Bei Spannungskopfschmerz von Kindern nicht auf Schmerzmitteln setzen: Experten empfehlen Ursachenforschung und gezielte Entlastung

Von: Bettina Levecke, dapd
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kopfschmerztraining
In einer Gruppe mit anderen Kinder kann man Strategien gegen den Kopfschmerz erlernen: Beratungsstellen, Kliniken, Kinderaerzte und Psychologen bieten deutschlandweit Kopfschmerz-Bewaeltigungsgruppen oder Kopfschmerz-Trainingsgruppen an. Unter fachlicher Anleitung erlernen die kleinen Patienten, wie sie fruehzeitig potenzielle Kopfschmerzausloeser erkennen und entsprechend reagieren, sich zum Beispiel Ruhepausen goennen oder bewusst eine Auszeit nehmen. Die Gruppentrainings finden meist einmal woechentlich statt und werden auf Antrag von den Krankenkassen bezahlt. Foto: Barmer GEK/dapd

Göttingen/Kiel. „Mama, mein Kopf tut so weh!” Viele Eltern machen die Erfahrung, dass ihr Kind nach Schule oder Sport unter Kopfschmerzen leidet. Und stehen damit nicht allein.<br />

Wissenschaftliche Untersuchungen der Universität Göttingen haben allein im Raum Niedersachsen ergeben, dass rund 17 Prozent aller Kinder regelmäßig unter Kopfschmerzen leiden, sieben Prozent sogar wöchentlich. „Kopfschmerzen stellen heute die dritthäufigste Ursache für Abwesenheit in der Schule dar”, sagt Carolin Schwiening, Diplom-Psychologin an der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Göttingen.

„In 95 Prozent der Fälle sind die Ursachen des Kopfschmerzes nicht auf eine körperliche Schädigung oder Erkrankung zurückzuführen”, sagt die Expertin, die auch das Online-Selbsthilfe-Projekt „Stopp den Kopfschmerz” betreut.

Die sogenannten Spannungskopfschmerzen sind nicht gefährlich, aber ein ernst zu nehmendes Signal: „Wenn diese Beschwerden häufiger auftreten, sollten Eltern in jedem Fall ärztlichen Rat einholen und nach den Ursachen forschen.” Denn dauerhaft unbehandelt, kann der Schmerz auch chronisch werden.

Ein unangenehmer Druck im Kopf

„Spannungskopfschmerzen sind meistens sehr klar zu erkennen”, sagt Hartmut Göbel, Direktor der Schmerzklinik Kiel. „Die Kinder fühlen sich benommen und klagen über einen dumpf drückenden Schmerz, der sich über den ganzen Kopf zieht.” Anders als im Fall von Migräne verschlimmert sich ein Spannungskopfschmerz unter körperlicher Aktivität nicht. Auch Erbrechen oder Übelkeit gehen nicht mit einem Spannungskopfschmerz einher. „Man sich einfach matt und müde und hat einen schweren Kopf.”

Treten die Beschwerden häufiger auf, kann das zu massiven Beeinträchtigungen führen, warnt Carolin Schwiening: „Die Kinder sind in ihrer Leistungsfähigkeit und in ihrem Freizeitverhalten eingeschränkt, auch die Stimmung kann natürlich sinken.” Häufig wiederkehrende Spannungskopfschmerzen können sogar zu depressiven Entwicklungen führen und die gesunde psychosoziale Entwicklung beeinträchtigen: „Umso wichtiger ist es deshalb, frühzeitig Hilfe zu suchen.”

Manchmal ist eben einfach alles zu viel

„Spannungskopfschmerzen können viele Ursachen haben”, sagt Göbel, der in den letzten Jahren eine stete Zunahme der Kopfschmerzpatienten im Kindesalter beobachtet. „Die steigenden Anforderungen in der Schule, aber auch ein unruhiges Leben in der Freizeit können Auslöser sein.” So könne stundenlanges Sitzen in der Schule, aber auch zu wenig Schlaf zu Spannungskopfschmerzen führen.

„Viele Kinder verbringen in ihrer Freizeit auch viel Zeit vor dem Fernseher oder dem Computer, bewegen sich dadurch weniger”, ergänzt Carolin Schwiening. Auch Probleme in der Familie, Streit mit Freunden oder soziale Veränderungen wie ein Umzug können zu Beschwerden führen. „Wie der Name schon sagt, kommt der Spannungskopfschmerz von einer inneren Überforderung, die es herauszufinden gilt”, sagt Kopfschmerz-Experte Göbel. Was belastet das Kind? Woher stammt die innere Anspannung? „Wenn man es schafft, dem Kind die Sorgen zu nehmen, ist der Kopfschmerz-Spuk meistens ziemlich schnell verschwunden.”

Eine genaue Diagnose ist wichtig

Wenn Kinder wiederkehrend über Kopfschmerzen klagen, sollten Eltern dieses Problem unbedingt ernst nehmen und reagieren, empfiehlt Schwiening: „Stellen Sie ihr Kind dem Kinderarzt oder einem Neurologen oder Psychiater vor.” Zunächst sei es wichtig, mit einer ärztlichen Untersuchung körperliche Erkrankungen, zum Beispiel eine Infektion, auszuschließen.

„Sinnvoll ist es zudem, wenn die Eltern beginnen, ein genaues Kopfschmerztagebuch zu führen, um zu dokumentieren, wann, wie und wo ihr Kind unter Schmerzen leidet”, sagt Göbel. Dank dieser Aufzeichnungen können sich dann auch der behandelnde Arzt ein objektiveres Bild machen: Tritt der Kopfschmerz zum Beispiel immer nach der Schule auf? War der Nachtschlaf kürzer als sonst oder gab es einen Streit? Wurde vorher vielleicht auch etwas gegessen, was das Kind nicht verträgt? „Im Gespräch mit dem Arzt oder Psychologen können dann Strategien entwickelt werden, um diese Auslösersituationen zukünftig zu vermeiden”, erklärt Göbel.

Schmerzmittel sind keine Dauerlösung

Wenn das Kind weint oder sehr unter dem Kopfschmerz leidet, liegt der Griff zur Tablette nah. „Im Einzelfall ist das auch mal in Ordnung”, sagt der Kieler Kopfschmerz-Experte, „zur Dauerlösung darf diese Selbstmedikation aber nicht werden”. Denn auch wenn ein Kopfschmerzmittel die Symptome lindert, die Ursachen bekämpft es nicht. „Zudem haben Schmerzmittel Nebenwirkungen, die nicht verharmlost werden sollten.”

Göbel rät Eltern deshalb, statt zur Tablette zur Entspannungsstrategie zu greifen: „Kinder mit Spannungskopfschmerzen brauchen Ruhe und Erholung.” Eine Mittagspause nach der Schule könne bereits für wohltuende Linderung sorgen, vorausgesetzt, Fernseher und Radio blieben aus.„ Auch kühlende Kompressen, ätherische Öle oder eine Nackenmassage könnten für Erleichterung sorgen.

Langfristig kann auch eine ”Entrümpelung„ des übervollen Terminkalenders helfen oder das Erlernen eines Entspannungsverfahrens, sagt Schwiening: ”Neben progressiver Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobsen oder dem autogenen Training haben wir gute Erfahrungen mit Phantasiereisen und Imaginationsübungen gemacht.„
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