Das Rauhe Haus in Hamburg: eine WG für Demenzerkrankte

Von: Annette Scheld , epd
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Im Rauhen Haus in Hamburg ist eine Wohngemeinschaft für Demenzerkrankte eröffnet worden. Foto: ddp

Hamburg. „Bekloppt sind sowieso alle”, sagt Ernst Seidemann. In einem flauschigen Morgenmantel sitzt der schmale Mann mit seinen Mitbewohnern am großen Tisch. Mittagessen. Gefällt es ihm hier? „Schwer zu sagen, der Fußboden ist gepflegt, aber man hat die Freiheit nicht mehr. Alles was mich stört, dreht sich um Alfred”, sagt der 83-Jährige.

Mitbewohner Alfred ist ein Läufer, sein Bewegungsdrang lässt ihn alle Türen öffnen und irgendwohin laufen. Deshalb ist die Terrassen- und Wohnungstür der WG immer abgeschlossen. Ernst Seidemann muss Bescheid sagen, wenn er raus will, das kränkt ihn. Bevor er vor drei Monaten in die WG zog, lebte er in seinem Häuschen in Hamburgs größtem Kleingartenverein. Jahrelang war er Vereinsvorsitzender. Seine Erkrankung begann damit, dass er sich ein paarmal verlaufen hat, so dass ihn die Polizei nach Hause bringen musste.

„Alten-WG” steht am Klingelschild des Neubaus. „Ich muss klingeln, ich bin hier Vermieter. Daran muss ich mich auch erst gewöhnen”, sagt Jörg Heinsohn, der Leiter der neu eröffneten Demenz-Wohngruppe des Rauhen Hauses in Hamburg-Hamm. Auf großzügigen 460 Quadratmetern haben hier zehn Menschen mit Demenz Platz zum Leben. Sechs sind schon eingezogen, bald kommt vielleicht der Siebte. Die Nachfrage halte sich allerdings in Grenzen, sagt Heinsohn.

Das mag damit zusammenhängen, dass es derzeit eine Gründungswelle solcher Wohngemeinschaften gibt. Ihre Zahl hat sich in den letzten drei Jahren mehr als verdoppelt. Bundesweit sind es inzwischen 600 bis 700, davon mehr als 200 in der Vorreiterstadt Berlin, wo in diesem Jahr die erste ambulant betreute Demenz-WG ihr 15-jähriges Jubiläum feiert. In Hamburg gibt es mittlerweile mehr als ein Dutzend; 30 weitere seien im Entstehen begriffen, sagt Josef Bura von der Hamburger Koordinierungsstelle für Wohn- und Pflegegemeinschaften.

Bewohner solcher ambulant betreuten WGs sind Mieter, keine Heimbewohner. Sie mieten ein Zimmer und teilen sich Gemeinschaftsräume; je nach Bedarf kaufen sie Pflege- und Betreuungsleistungen hinzu. Die Angehörigen oder gesetzlichen Betreuer wählen einen Pflegedienst aus und kümmern sich gemeinsam mit der Leitung um die Belange der WG-Bewohner. Die Vorteile eines solchen Modells sind leicht ersichtlich: In den kleineren Gruppen können die Pflegenden besser auf die Bedürfnisse der Einzelnen eingehen. Die Bewohner bleiben so selbstständig wie möglich, und die Angehörigen behalten ein Mitspracherecht.

Letzteres ist vor allem Anke Wulff wichtig. Nach fünf Jahren in Pflegeheimen hat sie ihre Mutter in der „Alten-WG” untergebracht. „Im Heim haben sie sie mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellt. Sie hatte schon total abgebaut”, sagt sie. Jetzt gehe es ihr viel besser, aber die WG koste auch mehr. Im Zimmer ihrer Mutter steht ein alter bemalter Kleiderschrank, Fotos hängen an den Wänden. „Ich habe es ihr schön kuschelig gemacht, wahrscheinlich erkennt sie die Bilder gar nicht mehr, aber das macht nichts”, sagt die Tochter.

Die Mutter sitzt am Kopfende des Tisches. Manchmal spricht sie, aber Sätze sind nicht zu verstehen, eher kurze Lautfolgen und einzelne Worte. Sie wiegt und streichelt die Hand ihrer Sitznachbarin und Mitbewohnerin Annemarie Albers (Name geändert). Die lächelt sie an. Annemarie Albers kümmert sich nicht nur um ihre Mitbewohnerin, sie hilft auch oft bei der Küchenarbeit. „Sie fühlt sich gebraucht, das tut ihr gut”, sagt Margret Schürmann vom Pflegedienst. Für sie selbst sei die Arbeit in der WG die Erfüllung, sagt Schürmann. „Ich habe sechs Jahre lang in einem Schwerstpflegeheim gearbeitet, dort gab es keine Zeit für Zuwendung. Das ist hier viel besser. Die Leute dürfen ausschlafen, können mithelfen, wenn sie wollen. Es ist individueller.”
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