Die Qual der Facharztwahl

Von: Susanne Donner, ddp
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München. Nach einem Umzug trifft es früher oder später jeden. Vielleicht erst, wenn der Backenzahn zieht oder die Lendenwirbelsäule schmerzt. Aber spätestens dann drängt die Frage, wo der beste Zahnarzt oder der kompetenteste Orthopäde seine Praxis betreibt.

Mehr als 90 Prozent der Bürger finden den Arzttipp eines Bekannten oder Verwandten geeignet, wie der „Gesundheitsmonitor 2008” der Bertelsmannstiftung offenbart. Danach genießt die Meinung der Freunde den höchsten Stellenwert, gefolgt vom Rat des Hausarztes und von Empfehlungen aus dem Internet.

„Die Empfehlung eines Bekannten ist aber auf keinen Fall eine Garantie, einen guten Arzt zu finden”, wendet Jérome Nowak ein, Berater bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland in Ludwigshafen. Um Ausrutscher zu vermeiden, empfiehlt Barbara Bonleitner, Sprecherin des kommerziellen Arztbewertungsportals Jameda in München, zumindest nachzufragen, worauf der freundschaftliche Rat beruht, was in der Praxis auffiel, was gefiel und worauf gar keinen Wert gelegt wurde.

Nach dem Freund ist es der Hausarzt, auf den Patienten am ehesten hören. Üblicherweise empfiehlt der einen bestimmten Orthopäden, Internisten oder Immunologen. „Diese Ärzte kennen sich persönlich. Die haben ihre immer gleichen Wege”, gibt Miro Nitsch, Geschäftsführer des Bewertungsportal-Anbieters Medführer GmbH in Heidelberg zu bedenken, „zumindest sollte man nachhaken, warum ausgerechnet dieser oder jener Arzt empfohlen wird, und sich zusätzlich selbst schlau machen.”

Allerdings ist es schwierig, sich anderweitig zu erkundigen. Patientenberatungen und Verbraucherschutzorganisationen dürfen keine konkreten Empfehlungen aussprechen, sondern nur Listen herausgeben. Martin Emmert, Experte für Gesundheitsmanagement an der Universität Erlangen, sieht in Arztbewertungsportalen grundsätzlich eine Möglichkeit, einen guten Arzt zu finden. Mittlerweile gebe es mehr als ein Dutzend solcher Webseiten.

Emmert hat 15 verschiedene Portale wissenschaftlich überprüft. Diese gingen zwar in die richtige Richtung, um Patienten bei der Suche nach einem guten Arzt behilflich zu sein, urteilt er, allerdings seien sie noch nicht ausgereift genug. Die Anbieter würden nur einen Teil der wissenschaftlich relevanten Qualitätskriterien erheben, moniert er. Beispielsweise werde zu selten nachgefragt, ob die Patienten Hinweise auf weiterführende Informationen und Beratungsangebote bekommen.

Als weiteres entscheidendes Manko stellt Emmert heraus, dass die ersten Portale soeben erst die Marke von 100.000 Bewertungen überschritten hätten. Damit komme auf 130.000 niedergelassene Ärzte im Schnitt nur etwas mehr als eine Einschätzung, rechnet der Experte vor. Viele seien noch gar nicht beurteilt worden. Erst wenn deutlich mehr Patienten ihr Votum abgegeben hätten, entstehe ein verlässlicher objektiver Gesamteindruck. Ein Problem, das sich im Laufe der Zeit aber von selbst lösen dürfte, lautet Martin Emmerts Einschätzung.

Nichtsdestotrotz könnten die Portale Hinweise geben, wenn man sich über deren jeweilige Schwerpunkte im Klaren sei, urteilt Jérome Nowak von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland. Jameda frage beispielsweise ausschließlich „Wohlfühlfaktoren” ab, sagt Nowak: wie zufrieden man mit der Behandlung war, ob der Arzt sich Zeit genommen und alle Fragen beantwortet habe. Vielen Patienten ist gerade das ausgesprochen wichtig, wie die Gesundheitsmonitor-Umfrage klar darlegt.

Wer dagegen mehr Wert darauf legt, dass der Doktor viel Erfahrung hat und dass er nach dem modernsten Stand der Technik ausgestattet ist, der wird im Bewertungsportal von Jameda nicht fündig. Barbara Bonleitner verweist in diesem Fall auf die Focus-Ärztelisten, die über das Webportal verlinkt sind und die anhand von Befragungen des Nachrichtenmagazins Focus erstellt werden. „Hautärzte, Urologen, Implantologen, Hausärzte, Gynäkologen und Internisten werden dort porträtiert”, sagt Bonleitner.

Ein Problem aller Bewertungsportale ist, dass das medizinische Personal sich gegenseitig schlecht machen oder gute Zeugnisse ausstellen kann. „Das kommt vor. Man kann das nicht ganz ausschließen”, räumt Bonleitner ein. Wenn ein Nutzer allerdings mit einer Arzt-e-Mail-Adresse auftrete, dann werde das erstellte Profil gelöscht, versichert sie. Umgekehrt kommt es allerdings auch vor, dass Ärzte sich beschweren, wenn Patienten in der Bewertung behaupten, Opfer von Ärztepfusch geworden zu sein. „Wir nehmen das dann aus dem Netz, weil wir sonst beweisen müssten, dass der Patient recht hat”, sagt Bonleitner.

Miro Nitsch bestätigt, dass die Manipulation der Bewertungsportale durch Ärzte ein ungelöstes Problem sei. Genauso wie die Unabhängige Patientenberatung Deutschland rät er deshalb dazu, mehrere Informationsquellen zu Rate zu ziehen. Im Medführer des Unternehmens befänden sich ähnlich wie in den Focus-Ärztelisten ausführliche Porträts der Doktoren.

Zusätzlich sollte man sich mit Hilfe der Internetseite des Arztes erkundigen, worauf dieser spezialisiert sei, über welche Geräte er verfüge und welche Behandlungsmethoden er favorisiere, rät Nitsch. Gerade bei ungewöhnlichen Erkrankungen sei es ratsam, einen ausgewiesenen Spezialisten aufzusuchen. „Die Erfahrung eines Arztes ist mit das Wichtigste”, findet Nitsch. Im Zweifel sollte man ihn direkt danach fragen, ermuntert er. Der informierte Patient sei gegen Fehltritte am ehesten gewappnet.
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