Forum Medizin: Wirkstoff aus der Chilischote mildert Beschwerden

Von: Sabine Rother
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Wie beschreibt man Schmerz? FÀ
Wie beschreibt man Schmerz? Für den einen ist es ein furchtbarer Wirbel, ähnlich einem sich wiederholenden Stromstoß, bei anderen ein pochendes dumpfes Gefühl: „Viele leiden: Schmerz” lautet das Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen. Foto: imago/Jochen Tack (1) / Ralf Roeger (5)

Aachen. Er kann höllisch brennen, stechen und pochen, er hämmert, ist bohrend, schneidend, grell, dumpf - und rundum quälend. Schmerz bringt unser Leben aus dem Gleichgewicht und nimmt ihm seine Qualität. „Viele leiden: Schmerz” lautet das Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen am Dienstag, 12. Juni, 18 Uhr (Einlass 17 Uhr) im Großen Hörsaal 4 des Klinikums Aachen (Pauwelsstraße).

Wie unterscheiden sich die einzelnen Arten des Schmerzes? Wo kann man die Ursachen wirksam bekämpfen und wo kann man lediglich die Symptome mildern, weil der Schmerz bereits zur Krankheit geworden ist? Diese und viele Fragen mehr behandeln in dieser Veranstaltung sechs Expertinnen und Experten.

Rat und Auskunft geben: Dr. Till Wagner, Chefarzt der Klinik für Schmerztherapie und Palliativmedizin, Medizinisches Zentrum Städteregion Aachen, Betriebsteil Marienhöhe; Dr. Johannes Wüller, Medizinischer Leiter bei Home Care Aachen, Facharzt für Allgemeinmedizin/Palliativmedizin ; Dr. Dorothea von der Laage, Oberärztin der Klinik für Anästhesiologie und Leiterin der Schmerzambulanz, Universitätsklinikum Aachen; Marion Dederichs, niedergelassene Physiotherapeutin, Würselen; Bernd Heinrichs, niedergelassener Facharzt für Anästhesiologie, Arzt für Akupunktur, Aachen, sowie Dr. Felix Graf Stenbock-Fermor, Facharzt für Orthopädie, Aachen.

Sofort handeln

Sind die Ursachen für einen Schmerz erkennbar, etwa nach einem Unfall oder als Folge einer Operation, bestehen gute Chancen, ihn zu besiegen. „Deshalb ist es auch wichtig, sofort etwas zu unternehmen, etwa beim akuten Schulterschmerz”, betont Dr. Felix Graf Stenbock-Fermor. „Damit die Schulter nicht steif wird, muss sich der Betroffene bewegen können, und ein Schmerz, der länger als drei Monate anhält, droht, chronisch zu werden.”

Warum wirkt das?

Intensiv wird in der Forschung an neuen Verfahren im Einsatz gegen quälende Beschwerden gearbeitet. Und so entwickelte man unter anderem die „Periphere Pfefferschoten-Therapie”, die das in der Chilischote in einer Konzentration von 0,1 Prozent enthaltene Capsaicin nutzt. Bei scharfem Essen sorgt es für feurigen Genuss, die schärfste Konzentration beim Verzehr liegt jedoch nur im Bereich von 0,001 Prozent.

„Eine Wirkfolie, die in der Schmerztherapie eingesetzt wird, enthält einen achtprozentigen Capsaicin-Anteil, das ist eine etwa um das 8000-Fache höhere Konzentration”, betont Schmerzmediziner Till Wagner. „Die Reaktion der Patienten ist unterschiedlich, die Wirkung kann 90 bis 540 Tage anhalten.” Wie genau sich die Wirkung begründen lässt, ist noch nicht hundertprozentig geklärt. „Die Schmerzübertragung der Empfindungsnerven wird verringert, der Stoff verdaut feine Verästelungen der Nervenfasern”, beschreibt es Wagner, der zudem bei chronischem Schmerz - etwa im Rücken - die „gepulste Radiofrequenztherapie” einsetzt.

Durch die Einwirkung von gepulsten elektrischen Strömen kann der permanente Reizzustand der Nervenwurzeln, die seitlich aus der Wirbelsäule austreten, für eine gewisse Zeit beruhigt werden. Warum das gelingt, ist gleichfalls noch nicht klar. Häufig und reich an schmerzhaften Varianten ist der Kopfschmerz, wie Dr. Dorothea von der Laage aus der täglichen Praxis in der Schmerzambulanz des Klinikums weiß. „Vielfach haben wir es mit einem Spannungskopfschmerz zu tun, aber auch mit Migräne sowie mit einem Kopfschmerz, der häufig durch Schmerzmittelmissbrauch hervorgerufen wird”, weiß die Medizinerin.

„Impulse verselbstständigen sich, der Körper schaukelt sich quasi von selbst hoch, das alles spielt sich dann im Zentralen Nervensystem ab.” Unter ihren Patienten sind Menschen, die nach einer Operation oder nach einem Unfall die Schmerzen nicht mehr loswerden. Sie setzt auf drei „Säulen” bei der Behandlung: Physiotherapie, Psychotherapie und somatische Medizin, die gegen eine organische Erkrankung vorgeht. „Bereits chronifizierter Schmerz kann nur interdisziplinär behandelt werden”, betont sie.

Dehnung und Entspannung

Physiotherapeutin Marion Dederichs weiß, was sie meint: „Atemtechnik, bestimmte Dehnungen und Mobilisation können eine Menge bewirken”, sagt sie, die ihre Patienten aber auch darin trainiert, „in den Schmerz hineinzuatmen”, die mit ihnen traumatische Ereignisse aufarbeitet und Wege aufzeigt, Schmerz, der nicht zu besiegen ist, in einer gewissen Form anzunehmen und ihn so zu mindern.

Ein speziell geschulter Palliativmediziner weiß Wege, um Tumorpatienten in ihren unterschiedlichen Stadien durch Minderung von Beschwerden den Lebenswert zu bewahren. „Wir haben neue Möglichkeiten, die Wirkung von Opiaten, vor denen viele große Angst haben, so zu steuern, dass Patienten ihr Umfeld wach und nicht im Nebel wahrnehmen”, versichert Johannes Wüller, Medizinischer Leiter von Home Care Aachen.

„Nicht nur Tumorpatienten, auch alte und vielfach demente Menschen brauchen Schmerztherapie.” Besonders dort, wo die Kommunikation gestört ist, sind unerklärliche Unruhe und sogar aggressive Verhaltensweisen oft ein Hinweis auf Schmerzen. Wie kann hier eine Diagnostik gelingen, wie lässt sich die häufig verzweifelte Situation von Schmerzpatienten verbessern und kann man Schmerzen messen? Fragen, die beim AZ-Forum Medizin ins Gespräch kommen. Die Experten beantworten an diesem Abend auch die Fragen der Zuschauer.
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