Erlangen/Mainz - Epilepsie im Alter: Anfälle werden oft nicht erkannt

Epilepsie im Alter: Anfälle werden oft nicht erkannt

Von: Melanie Löw, ddp
Letzte Aktualisierung:

Erlangen/Mainz. Viele Ängste ranken sich um die Krankheit Epilepsie. Die plötzlich auftretenden Krampfanfälle wirken dramatisch und für Beobachter extrem beunruhigend.

Wird Epilepsie bei jungen Menschen in der Regel schnell diagnostiziert, bleibt die Krankheit bei Senioren oft unerkannt - obwohl die Zahl der Betroffenen durch die steigende Lebenserwartung kontinuierlich wächst.

Dass es bis zu einer Diagnose dennoch oft lange dauert, liegt unter anderem an der Tatsache, dass immer mehr ältere Menschen allein leben. Erleiden sie einen epileptischen Anfall, sind meist keine Angehörigen anwesend, die helfen könnten. „Kommt es während des Anfalls zudem zu Bewusstseinsstörungen, merken die Betroffenen in der Regel gar nicht, dass mit ihnen etwas nicht stimmt”, erklärt Professor Hermann Stefan, Leiter des Epilepsiezentrums des Universitätsklinikums Erlangen. Auch ein im Schlaf erlittener epileptischer Anfall bleibe oft unbemerkt.

Die Angehörigen können die Symptome meist nicht einordnen und schieben Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit oder Vergesslichkeit auf den Alterungsprozess. „Man geht der Sache nicht richtig nach”, ist die Erfahrung von Professor Stefan. „Viele Patienten gehen gar nicht erst zum Arzt oder sie kommen Stunden oder Tage später. Dann ist es aber oft schon zu spät, die Symptome sind in der Zwischenzeit wieder verschwunden.”

Darüber hinaus fehle bei älteren Patienten oft das Anfallsvorgefühl, wie es jüngere Menschen meist vor einem epileptischen Anfall erlebten, die sogenannte Aura. Auch könne es passieren, dass bei Älteren infolge eines epileptischen Anfalls Arm oder Bein gelähmt sind. Oftmals diagnostiziere der behandelnde Arzt dann fälschlicherweise einen Schlaganfall.

Doch auch wenn Angehörige bei einem Anfall zugegen sind, ist die Unsicherheit groß, was zu tun ist: Der Betroffene zuckt, seine Muskeln verkrampfen. Teilweise verliert er das Bewusstsein. In der Regel dauert ein solcher Anfall nicht länger als ein paar Minuten. Falsch sei es, dem Krampfenden einen Gegenstand zwischen die Zähne zu schieben, um einen Zungenbiss zu vermeiden, warnt die Landesärztekammer Baden-Württemberg. So richte man lediglich Schaden an den Zähnen an oder führe andere Verletzungen herbei.

Sofern möglich, sollte der Betroffene hingelegt werden, am besten in die stabile Seitenlage. Dabei dürfe er möglichst nur am Oberkörper angefasst werden: Beim Ziehen an Armen oder Beinen kann sich schnell ein Gelenk ausrenken. Gegenstände, an denen man sich verletzten könnte, sollten aus dem Weg geräumt werden.

War Epilepsie früher eine Krankheit, die hauptsächlich junge Menschen betraf, so sei sie heute eher als Alterserkrankung zu betrachten, erklärt Professor Konrad Werhahn, Oberarzt der Neurologischen Klinik der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.

Betroffene seien meist jenseits der 70. Oftmals gehe der Altersepilepsie ein Schlaganfall voraus. Aber auch kleinere Durchblutungsstörungen im Gehirn oder neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz und Alzheimer führen mitunter zu einer Epilepsie. Möglicherweise sei auch ein Ungleichgewicht bestimmter Nerven-Botenstoffe die Ursache, vermuten Wissenschaftler. In jedem Fall kommt es zu spontanen elektrischen Entladungen von Gehirnzellen: Das Gehirn verliert regelrecht die Kontrolle.

Sei eine Epilepsie-Erkrankung diagnostiziert, sollte sich der Patient in erfahrene Hände begeben, rät Werhahn. Die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie biete beispielsweise auf ihrer Internetseite eine Liste der Epilepsie-Ambulanzen und auf Epilepsie spezialisierten niedergelassenen Fachärzte an. Wichtig sei, dass der Patient dem Arzt vertraue und sich gut aufgehoben fühle.

In der Regel kann eine Altersepilepsie gut mit Medikamenten behandelt werden: „Antiepileptika scheinen bei älteren Patienten besser anzuschlagen als bei jüngeren Patienten”, erklärt Werhahn: „Leider gibt es aber bislang kaum Studien zur Medikamentenverträglichkeit.” Senioren hätten oft mit stärkeren Nebenwirkungen zu kämpfen, was es dem Arzt erschwere, ein geeignetes Medikament zu finden.

Da mit zunehmendem Alter auch die Stoffwechselleistung des Körpers abnehme und Wirkstoffe schlechter aufgenommen und abgebaut würden, müsse der behandelnde Arzt ein Auge auf die Medikamentendosis haben, ergänzt Hermann Stefan: „Die Nierenausscheidung bei älteren Patienten ist nicht mehr so effektiv wie bei jüngeren Menschen, so dass die Patienten eine niedrigere Dosis brauchen.”

Problematisch ist in den Augen des Fachmanns auch die Tatsache, dass viele Rentner mehrere Tabletten am Tag nehmen müssen und mit Wechselwirkungen zu kämpfen haben. Mancher allein lebende Senior verliere angesichts der Menge an Tabletten auch einfach die Übersicht. „Eine regelmäßige Einnahme ist aber wichtig, damit der Patient anfallsfrei bleibt”, erklärt Stefan. „Am besten wären hier Angehörige oder Pflegepersonal, die die regelmäßige Einnahme kontrollieren.”

Generell mahnt Konrad Werhahn zu einem Umdenken in der Gesellschaft: „Wir müssen lernen die Stoffwechselprozesse bei älteren Menschen besser zu verstehen. Außerdem müssen wir einen Weg finden, ältere Patienten fair und altersgerecht zu behandeln.” Altersepilepsie richtig zu erkennen und zu behandeln, wäre ein erster Schritt.
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