Die Grippe ist da: „Es traut sich doch keiner, krank zu werden”

Von: Sarah Salin, epd
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Arbeitsmarktexperten machen vor allem die wachsende Angst vor Jobverlust in wirtschaftlich unsicheren Zeiten für die sinkenden Krankenstände in den ersten drei Quartalen verantwortlich. Foto: ddp

<b>Dortmund. </B>Die Grippe jagt durch Deutschland und verbreitet Husten, Schnupfen und Heiserkeit. Für die Erkrankten ist sie eine Plage - doch nicht nur für sie.

Auch die Wirtschaft leidet, und zwar an den betrieblichen Fehlzeiten, die jedes Jahr im Februar und November Spitzenwerte erreichen. Die Firmen werden durch die Grippeepidemien stark belastet, sagt Günter Eissing, Arbeitswissenschaftler an der Universität Dortmund. Mehr als 30 Milliarden Euro kosteten die Krankmeldungen die deutschen Unternehmen im Jahr 2007.

Eissing beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit dem Phänomen Fehlzeiten und weiß daher: „Mit Sicherheit hat die Arbeitsbelastung in den letzten Jahren stark zugenommen, trotzdem fehlen die Mitarbeiter immer weniger.”

Das bestätigt auch eine Studie des wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse AOK über die Fehltage ihrer Versicherten: Wurde 1997 noch jeder Arbeitnehmer durchschnittlich rund 18,5 Kalendertage im Jahr krankgeschrieben, waren es 2007 nur noch 16,4 Tage.

Nach Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums sank der Krankenstand von 4,1 Prozent im Jahr 1998 auf 3,2 Prozent im Jahr 2007. Und auch wenn der Durchschnittswert für 2008 mit 3,36 Prozent wieder leicht gestiegen ist - die Zahl der Krankheitstage bleibt auf einem niedrigen Niveau.

In den 70er Jahren habe es in manchen deutschen Automontagewerken 18 Prozent Fehlzeiten gegeben, berichtet der Dortmunder Wissenschaftler, der auch lange Zeit als Unternehmensberater tätig war. So hohe Prozentzahlen seien damals ganz normal gewesen - wenn auch ein wirtschaftliches Problem.

Zu den Gründen für die heute deutlich geringeren Fehlzeiten zählen Experten unter anderem medizinische Fortschritte. Erfolgreich sei auch das nachhaltige Gesundheitsmanagement in den Betrieben, sagt Helmut Schröder, Herausgeber der AOK-Studie.

Doch Arbeitswissenschaftler Eissing meint, dass die Hauptursache eine andere ist: „Es traut sich bei dem wirtschaftlichen Druck doch keiner mehr, krank zu werden.” Die anhaltende Angst vor einem Jobverlust sei extrem gestiegen, belegen auch weitere Studien über den Arbeitsmarkt.

Zudem bemühten sich manche Firmen derzeit, den prozentualen Anteil der Fehlzeiten auf unter drei Prozent zu drücken, sagt Eissing: „Das halte ich für unverantwortlich.” Auch für Vertretungen kranker Kollegen werde selten Geld ausgegeben.

Eine Studie des Hamburger Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung (IMWF) zeigt, dass in mehr als 85 Prozent der deutschen Unternehmen Kollegen die Arbeit von erkrankten Mitarbeitern durch Überstunden mittragen.

Es müsste mehr Vorsorgemaßnahmen geben, meint dazu Wilhelm Alms vom IMWF: „Die Grippesaison etwa wird von der Mehrheit der Unternehmen auf die leichte Schulter genommen.” Viele gleichzeitige Krankmeldungen könnten gerade bei kleineren Betrieben die Mitarbeiter jedoch überlasten - und so auch gesundheitlich gefährden.

Denn Überbelastung führe zu psychischen Krankheiten. Deren Anteil an den Erkrankungen von Arbeitnehmern steigt ständig. Vor allem Frauen seien betroffen, sagt Eissing. In der AOK-Studie machten die psychischen Erkrankungen 8,2 Prozent aller krankheitsbedingten Ausfälle aus.

Die meisten Ausfalltage entstehen nach Daten der AOK durch Muskel- und Skeletterkrankungen (24,2 Prozent), Verletzungen (12,8 Prozent) und Atemwegbeschwerden (12,4 Prozent) - damit sind Grippe und Erkältungen gemeint. Um zumindest diese Krankheiten zu vermeiden, hat Arbeitswissenschaftler Eissing sein persönliches Rezept: „Ich gehe regelmäßig in die Sauna. Das stärkt die Widerstandskräfte.”
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