Das „Gläschen in Ehren” ist doch nicht so gesund

Von: Susanne Rytina, ddp
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Drogen- und Suchtbericht: Alkohol
Die schädliche Wirkung von Alkohol auf die Organe ist eine Sache, die Suchtgefahr eine andere. Foto: dpa

Bremen/Mannheim. Alkohol ist Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Mal flattert eine Einladung zu einem Sektempfang ins Haus, mal zu einer Weinprobe.

Haben wir dann auch noch vielzitierte Aussagen im Ohr wie „Ein Gläschen Rotwein ist gut fürs Herz” oder „Alkohol in Maßen schadet nicht”, nippen wir ganz unbekümmert an unserem Gläschen. Denn wir glauben damit auch unserer Gesundheit etwas Gutes zu tun - oder ihr zumindest nicht zu schaden.

Gleichzeitig warnen Mediziner aber immer wieder vor einem regelmäßigen Alkoholkonsum. Heilmittel oder gefährliche Droge - was stimmt denn nun?

„Wenn man die Wirkung von Alkohol isoliert nur auf das Herz-Kreislauf-System bezieht, dann können geringe Mengen bei Menschen mit gesundem Herzen tatsächlich positive Wirkung haben, weil ihre Gefäße weniger verkalken, es kommt seltener zu einer Arteriosklerose. Aber für den gesamten Organismus betrachtet, schadet Alkohol eher”, sagt Professor Stephan Teyssen, Facharzt für innere Medizin und Kardiologie und Chefarzt der Medizinischen Klinik des Krankenhauses St.-Joseph-Stift in Bremen. Bei Menschen etwa, die aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters eher Probleme mit dem Herzen haben, könne ein verstärkter Alkoholkonsum Bluthochdruck und Herz-Rhythmus-Störungen verursachen.

Dass der Alkohol das Herz schütze, sei nur bei ganz niedrigem Konsum - etwa 0,1 Liter Wein alle zwei Tage der Fall, bestätigt auch Professor Falk Kiefer von der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Die bessere Herzgesundheit beispielsweise unserer französischen Nachbarn liege an deren gesünderem Lebensstil, sich etwa bei Tisch Zeit zu lassen und sich auch qualitativ höherwertig zu ernähren. „Wer etwas für sein Herz machen will, sollte sich lieber bewegen, anstatt Alkohol zu trinken”, empfiehlt Kiefer.

„Wer täglich einen Drink - also zehn Gramm Alkohol zu sich nimmt, erhöht laut einigen Studien sein Risiko um 30 Prozent, dass seine Organe im Mund- und Schlundbereich, in der Speiseröhre und in der Bauchspeicheldrüse geschädigt werden”, erklärt Teyssen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht ein gesundheitliches Risiko ab einem Verbrauch von über 24 Gramm reinem Alkohol für Männer und für Frauen bei 16 Gramm. 10 Gramm entsprechen ungefähr 0,25 Liter Bier oder 0,1 Liter Wein.

Im Mund- und Schlundbereich verursache Alkohol besonders gern Schäden, weil er dort die Schleimhaut der Speiseröhre direkt angreife. Diese verliere dann ihre Schutzfunktion etwa gegen scharfe oder giftige Stoffe wie Nikotin, erklärt Teyssen. Giftstoffe gelangen dann vermehrt in den Körper. Hinzu komme, dass die Leber, die giftige Stoffe im Körper abbaue, bevorzugt immer zuerst den Alkohol angehe, was den Abbau der anderen Giftstoffe verlangsame. Die Folge: Krebserregende Stoffe bleiben im Körper - es könne insbesondere zu Speiseröhrenkrebs kommen.

„Wenn man die positiven und negativen Wirkungen von Alkohol miteinander vergleicht, dann überwiegen die Gefahren”, sagt Teyssen und zählt Schäden für die Leber, die Bauchspeicheldrüse und für das Nervensystem auf. Alkohol wirke als Zellgift direkt an der Zelle und zerstöre sie. „Jeder Exzess hat massiven Gehirnzellen-Verlust zur Folge - vor allem über Jahre hinweg gesehen kann sich dies verheerend auf Gehirnmasse, Konzentration und IQ auswirken.”

Die schädliche Wirkung von Alkohol auf die Organe ist eine Sache, die Suchtgefahr eine andere. In Deutschland haben nach Angaben des Mannheimer Suchtforschers Kiefer etwa 10,4 Millionen Menschen einen riskanten Alkoholkonsum, 2 Millionen Menschen sind abhängig, nur 10 Prozent lassen die Sucht behandeln: „Man weiß aus Zwillings- und Familienstudien, dass erbliche Einflüsse eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit spielen”, erläutert er.

Am ehesten seien die gefährdet, die den Alkohol gut vertragen. „Wer nach dem Trinken Übelkeit, Schwindel oder einen schweren Kater bekommt, hat einen guten Grund, beim nächsten Mal weniger zu trinken”, sagt Kiefer. Das Tückische am Alkohol sei, wie er neurobiologisch auf das Gehirn und das Denken wirke.

Alkohol aktiviere das Belohnungszentrum. „Das Gehirn speichert den Konsum und alles, was mit ihm verbunden ist, als etwas Positives ab. So entsteht der Wunsch, wieder zu trinken.” Irgendwann werde alles, was mit Alkohol verbunden ist, als attraktiv erachtet - sogar eine stickige Stammkneipe. Gleichzeitig werden andere Tätigkeiten, die nicht mit Alkohol verbunden sind, eher gemieden - etwa Arbeit oder Familie. „Oft begeben sich Abhängige erst dann in Behandlung, wenn sie von ihrem Partner oder ihrem Arbeitgeber massiv unter Druck gesetzt werden.”

Teyssen plädiert für Aufklärung, gegen eine Verharmlosung und Bagatellisierung. „Gegen ein Glas Wein oder Bier in Gesellschaft ist grundsätzlich nichts einzuwenden”, sagt der Arzt. Aber alles in Maßen. Kiefer rät, man solle unterhalb der von der WHO empfohlenen Mengen bleiben. Immerhin sieht er bei der Mehrheit der Bevölkerung einen moderaten Umgang mit Alkohol: „80 Prozent der erwachsenen Bürger haben keine Probleme damit.”
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