Diagnose am virtuellen Krankenbett

Von: Axel Borrenkott
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Alle Werte im iPad: Telemedizi
Alle Werte im iPad: Telemedizin macht es prinzipiell möglich, von jedem Ort der Welt aus, Vitalfunktionen von Patienten zu überwachen und Diagnosen zu stellen. Dank dieser Technik können auch regionale Krankenhäuser von der Spitzenmedizin einer Uniklinik profitieren. Foto: UKA

Aachen. Was Datenschützer bei anderen Gelegenheiten nervös macht, könnte für Patienten segensreich sein: die vollständige digitale Erfassung. Mit großem Schub weitet das Aachener Uniklinikum die Nutzung der Telemedizin aus, die auf dem jederzeitigen und überall möglichen Zugriff auf Daten beruht.

Im jüngsten Projekt entwickelt man in Kooperation mit zwei Aachener Rehabilitations-Einrichtungen die Möglichkeiten der Ferndiagnose, um älteren Kranken das Hin- und Herverlegen zwischen Krankenhaus und Reha möglichst zu ersparen.

Die Seniorin war gestürzt, wie so viele ältere Menschen, im Krankenhaus wurde ihr eine neue Hüfte eingesetzt, die anschließende Reha läuft eigentlich gut, bis sich plötzlich doch eine Komplikation einstellt. Vorsichtshalber wird die Patientin ins Krankenhaus zurückverlegt. Dort stellt man bald fest, dass es sich nur um ein kleines Problem handelt, das man eigentlich auch ohne den Rücktransport hätte beheben können. Nicht selten liegen zwischen Krankenhaus und Reha ja einige Kilometer und Stunden.

Elektronische Fallakte

In solchen typischen und häufigen Fällen könnte es sehr nützlich sein, wenn der Arzt in der Reha-Einrichtung, der behandelnde Arzt des Krankenhauses und vielleicht noch ein weiterer Fachmediziner unverzüglich, gemeinsam und zeitgleich in die Patientenakte schauen, die Komplikation erörtern und möglicherweise gleich therapieren können. Patient und Mediziner könnten an Ort und Stelle bleiben.

Die dafür nötige Technik ist längst etabliert, die Möglichkeiten der Telemedizin werden nun nach und nach eingeführt. Genutzt werden sie im Aachener Uniklinikum bereits in der Rettungs- und in der Intensivmedizin, entwickelt im Telemedizinzentrum unter Federführung von Prof. Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin.

Ein wesentlicher Grundgedanke ist dabei, „hervorragende medizinische Leistungen nicht nur an Universitätskliniken anzubieten, sondern auch in kleineren Krankenhäusern”, so Marx. Soll heißen: Jeder Arzt eines regionalen Krankenhauses kann sich per Datenleitung die (Zweit-)Meinung eines Spezialisten aus dem Uniklinikum einholen, ohne Zeitverlust. „Durch telemedizinisches Monitoring können Patienten wohnortnah im Krankenhaus betreut werden”, bewirbt das Klinikum das zukunftsträchtige „Versorgungsmodell”.

Speziell für die Behandlung der Verletzungen älterer Menschen wird nun ein weitere Säule der Telemedizin im Klinikum errichtet. Tira heißt sie, das steht für ein Begriffsungetüm namens Telemedizinische intersektorale Rehabilitationsplanung in der Alterstraumatologie.

Das Planende daran meint, dass zum Beispiel der Chirurg, der die neue Hüfte eingesetzt hat, und der Rehabilitationsmediziner den optimalen Reha-Aufenthalt im Voraus gemeinsam festlegen können. Der besondere telemedizinische Aspekt liegt darin, dass im Bedarfsfall die Ärzte virtuell, per Computer und Videoschaltung konferieren können.

Basis für alles ist die digitale Erfassung des Patienten in der sogenannten elektronischen Fallakte (EFA), in der sämtliche Befunde, OP-Berichte, Röntgenbilder, Verlaufskurven und weitere Anamnesedaten gespeichert sind. Theoretisch kann diese Akte, Berechtigung vorausgesetzt, an jedem beliebigen Ort der Welt eingesehen werden.

Oft schwere Verletzungen

Erprobt wird die Technik nun allerdings an recht nahe beieinander liegenden Einrichtungen, in einer Kooperation von Uniklinikum, dem Haus Cadenbach des Luisenhospitals und der Reha-Klinik Schwertbad. „Bei unseren älteren Patienten sind die Verletzungen oft schwer und die Eingriff und die Eingriffe groß, gleichzeitig haben diese Menschen häufig noch andere gravierende Erkrankungen”, unterstreicht Hans-Christian Pape die Vorteile der digitalen Verknüpfung und des virtuellen Konsiliars.

Prof. Pape, Direktor der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie am Uniklinikum, koordiniert das vom NRW-Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter mit 648.000 Euro geförderte Projekt, das die Rehabilitationsbehandlung optimieren, und auch Modell „für andere Felder der medizinischen Anschlussbehandlung nutzbar sein” soll.

In den USA sind Telemedizinzentren schon umfangreioche und gängige Praxis in der Regelversorgung. Und dort sind sie, sagt Prof. Gernot Marx ziemlich erfolgreich: „Da ist nachweislich ein Rückgang der Sterblichkeit auf Intensivstationen zu verzeichnen.”

Das telemedizinische Aachener Reha-Projekt

Das Projekt Tira, das das Uniklinikum in Kooperation mit den Aachener Reha-Einrichtungen Haus Cadenbach (Luisenhospital) sowie Schwertbad entwickelt, erweitert die Nutzung der Telemedizin speziell für die Behandlung und die Rehabilitation älterer Patienten nach Verletzungen, Knochenbrüchen etwa.

Kern ist dabei die „bessere Verknüpfung von Akut- und Rehabilitationsbehandlung”. So soll generell die Reha nach dem Krankenhaus-Aufenthalt besser vorgeplant und sodann die Telemedizin genutzt werden, um etwa bei Komplikationen die Rückverlegung des Patienten ins Krankenhaus möglichst zu vermeiden.

Praktisch kann das so aussehen: Der Arzt im Reha-Haus sucht mit einem Videowagen den Patienten auf und lässt sich vom Kollegen des Uniklinikums „digital über die Schulter schauen” und assisitieren.

Geleitet wird das Projekt Tira von Prof. Hans-Christian Pape, Direktor der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie. Gefördert wird es mit 648.000 Euro vom NRW-Gesundheitsministerium.
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