Forscher befürchten Zunahme chronischer Nervenschmerzen

Von: Mia Hehn, dpa
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Kiel. So unangenehm es sich anfühlt, wenn die Hand die heiße Herdplatte berührt - der Schmerz erfüllt seinen Zweck: Die Hand zuckt zurück. Mit seinem Netz aus Milliarden Schmerzfasern verfügt der menschliche Körper über ein hocheffizientes Warnsystem, das ihn vor schädlichen Einflüssen und ernsthaften Verletzungen schützt.

Sind aber diese Nerven beschädigt, senden sie von sich aus Schmerzsignale, die keine Funktion mehr haben. Der Schmerz verselbstständigt sich und wird chronisch, die Betroffenen leiden sinnlos. Ihre Krankheit heißt neuropathischer Schmerz.

Nach Expertenmeinung droht in den kommenden Jahren ein dramatischer Anstieg der Patientenzahlen. Vor allem in den Industrienationen wächst die Zahl der Betroffen auf Grund der höheren Lebenserwartung. Doch erst seit wenigen Jahren haben die Mediziner die Möglichkeit, neuropathische Schmerzen zu behandeln.

Um Wirksamkeit der Behandlungsmethoden zu erhöhen, wollen die Forscher mehr über die Entstehung und Mechanismen des quälenden Schmerzes erfahren. Die Expertengruppe NeuPSIG, Tochter der Weltorganisation zum Studium des Schmerzes (IASP), hat aus diesem Grund nun zum zweiten internationalen Nervenschmerz-Kongress nach Berlin eingeladen. Vom 7. bis 10. Juni treffen sich dort 1500 Experten aus 63 Ländern.

Kongress-Präsident Prof. Ralf Baron von der Universitätklinik Kiel kennt die Ursachen neuropathischer Schmerzen: ?Diabetes oder Gürtelrose können Nervenschmerzen auslösen, weil dabei Nervenfasern zerstört werden. Bei Operationen oder Amputationen werden Nerven durchtrennt, die sich beim Versuch, wieder zusammen zu wachsen, in der Narbe verheddern und dann anfangen zu spinnen?.

Einige Patienten hätten wegen dieser Fehlfunktionen Missempfindungen wie Taubheitsgefühle oder Kribbeln, andere reagierten überempfindlich auf Temperaturreize oder Berührungen. Der Druck der Bettdecke oder der Duschstrahl auf der Haut könnten schon starke Schmerzen hervorrufen. Für einige Betroffene sei selbst ein Streicheln unerträglich. Chronische neuropathische Schmerzen führten daher oft zu weiteren Erkrankungen wie Schlafstörungen oder Depressionen.

Obwohl die Betroffenen nicht lebensbedrohlich krank seien, bedeute der Verlust der Lebensqualität enormes Leid, so der Experte. ?Der Schmerz allein reicht schon für die meisten Menschen, das darf man nicht vergessen. Das sind heftige Schmerzen, die schlecht zu therapieren sind und die Patienten in die soziale Isolation treiben.?

Zwar weiß man heute über Entstehungsmechanismen und Behandlung chronischer Nervenschmerzen viel mehr als noch vor zwanzig Jahren. Der Deutsche Forschungsbund Neuropathischer Schmerzen (DFNS) berichtet jedoch, dass noch häufig unzureichend therapiert wird. Viele Ärzte seien über den aktuellen Stand dieser jungen Wissenschaft zu wenig informiert, sagt Forscher Baron, der Sprecher des DFNS. ?Die technischen Mittel zur Erforschung von Nervenschmerzen gibt es erst seit den 80ern, das heißt 90 Prozent der Ärzte, die tätig sind, haben gar keine Chance gehabt über diese Dinge was zu lernen.?

Die Zeit dränge, so der Forscher, denn die Zahl der ursächlichen Krankheiten nehme weltweit rasch zu. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht in ihrem aktuellen Bericht beispielsweise von einer Verdopplung der Diabeteserkrankten bis zum Jahr 2030 aus. ?Die Leute werden immer dicker, die Kinder werden immer dicker, Diabetes und die damit einhergehenden Nervenschmerzen entwickeln sich zu einem großen volkswirtschaftlichen Problem.?

Schon heute verursachen falsche Diagnosen und unzureichende Therapien enorme Kosten für die jeweiligen Gesundheitssysteme. Allein in Deutschland haben laut DFNS knapp fünf Millionen Menschen neuropathische Schmerzen. Bei 600.000 bis 800.000 chronisch Kranken liegt ein schwer zu therapierendes Schmerzsyndrom vor, das immense Kosten verursacht.

Im Schnitt wechselt ein Patient acht Mal den Arzt, bis er an einen Spezialisten gerät. Unnötige Operationen und wiederholte Krankenhausaufenthalte tragen zu den hohen Ausgaben bei. Die Kosten, die allein durch schmerzbedingte Arbeitsausfälle entstehen, schätzt der DFNS auf rund 20 Milliarden Euro pro Jahr.

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