Berlin - Es knackt und knarzt: Zähneknirschen ist oft Folge von Stress

Es knackt und knarzt: Zähneknirschen ist oft Folge von Stress

Von: Eva Neumann, dpa
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Eine steifes Gefühl, wenn man morgens den Mund öffnet - das kann auf nächtliches Knirschen hinweisen. Foto: proDente e.V.

Berlin. Die Zähne beißt man nicht nur sprichwörtlich zusammen, wenn eine anstrengende Aufgabe bewältigt werden muss: Zähneknirschen, in der Fachsprache Bruxismus genannt, ist eine Volkskrankheit. Es könne davon ausgegangen werden, dass jeder fünfte Patient unter dem Phänomen des Zähneknirschens leidet, sagt Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer in Berlin.

„Bei jedem zweiten Patienten ist es zumindest zeitweise im Leben zu beobachten.” Die Folgen können für Zähne, Zahnhalteapparat und Muskulatur verheerend werden.

Um etwas gegen das Zähneknirschen unternehmen zu können, muss der Patient überhaupt merken, dass er knirscht. Das ist nicht so einfach. „Die Patienten bewegen den Kauapparat beim Knirschen immer unbewusst”, sagt Ingrid Peroz, Spezialistin für Funktionsstörungen am Institut für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Charitè in Berlin.

Der eine knirscht tagsüber, der andere beim Schlafen, der nächste sowohl tags als auch nachts. Dietmar Oesterreich schätzt, dass das Knirschen bis zu 45 Minuten täglich dauert. Dabei können die Kaumuskeln die Kiefer und damit die Zähne mit ungeheurer Kraft aufeinander pressen. „Der entstehende Druck kann bis zu 480 Kilo pro Quadratzentimeter betragen.”

Durch diesen hohen Druck kann zunächst die Zahnhartsubstanz geschädigt werden. „Vor allem kommt es zu Abrieb auf den Zahnflächen”, erläutert Peroz. Weitere mögliche Folgen sind feine Schmelzrisse, Zahnschmelzaussprengungen, abgesplitterte Ecken oder Schäden am Zahnersatz.

Im schlimmsten Fall kann ein Zahn durchbrechen. Für den Zahnmediziner sind Knirschrillen und Schäden an der Zahnhartsubstanz wichtige Merkmale für die Diagnose. Außerdem lockern sich die Zähne durch die Hin- und Herbewegung. Das Zahnfleisch geht zurück.

„Hinzu kommen Funktionsstörungen im Kiefergelenk und Schäden an der Muskulatur”, ergänzt Gundula Körber, Psychotherapeutin an der Universitätsklinik Kiel. Durch die starke Anspannung der Kaumuskulatur verspannen sich langfristig die Muskeln schmerzhaft - nicht nur im Bereich des Kauapparates, sondern im ganzen Kopf, im Nacken und die Wirbelsäule hinunter.

„Warnzeichen wie Spannungskopfschmerzen im Schläfen- und Wangenbereich, ein steifes Gefühl, wenn man morgens den Mund öffnet, sowie eine auffallend starke Muskulatur im Bereich der Kieferwinkel kann der Patient selbst wahrnehmen”, zählt Peroz auf. Solche Beschwerden sind zwar weniger spezifisch, liefern jedoch wichtige Hinweise für den Zahnmediziner.

Steht der Befund Bruxismus fest, geht es an die Suche nach den Ursachen. In Einzelfällen sind das Störungen beim Zusammenbiss der Kiefer. Die könnten durch ein Herauswachsen von Zähnen, Fehlen von Zähnen im Gegenkiefer oder eine Kippung von Zähnen in Zahnlücken bedingt sein, erklärt Oesterreich.

Aber auch nicht passende Kronen oder Füllungen nach einer zahnärztlichen Behandlung verursachten solche Störungen. An solchen Punkten kann eine zahnmedizinische Therapie ansetzen.

Allerdings finden sich nicht in allen Fällen körperliche Ursachen. Häufig kommen psychische Faktoren zum Tragen. „Von wesentlicher Bedeutung sind sogenannte Stressoren, insbesondere die Bewältigung von Alltagsproblemen und ein emotionales Ungleichgewicht des Patienten”, erklärt Oesterreich.

„Experten sprechen darüber hinaus von pathologischen Angst- und Unterdrückungsmechanismen.” Deshalb sollte das Zähneknirschen in vielen Fällen auch mit psychotherapeutischen Verfahren behandelt werden. Dafür ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Fachärzten notwendig.

„Entspannungsmethoden wie progressive Muskelrelaxation oder autogenes Training helfen dem Patienten, zunächst seine Anspannungszustände wahrzunehmen. Außerdem werden die Muskeln konditioniert”, erklärt Psychotherapeutin Körber. Schließlich lerne der Patient, seinen Stress anders als mit Knirschen abzubauen. Daneben können physiotherapeutische oder verhaltenstherapeutische Maßnahmen helfen.

Das wichtigste ergänzende Hilfsmittel ist eine Aufbissschiene aus Kunststoff: Sie wird auf einen der beiden Kiefer gestülpt und wirkt wie eine Schutzhülle für die Zähne, so dass diese nicht weiter geschädigt werden.

„Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass dieses Hilfsmittel das Knirschen kurzfristig auch dämpfen kann”, sagt Peroz. In schweren Fällen könne ergänzend ein Medikament zur Muskelentspannung verabreicht werden. Das wirke allerdings auf den gesamten Körper.

Wenn Kinder mit den Zähnen knirschen

„Im Alter von vier bis fünf Jahren knirschen nahezu alle Kinder”, erklärt Gundula Körber, Psychotherapeutin an der Universitätsklinik Kiel. Das sei kein Grund zur Besorgnis.

„Die Milchzähne suchen sich durch die Mahlbewegungen ihre endgültige Position.” Sie rät deshalb, zunächst abzuwarten.

Das sieht Ingrid Peroz vom Institut für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Charitè ähnlich: „Beim Wechselgebiss macht es überhaupt keinen Sinn, mit einer Schiene zu arbeiten. Das produziert möglicherweise mehr Schäden als das Knirschen an sich.”


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