Berlin - Das Ende der Angst: Neurosen können geheilt werden

Das Ende der Angst: Neurosen können geheilt werden

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Das Ende der Angst: Neurosen können geheilt werden
Manche Menschen mit einer Angststörung trauen sich kaum noch aus dem Haus - diese Furcht lässt sich aber psychotherapeutisch behandeln. Foto: dpa

Berlin. Ein Mann hat Angst und weiß nicht wovor. Eine Frau hat ständig das Gefühl, gleich würde ihr Herz aussetzen - dabei ist ihr Herz gesund. Einer weiteren Frau kribbelt es tagelang am ganzen Körper. Manchmal glaubt sie, dass ihre Beine sie nicht mehr tragen können. All das können Anzeichen einer Neurose sein.

Dabei gibt es „Neurosen” streng genommen gar nicht mehr - sie werden nun zum Beispiel Angst-, Zwangs- oder depressive Störungen genannt. „Der Neurose-Begriff hat sich einfach weiterentwickelt. Er ist kein Begriff mehr aus dem aktuellen Klassifikationssystem”, sagt Prof. Sabine C. Herpertz, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin.

Diese Störungen äußern sich sehr unterschiedlich. Manche Patienten haben Schluckbeschwerden oder das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben. Andere sind scheinbar grundlos traurig, stehen immer wieder von den gleichen Problemen oder kriegen ohne erkennbaren Anlass Panikattacken. „Angst ist das allgemeinste Symptom”, sagt Herpertz, die die Klinik für allgemeine Psychiatrie an der Universität Heidelberg leitet.

Den erkrankten Menschen ist bewusst, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmt. Der Tipp, sich doch nicht so anzustellen, nützt ihnen nichts. „Der gesunde Menschenverstand reicht nicht zur Bewältigung eines andauernden psychischen Leidens aus”, betont Prof. Nina Heinrichs vom Universitätsklinikum Bielefeld. Die Ärztin argumentiert, dass dies auch niemand von einem körperlich erkrankten Menschen erwarten würde.

Psychische Störungen und vor allem Neurosen sind alles andere als selten: Sie entwickeln sich zu Volkskrankheiten. Bei der Ursache von Arbeitsunfähigkeit stehen psychische Störungen an vierter Stelle. Jeder dritte vorgezogene Rentenbeginn erfolgt aus diesem Grund.

Ansprechpartner für Menschen mit neurotischen Störungen ist ein Facharzt für Psychotherapie. Doch die Überwindung, zu einem solchen Arzt zu gehen, ist oft groß. Viele verbinden mit einer psychotherapeutischen Behandlung die „Klappsmühle” und haben Angst, als verrückt zu gelten. Mittlerweile scheint in Deutschland jedoch langsam ein Umdenken einzusetzen. „Psychotherapie ist nicht mehr ganz so ein Tabu-Thema wie früher”, sagt Heinrichs.

In den ersten Stunden geht es darum, sich gegenseitig kennenzulernen und herauszufinden, ob überhaupt eine Therapie notwendig ist. Nach diesen Probesitzungen sollte der Patient entscheiden, ob er mit diesem Arzt zusammenarbeiten und ihm seine persönlichsten Ängste und Wünsche anvertrauen will. „Der Patient sollte den Therapeuten als kompetent und vertrauenserweckend erleben”, sagt Herpertz. Nach einem halben Jahr sollte eine erste Verbesserung schon eingetreten sein.

In der Regel geht der Patient ein Mal in der Woche zum Therapeuten. Bei einer Gesprächstherapie erzählt er von seinen Nöten und Ängsten. Patient und Therapeut sitzen sich dabei gegenüber. Der Therapeut hört zu, fragt nach, sagt seine Meinung, hilft beim Entwickeln von Lösungen.

Wie Neurosen entstehen, kann nicht generell gesagt werden. Angststörungen können von einem unbewussten Konflikt verursacht werden. Die Gründe hierfür können in einer problematischen Kindheit oder einem nicht verarbeiteten Trauma liegen. Aber auch ein aktueller Konflikt - zum Beispiel Probleme in der Partnerschaft - können zu Angststörungen führen.

„Wenn im Kinder- und Jugendalter ein Konflikt nicht gelöst wurde, schwelt er weiter”, erklärt der Psychiater Prof. Peter Falkai. Er leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Göttingen. Als Beispiel nennt er Probleme mit einem übermächtigen Vater oder einer hysterischen Mutter. Erlebt der Mensch im Erwachsenenalter eine ähnliche Situation wie früher zu Hause, reagiert er wie damals als Kind: Er wird traurig oder bekommt Angst.

Das Problem: Die ungelösten Konflikte liegen im Unterbewusstsein. Während der Gesprächstherapie durchwandern diese Patienten noch einmal die problematischen Stationen ihres Lebens. Die unbewussten Konflikte werden so ins Bewusstsein geholt und können endlich verarbeitet werden.

Wie groß die Heilungschancen sind, hängt von der Art und der Dauer der Störung ab. „Insgesamt sind sie recht gut, vor allem bei Angststörungen”, sagt Herpertz. Allerdings werde die Prognose immer schlechter, je länger die Störung unbehandelt bleibe.

Einen Therapeuten finden

Wer einen Therapeuten sucht, kann seinen Hausarzt um Tipps bitten, sich bei der Psychotherapeutenkammer seines Bundeslandes erkundigen oder im Internet unter www.psychiater-im-netz.de suchen. Wie bei jedem anderen Arzt auch ruft der Patient an und lässt sich einen Termin geben.

Bezahlt wird die Behandlung von der Krankenkasse, den nötigen Antrag hierzu stellt der Therapeut. „Die Krankenkassen sind da unproblematisch”, ist die Erfahrung des Psychiaters Prof. Peter Falkai aus Göttingen. Die Therapie dauert mindestens drei Monate und längstens einige Jahre. Die Dauer hängt von vielem ab. Je länger eine Störung bereits vorliegt, desto länger dauert in der Regel auch die Behandlung. Verhaltenstherapien sind deutlich kürzer als tiefenpsychologische Sitzungen.
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