Gefährliche Nebenwirkungen: Rezeptfrei heißt nicht harmlos

Von: Barbara Erbe, dapd
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Ob Pillen-, Dragee-, Tabletten-, oder Kapselform - viele Medikamente sind rezeptfrei, aber deshalb längst nicht ungefährlich. Foto: ddp

Hannover/Berlin. Brummschädel? Halsschmerzen? Verspannter Rücken? Zwei von drei Deutschen erklären laut einer Allensbach-Umfrage angesichts von Praxis- und Rezeptgebühren: „Wenn ich mich krank fühle und denke, dass es nicht so schlimm ist, besorge ich mir in der Apotheke Medikamente.”

70 Euro gebe der durchschnittliche Deutsche pro Jahr aus eigener Tasche für Medikamente aus, heißt es in einem Bericht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Das ist immerhin ein Sechstel des gesamten Pro-Kopf-Umsatzes, Tendenz steigend. Umso wichtiger ist aber gute Beratung in der Apotheke.

„Rezeptfreie Medikamente sind zwar problemlos zu bekommen, unproblematisch sind sie aber nicht”, erklärt die Allgemeinmedizinerin und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Cornelia Goesmann. „Selbst so gängige und gern verwendete Mittel wie Paracetamol können bei Überdosierung schwere Leberschäden verursachen.”

Auch das Etikett „rein pflanzlich” bedeute keineswegs „unbedenklich”: „Johanniskrautprodukte zum Beispiel können die chemische Wirkung anderer Arzneien stark verändern und sollten auf keinen Fall ohne Absprache mit dem Arzt oder Apotheker eingenommen werden.”

Rezeptfreie Schmerzmittel sind besonders bedenklich

Schmerzmittel wie Paracetamol führen die Liste der selbst gekauften Arzneimittel an, fast jeder Zweite holt sie sich ohne ärztliche Verordnung. Und bei jedem fünften Fall gebe es dann ernsthafte Probleme, erklärt der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker, Martin Schulz.

Immer wieder komme es vor, dass Patienten mehrmals im Monat nach einem Schmerzmittel fragten. „Doch hoher Schmerzmittelkonsum kann selbst Kopfschmerzen auslösen”, warnt Schulz. „Rezeptfreie Mittel sind keineswegs harmlos. Sie sollten auf keinen Fall länger als drei Tage hintereinander und nicht häufiger als an zehn Tagen pro Monat eingenommen werden.”

Mittel gegen Erkältung stehen jetzt im Herbst ebenfalls hoch im Kurs, jeder Dritte besorgt sie sich auf eigene Rechnung. „Auch hier kann das Apotheken-Team wichtige Hinweise geben, ob ein Arztbesuch nötig ist”, erläutert Bundesapothekerkammer-Präsidentin Erika Fink - etwa wenn der Verdacht auf eine Influenza , eine „echte Grippe”, naheliegt.

Aber selbst ein zunächst harmlos verlaufender grippaler Infekt kann sich zu einem größeren Problem auswachsen, das ärztlich behandelt werden sollte: wenn die Stirn oder der Augenbereich schmerzen, bei eitrigem oder blutigem Auswurf oder wenn das Atmen oder Husten sehr wehtut. Auch wenn das Fieber auf über 39 Grad steige oder länger als zwei bis drei Tage anhalte, sollte nicht länger eigenständig herumgedoktert, sondern ein Arzt zurate gezogen werden, betont Allgemeinmedizinerin Goesmann.

Gewöhnung ist ein gefährlicher Faktor

Neben der Gefahr, einen nötigen Arztbesuch zu verschleppen, birgt der schnelle Gang zur Apotheke das Risiko einer Gewöhnung an bestimmte Mittel, die auch zu Medikamentenmissbrauch oder -abhängigkeit führen kann. Abschwellende Nasensprays oder -tropfen gegen Schnupfen sollten zum Beispiel nicht länger als eine Woche am Stück angewendet werden.

Denn sie enthalten Wirkstoffe wie Xylometazolin, Oxymetazolin, Tramazolin oder Naphazolin, die die Blutgefäße in der Nasenschleimhaut zusammenziehen. Nach einer Woche Dauerbehandlung aber kann die Schleimhaut noch stärker anschwellen, so dass die Nase dauerhaft verstopft. Die Folge: Patienten sprühen immer höhere Dosierungen, um noch eine Wirkung zu erzielen - und können dabei abhängig werden.

Ebenso muss bei rezeptfreien Abführmitteln - auch auf pflanzlicher Basis, etwa mit Sennesblättern - ohne ärztliche Kontrolle spätestens nach zwei Wochen Schluss sein. Ansonsten kann es sogar zu chronischer Verstopfung kommen. Denn der Elektrolythaushalt verschiebt sich und mit dem dünnflüssigen Stuhl geht viel Kalium verloren, was wiederum die Darmmuskulatur lähmen kann.

Besonders wichtig ist die nur kurzfristige Einnahme auch bei rezeptfreien Schlafmitteln. Denn deren Wirkstoffe Diphenhydramin, Dimenhydrinat oder Doxylamin verändern den Schlafrhythmus und machen den Schlaf weniger erholsam. Zwar können pflanzliche Präparate mit Baldrian, Hopfen oder Melisse eine Alternative sein. „Aber wer dauerhaft unter Schlafstörungen leidet, sollte auf jedem Fall zum Arzt gehen”, rät Goesmann.

Ob rezeptfrei oder nicht: Bei Kindern ist immer erhöhte Vorsicht geboten. Nur etwa 20 Prozent aller derzeit erhältlichen Medikamente sind nach dem Arzneimittelgesetz auch für junge Patienten zugelassen. Über Dosierung, Nebenwirkungen und Gegenanzeigen gibt es kaum verlässliche Daten.

So werden Arzneimittel bei Kindern bislang nach Erfahrungswerten dosiert, die in sogenannten pädiatrischen Dosistabellen aufgelistet sind. Selbst für Ärzte ist es oft schwierig, die richtige Dosierung zu finden. Für die Selbstmedikation sollten deshalb nur Präparate zum Einsatz kommen, die als für Kinder geeignet ausgewiesen sind und entsprechende Dosierungshinweise im Beipackzettel aufführen. Im Zweifelsfall sollte ein Kinderarzt zurate gezogen werden.

Ob ein krankes Kind zum Arzt muss oder ob Ruhe, Hausmittel und rezeptfreie Medikamente ausreichen, hängt vom Einzelfall ab. „Ein paar abschwellende Nasentropfen oder auch ein Fieberzäpfchen können einem Kind Erleichterung verschaffen”, sagt Ulrich Fegeler, Kinderarzt aus Berlin und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

„Wichtig ist aber, dass sie nur einmalig gegeben werden. Werden die Symptome dann nicht besser, braucht man einen Arzt und auf keinen Fall weitere Medikamente.” Schmerzmittel sollten Kinder grundsätzlich erst bekommen, wenn die Ursache der Schmerzen geklärt sei.
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