Bäume statt Antidepressiva

Von: Barbara Driessen, epd
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Wandern Wald
Viele Ökopsychologen warnen vor ernsthaften psychischen Störungen, etwa einer „Naturdefizitstörung”, wenn der Mensch zu wenig Zeit im Grünen verbringe. Foto: ddp

Köln. Rund 15 bis 30 Minuten verbringen viele ihrer Patienten täglich im Freien - gerade so lange, wie es dauere, vom Auto bis zur Haustür und zurück zu laufen, sagt die US-Psychologin Linda Buzzell-Saltzman. Zu wenig, ist sie überzeugt.

„Früher waren die Menschen einmal im Einklang mit der Natur. Das ist uns abhanden gekommen, und dafür zahlen wir jetzt den Preis.” Sogenannte Ökotherapeuten wie Buzzell-Saltzman wollen das ihrer Ansicht nach gestörte Verhältnis des Menschen zur Natur wieder ins Gleichgewicht bringen. Sie setzen auf die therapeutischen Kräfte von Wiesen, Wäldern und Parks. „Hinaus in die Natur” lautet das Credo der Bewegung, die vor allem in den USA Anhänger unter den Therapeuten hat. Viele Ökopsychologen warnen vor ernsthaften psychischen Störungen, etwa einer „Naturdefizitstörung”, wenn der Mensch zu wenig Zeit im Grünen verbringe.

Zahlreiche internationale Studien zeigen in der Tat, dass Bäume und Wiesen dem Menschen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch gut tun. „Wir nehmen die Natur als etwas Angenehmes wahr. Beim ersten Sonnenstrahl im Frühling zieht es uns gleich alle nach draußen ins Freie”, bestätigt der Umweltpsychologe Ulrich Schmidt-Denter von der Universität Köln. Die Natur sei ganz einfach eine für den Menschen geeignete Umgebung.

Eine Studie der britischen Universität Essex hat gezeigt, dass der tägliche Spaziergang im Grünen ähnlich effektiv sein kann wie die Einnahme eines Antidepressivums zur Behandlung einer leichten bis mittleren Depression. Die Soziologin Jolanda Maas vom Niederländischen Institut zur Erforschung des Gesundheitswesens fand heraus, dass Menschen, die in der unmittelbaren Umgebung eines Parks leben, wesentlich seltener zum Arzt gehen. Sie hatten nicht nur weniger Probleme mit Diabetes, Lungeninfektionen, Asthma und Schwindel, sondern litten vor allem auch deutlich seltener unter Depressionen, Angststörungen, Einsamkeit und vor allem Stress.

Auch die Konzentrationsfähigkeit und das Erinnerungsvermögen steigen durch einen Spaziergang im Grünen, stellten US-Forscher der Universität Michigan fest. Und selbst Kinder, die am Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) leiden, sind nach 20-minütiger Bewegung im Grünen deutlich ruhiger und konzentrierter als nach einem Spaziergang durch die Stadt, fand die US-Amerikanerin Frances Kuo von der Universität Illinois heraus.

„Es ist wissenschaftlich unumstritten, dass Rekreationsprozesse im Grünen etwa die Konzentrationsfähigkeit steigern”, sagt Ellen Matthies, die an der Ruhr-Universität Bochum Umweltpsychologie lehrt. Sie warnt allerdings davor, solche Prozesse ausschließlich an der grünen Umgebung festzumachen: „Psychische Störungen sind multikausal bedingt und lassen sich nicht auf nur eine Ursache zurückführen.”

Auch der Kölner Umweltpsychologe Schmidt-Denter mahnt eher zur Vorsicht bei der Interpretation der Studienergebnisse: Zwar seien Spaziergänge in der Natur ohne Zweifel spannungs- und angstlösend. „Doch man sollte die Kausalität überprüfen: Vielleicht halten sich ängstliche Menschen ungern im Freien auf, während sich Gesündere öfters und gern draußen bewegen.” Von einer Krankheit „Naturdefizitstörung” hat er noch nie gehört. US-Amerikaner seien sehr gut darin, Dinge mit Markenzeichen zu versehen und dafür die Werbetrommel zu rühren, meint er.

Dabei sei es in Deutschland schon seit langem üblich, etwa Gruppentherapien im Freien zu veranstalten oder zu therapeutischen Zwecken gemeinsam zu wandern. „Das ist längst Standard in Deutschland. Allerdings wird nicht groß darüber geredet.”
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