Aachen - AZ-Forum Medizin: Kleine Schnitten und viel Fingerspitzengefühl

AZ-Forum Medizin: Kleine Schnitten und viel Fingerspitzengefühl

Von: Sabine Rother
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Hier tut es weh: Rückenschmer
Hier tut es weh: Rückenschmerzen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Viele Menschen leiden dauerhaft darunter oder werden sogar berufsunfähig. Foto: stock/umdorf

Aachen. Irgendwann geht gar nichts mehr. Die Schmerzen im Rücken sind so schlimm, dass das Arbeiten unmöglich wird, dass man nachts nicht mehr schläft und man verzweifelt immer tiefer in eine Schmerzspirale hineingerät, die das ganze Leben erfasst.

„Quälende Rückenschmerzen” ist das Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen am Dienstag, 4. September, 18 Uhr im Hörsaal 4 des Klinikums, Pauwels-straße.

Zuvor gibt es im „Seminarraum” (Nähe Hörsaal 4, ausgeschildert) wieder ab 16 Uhr viele Möglichkeiten, sich zu informieren, Gespräche zu führen und an Mitmach-Übungen teilzunehmen. Referenten des Abends sind: Dr. Felix Graf Stenbock-Fermor, niedergelassener Facharzt für Orthopädie in Aachen, aus dem Universitätsklinikum Professor Dr. Markus Tingart, Direktor der Klinik für Orthopädie, Dr. Mootza Shousha, Oberarzt dieser Klinik und Spezialist für Wirbelsäulenchirurgie, Professor Dr. Klaus Mathiak, Leitender Oberarzt für Psychosomatik, sowie Dr. Jürgen Förster, Lehrphysiotherapeut.

Rückenschmerzen gehören zu den Erkrankungen, die die meisten Kosten verursachen. Rund 40 Prozent der Gesamtbevölkerung leiden permanent darunter, 70 Prozent haben mindestens einmal im Jahr ein Rückenproblem. „Eine große Zahl der Rückenleiden klingen nach vier bis sechs Wochen wieder ab”, weiß Felix Graf Stenbock-Fermor als niedergelassener Orthopäde.

Nicht selten verlängern zu viel Schonung, Schmerzvermeidung und passive Behandlung sogar das Problem. Zuvor wird allerdings sehr genau überprüft, ob es sich um einen „unspezifischen Rückenschmerz” handelt, der häufig von Verspannungen der Muskulatur verursacht wird, ob ein „spezifischer” Rückenschmerz vorliegt, etwa durch eine Reizung der Nervenwurzeln. Hat es einen Bandscheibenvorfall gegeben, strahlen die Schmerzen oft in ein Bein aus.

Kommen Empfindungsstörungen und Lähmungserscheinungen hinzu, muss operiert werden. „Alarmierend sind Blasen- und Mastdarmstörungen sowie motorische Ausfälle”, betont der Orthopäde. Wichtig ist es zudem andere Erkrankungen auszuschließen, die einen Rückenschmerz auslösen können, etwa Unterleibsprobleme bei Frauen, wo sich durch Schwangerschaft und Geburt ein Beckenwirbel verschieben kann, Gallen-, Nerven- und Darmprobleme sowie Blasen- und bei Männern Prostataleiden.

Viele Therapiemöglichkeiten

Rückenschmerzen können viele Ursachen haben, ob nun Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule. Bereits ein schiefes Becken kann Nackenschmerzen verursachen. Schmerzmittel, Krankengymnastik, Akupunktur, Reizstrom - die Zahl der therapeutischen Bemühungen könnte fortgesetzt werden. „Selbst Stressfaktoren wirken sich aus, Depressionen und das Burnout-Syndrom verursachen hier Schmerzen”, weiß Klaus Mathiak. „Die Patienten sind frustriert, aber von psychischen Auslösern von Rückenschmerzen wollen viele nichts wissen, dabei geraten sie mehr und mehr in eine Schmerzspirale.”

Anhaltende Rückenbeschwerden verändern die Lebensführung, die Betroffenen sind in allen Lebensbereichen eingeengt. „Besonders bei chronischem Schmerz werden die sozialen Kontakte vernachlässigt”, weiß Mathiak. „Hier kann man miteinander daran arbeiten, eine Verhaltensweise zu ändern, sich dem Schmerz nicht auszuliefern, sondern aktiv zu werden.” Wer erkennt, dass Psyche und Körper eine Einheit sind, und dass die Psyche manchmal bei Konflikten auf körperliche Erscheinungen wie den Schmerz „ablenkt”, hat bereits viel erreicht.

„Der Rücken muss bewegt werden”, konstatiert Jürgen Förster.

Der Physiotherapeut praktiziert die „Neue Rückenschule”, die insbesondere wichtige Erkenntnisse für die Prävention berücksichtigt. „Förderung der Rückengesundheit kann durchaus eine Chronifizierung von Rückenschmerzen verhindern”, betont er. Und wo bereits Rückenprobleme aufgetreten sind, sorgt gezielte Bewegung für Stabilität.

Schmerzen treten oft unvermittelt auf oder werden nach und nach stärker. „Nicht zuletzt beim alternden Menschen laufen degenerative Prozesse im System des Rückens ab, durch Osteoporose und Arthrose”, so Stenbock-Fermor. „Zu uns in die Klinik kommen die Patienten, wenn sie wirklich unbeweglich sind”, sagt Markus Tingart. „Da gilt es zunächst, den Schmerz zu mindern, um den Teufelskreis aus Immobilität und Zunahme der Beschwerden zu durchbrechen.” Erst dann kann eine ausführliche Diagnostik beginnen.

Manchmal gibt es Einengungen des Wirbelkanals, degenerative Veränderungen („Knochenanbauten”) bedrängen den Rückenmarksskanal und es kommt zur Spinalkanalstenose. Oder die Nervenaustrittskanäle (Neuroforamen) sind verengt. Das bedeutet für den Betroffenen: Schmerzen, die in die Arme ausstrahlen, Blasen-, Mastdarm- und Potenzstörungen, Taubheitsgefühle und sogar Lähmungserscheinungen. „Hier können wir mikrochirurgisch sehr gut helfen”, betont Tingart.

Ein sehr neues und schonendes Verfahren in der Wirbelsäulenchirurgie beherrscht Mootaz Shousha, als Experte für dieses Gebiet neu im Team der Orthopädischen Klinik. Der Neurochirurg mit den Schwerpunkten degenerative Hals- und Wirbelsäulenerkrankungen, Versorgung von Wirbelsäulenfrakturen und Wirbelsäulentumoren setzt auf minimalinvasive Operationstechniken. „Durch relativ kleine Schnitte wird eine Röhre mit maximal 1,4 Zentimeter Durchmesser eingeführt, das ist sozusagen mein Arbeitskanal unter dem Mikroskop”, beschreibt er ein Verfahren, das viel Erfahrung verlangt.

Problemstellen erreichen

Wurden früher Bänder am Wirbelkörper durchtrennt, um die Problemstelle zu erreichen, kann nun alles, was den Operateur aufhalten würde aufgedehnt und somit erhalten werden. „Wir brauchen keine Wunddrainage mehr, die Stabilität ist größer und der Patient erholt sich viel schneller.” Eingesetzt wird diese Technik unter anderem bei der Spinalkanalstenose, aber auch bei „Wirbelgleiten” (Spondylose), einer Instabilität der Wirbelsäule, die gleichfalls für Rückenschmerzen verantwortlich sein kann.

„Bei der Kyphoplastie, also dem Bruch von Wirbelkörpern, werden die betroffenen Areale zuvor durch einen in den Wirbelkörper eingebrachten Ballon aufgerichtet”, beschreibt Shousha. „Anschließend wird er stabilisiert, indem man medizinischen Zement in die entstandene Höhle einbringt.” Weitere Informationen beim AZ-Forum „Quälende Rückenschmerzen”. Fragen sind erwünscht, der Eintritt ist frei.
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