlich normalerweise erst in der zweiten Augusthälfte die erforderliche Stärke, um tatsächlich als Belästigung wahrgenommen zu werden.

„Das warme Frühjahr hat den Völkern einen optimalen Start geboten”, erläutert von Orlows Kollege Julian Heiermann, Zoologe beim NABU. Hornissen - als natürliche Feinde der Wespen - machen sich in diesem Jahr gleichzeitig rar, was den Wespen ebenfalls zugute kommt. Und zum dritten wird die Nektarversorgung der Tiere immer schlechter: „Schauen Sie sich einfach mal die Wiesen und freien Grünflächen an, dort finden Sie kaum noch blühende Pflanzen” so Heiermann. Dadurch leiden die Insekten an einem akuten Nektarmangel.

„Wespen fliegen auf Süßigkeiten, süße Getränke und Obst, weil der Zucker ihnen als Brennstoff für ihre eigentliche Mission dient: der Suche nach Eiweißfutter für ihren Nachwuchs”, erläutert Allergie-Experte Klimek. Grillwurst, Fleisch und Aufschnitt, aber auch überquellende Mülleimer und Tierkadaver erscheinen ihnen daher als willkommene und kostenlose Versorgungsstationen.

Kein Wunder also, dass die Tiere häufige Gäste am gedeckten Tisch sind. In Panik verfallen sollte bei einem solchen Besuch aber niemand: „Wespen sind an sich nicht aggressiv, sondern eher zurückhaltend. Sie werden nur böse, wenn sie sich oder ihren Nachwuchs bedroht sehen”, erläutert der Allergie-Experte.

Als eine solche Bedrohung kann übrigens auch Angstschweiß aufgefasst werden, berichtet Julian Heiermann, Panik ist also absolut kontraproduktiv. Auch schnelle Bewegungen sind zu vermeiden, ebenso wie bunte Kleidung - die verwechseln die Insekten nämlich gerne mit bunten Blüten. Wer blumig riechende Parfüms oder Shampoos benutzt, ist laut Heiermann ebenfalls ein beliebtes Ziel.
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