Heidelberg/Berlin - Aus der Depression rennen: Sport als wichtige Säule der Therapie

Aus der Depression rennen: Sport als wichtige Säule der Therapie

Von: Florian Sanktjohanser, dpa
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Depressionen
Anhaltend gedrückte Stimmung, vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen oder Antriebslosigkeit können Anzeichen für Depressionen sein. Foto: ddp

Heidelberg/Berlin. Das wichtigste ist, dass die Gedanken aufhören, sich ewig im Kreis zu drehen. Deshalb powere sie sich aus, sagt Anne. Beim Schwimmen, beim Unterwasser-Boxen, beim Pilates. Ihren wahren Namen will die 35-Jährige aus Hamburg nicht nennen.

Sie ist seit Jahren depressiv. Der Sport hilft ihr, besser mit ihrer Krankheit zu leben - wie vielen anderen Depressiven auch. Die positive Wirkung von körperlicher Aktivität auf psychische Krankheiten ist mittlerweile weithin anerkannt. In den meisten Therapien ist Sport heute integriert, manche glauben gar, dass er Psychopharmaka ersetzen kann.

So weit würde Prof. Gerhard Huber nicht gehen. Der Sportwissenschaftler von der Universität Heidelberg hat sich mit zahlreichen Studien zur psychotherapeutischen Wirkung von Sport beschäftigt. Darunter eine vielzitierte US-Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass Sport genauso gut gegen Depressionen wirke wie Medikamente - und eine geringere Rückfallquote habe. Doch den kompletten Verzicht auf Antidepressiva will Huber nicht propagieren: „Bei einer klinisch-manifesten Depression wäre es grob fahrlässig zu sagen: Beweg dich einfach und lass die Pillen weg.”

Zumindest aber kann mit Hilfe von Sport die Dosis verringert werden. Denn die körperliche Betätigung verbessere die Pharmakodynamik, erklärt Huber. Das Hirn wird besser durchblutet, die Wirkstoffe kommen schneller im Hirn an. Und manchmal lassen sich die oft umstrittenen Medikamente sogar früher absetzen. Denn Sport wirkt selbst wie eine Droge, der Körper schüttet mehr Opiate und Kortisol aus. Zusätzlich verbessert er die Übertragung von Neurotransmittern, die bei Depressiven lahmt. Das vermute die Wissenschaft zumindest derzeit, sagt Huber. Beweise dafür stünden allerdings noch aus.

Aber vielleicht sind sie auch gar nicht so wichtig. Denn letztlich seien die beschriebenen neurophysiologischen Prozesse nur der Katalysator, erläutert Huber. Entscheidend seien die positiven Erlebnisse beim Sport.

Das sieht Marieta Erkelens genauso. Die Psychotherapeutin läuft mit ihren Patienten seit vielen Jahren durch den Grunewald in Berlin, in kleinen Gruppen, zu zehnt, zu zwölft. Das ermöglicht Gespräche und all die kleinen Körperwahrnehmungsübungen, die Erkelens in das Laufen einflechtet. Viele hätten seit ihrer Kindheit keinen Sport mehr gemacht, ihnen müsse erst das Laufen wieder beigebracht werden.

So hart der Beginn für manche ist, schon nach kurzer Zeit kommen in der Regel die ersten Erfolgserlebnisse: Die Patienten spüren, dass sie länger laufen können, dass sie belastbarer und fitter werden. Das sei das Wichtigste, sagt Erkelens: „Zu erleben, ich schaffe etwas, daran glauben viele ja gar nicht mehr.” Hierin liege ein großer Vorteil: Die Patienten nehmen körperliche Fortschritte und die Aufhellung ihrer Stimmung als Ergebnis eigener Leistung wahr. Mit den Erfolgserlebnissen wächst das Selbstvertrauen, die allgemeine Ängstlichkeit lässt nach. Die Behandlung mit Medikamenten halte die Patienten dagegen in Abhängigkeit und Passivität, sagt Erkelens.

Allein könnten depressive Menschen den Umschwung hin zu einem aktiven Leben aber kaum schaffen. Die Gruppe sei entscheidend für Motivation und Kontrolle, sagt Erkelens: „Wenn man in so einem Loch hängt, ist es sehr schwierig, sich aufzuraffen.” Ein guter Rat von Freunden oder Eltern hilf laut Huber meist nichts: „Reiß dich zusammen - das hören Depressive ja ständig.” Erfolgversprechend sei nur ein Sportprogramm unter therapeutischer Anleitung. Schon in einem Vorgespräch müsse den Patienten klargemacht werden, dass der Sport keine Spielerei ist, sondern eine wichtige Säule der Therapie.

Auch die Art des Sports will gut überlegt sein. Huber hat in der Therapiepraxis beobachtet, dass Ballspiele die meisten Patienten eher frustrieren. Optimal seien zyklische Sportarten, die schnelle Erfolge bringen und bei denen nicht über die nächste Bewegung nachgedacht werden muss - zum Beispiel Walking oder Schwimmen. Oder Joggen, das für Prof. Ulrich Bartmann von der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt der Königsweg aus der Depression ist: „Die Anforderungen sind dabei so vorsichtig dosiert, dass Erfolgserlebnisse programmiert sind.”

Wem es einmal gelungen ist, sich aus seiner Depression zu laufen oder zu schwimmen, hat die Krankheit allerdings nicht für immer besiegt. Er muss den neuen, aktiven Lebensstil beibehalten. Sonst gingen die positiven Effekte innerhalb von einem dreiviertel Jahr wieder verloren, warnt Bartmann.

Marieta Erkelens vergleicht die Wirkung des Sports mit der einer Schmerztablette. Er wirke in diesem Moment, aber seine Wirkung lasse mit der Zeit nach. Anne weiß das nur allzu gut. Sie sagt, sie könne sich ein Leben ohne Sport nicht mehr vorstellen: „Aufzuhören wäre katastrophal.”
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