Gefährliche Cocktails: Muskelaufbau mit Pille und Pulver

Von: Eva Neumann, dpa
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Doping
Mindesten zehn Prozent der Fitness-Studiobesucher missbrauchen Medikamente, um ihre Muskelmasse zu steigern.

Saarbrücken. Unter Radsportlern, Leichtathleten, Gewichthebern und anderen Profisportlern ist Doping ein häufiges Vergehen. Doch auch rund 200.000 Freizeitsportler greifen zu Ampullen, Pillen und Pulvern, ergab die Gesundheitsberichterstattung des Bundes.

„Doping im Freizeitsport wird immer noch unterschätzt und ist verbreiterter als allgemein angenommen”, warnt Prof. Wilfried Kindermann vom Institut für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlands in Saarbrücken.

Mittlerweile gibt es mehrere große Studien zu Doping in Fitnessstudios. Kindermann bringt sie auf den gemeinsamen Nenner, „dass mindesten zehn Prozent der Studiobesucher Medikamente missbrauchen, Männer deutlich häufiger als Frauen”.

Am weitesten sind anabole Steroide verbreitet. Die Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron führen zu einer raschen Zunahme der Muskelmasse.

„Der Konsument sieht lange Zeit nur die vermeintlichen positiven Wirkungen”, erklärt Mario Thevis, Professor am Zentrum für Präventive Dopingforschung der Deutschen Sporthochschule in Köln.

„Er denkt: Ich habe es im Griff, ich bin einer von denen, die nicht von Nebenwirkungen betroffen sind.” Diese treten jedoch erst nach langer Zeit auf.

Das hat auch Jörg Börjesson aus Dorsten (Nordrhein-Westfalen) erlebt: Er begann mit 19 Jahren exzessiv im Fitnessstudio zu trainieren, schluckte dazu regelmäßig Pillen.

Erst nach Jahren kamen gesundheitliche Probleme - Nasenbluten, dann Magen- und Darmkrämpfe. Schließlich musste sich Börjesson einer Operation unterziehen: Durch das Testosteron waren ihm Brüste gewachsen, es bestand Verdacht auf Brustkrebs.

Heute versteht sich der Ex-Bodybuilder und Ex-Doper als „Präventologe”. Er geht in Schulen, informiert auf der Homepage http://www.doping-frei.de und betreut eine Telefon-Hotline.

„Ich spreche mit ganz vielen Leuten, die ihre Leistungen gezielt steigern wollen - im Sport oder auch im Beruf, zum Beispiel bei der Bundeswehr. Sie wissen ganz genau, was sie tun, und nehmen die Risiken in Kauf.”

Einer zweiten, bislang wenig erforschten Konsumentengruppe kommt es vor allem auf die Optik an, hat Börjesson beobachtet: „Vor allem in sozialen Brennpunkten ist die Körpersprache alles.

Viele Jugendliche dopen, um den Körper fit zu machen für die Straße.” Doping-Präparate seien die Drogen dieses Jahrhunderts. Bei diesen Nutzern gebe es kaum noch eine Verbindung zum Sport.

In ähnlicher Form finden sich solche Motive aber auch in den Fitnessstudios wieder. „Umfragen zufolge steht der Nutzen für das Aussehen bei mehr als der Hälfte der Studio-Besucher im Vordergrund”, sagt Präventionsexperte Thevis. Prof. Kindermann bestätigt: „Die Motive im Freizeitsport sind häufig narzisstischer Art, besonders ausgeprägt im Bodybuilding. Man möchte mit einem athletischen Körper imponieren.”

Neben anabolen Steroiden sind im Internet und auf dem Schwarzmarkt, bei Sportfreunden, aber auch auf Arztrezept und in der Apotheke zahlreiche weitere Präparate zu haben, die sich auf die körperliche Fitness auswirken: Stimulanzien wie Ephedrin steigern die Leistungsfähigkeit und Risikobereitschaft.

Wachstumshormone wie Erythropoietin, kurz Epo, erhöhen die Ausdauer. Mittel wie Acetylsalicylsäure oder Antirheumatika unterdrücken den Schmerz bei exzessivem Training.

„Oft wird ein Cocktail aus verschiedenen Präparaten genommen, und zwar ohne ärztliche Aufsicht”, sagt Thevis. Internet-Foren und einschlägige Literatur bieten scheinbare Sicherheit in Form von Gebrauchs- und Dosierungsanleitungen. Nur: „Der Konsument hat keine Möglichkeit, Wechselwirkungen einzuschätzen. Er kann die Konzentration und die Dosis nicht überprüfen.” Bis zu 30 Prozent der Substanzen enthielten nicht das, was drauf steht.

Die langfristigen Folgen des Medikamentenmissbrauchs reichen von Wachstumsstopp über Potenzstörungen, Verdickung der Herzmuskelwände und Leberkrebs bis zu psychischen Auswirkungen wie erhöhter Aggressivität. Das bedeutet persönliches Leid und massive Kostenbelastungen für das Gesundheitssystem.

Entsprechend einstimmig ist die Forderung nach Vorbeugung. „Dopingprävention muss, wenn sie effektiv sein soll, bereits im Kindes- und spätestens im Jugendalter beginnen”, sagt Kindermann und plädiert für eine Gesundheitserziehung in Schulen. Neben sportlichen Idolen können Übungsleiter eine wichtige Rolle übernehmen. „In den letzten Jahren wurde die Aufklärung über Doping ausgeweitet und in den Ausbildungsverordnungen für Trainer verankert”, sagt Michael Schirp, Sprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes in Frankfurt/Main. Die Experten hoffen, dass eine konsequente Doping-Bekämpfung im Profisport auf den Freizeitsektor ausstrahlen könnte.

Doping-Kontrollen im Freizeitsport?

In anderen Ländern, vor allem in Nordeuropa, werden auch im Breitensport Doping-Kontrollen durchgeführt. „In diesen Ländern gibt es auch strafrechtliche Möglichkeiten”, erläutert Anja Berninger, Justiziarin in der Nationalen Anti-Doping-Agentur Deutschland (NADA) in Bonn. Das ist in Deutschland jedoch nicht der Fall. Deshalb könnten Doping-Kontrollen zum Beispiel bei einem Städtemarathon höchstens anprangernde Wirkung haben.

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