Alt werden trotz Aids: Neuland mit Nebenwirkungen

Von: Yuriko Wahl, dpa
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Eine Aids-Schleife hält am 06.11.2009 in Köln eine Frau in der Hand. Aids-Patienten und HIV-Infizierte in Deutschland leben länger. Immer bessere Medikamente stoppen die Vermehrung des Virus und halten den Krankheitsverlauf an. HIV-Infizierte können heute dank hochwirksamer Medikamenten-Kombinationen 60, 70 Jahre alt werden. Die anstehenden Herausforderungen sind Topthema bei der 12. Europäischen AIDS-Konferenz in Köln mit 4000 Experten ab diesem Mittwoch (11.11.). Foto: dpa

Köln. HIV-Infizierte in Deutschland leben länger. Immer bessere Medikamente stoppen die Virus-Vermehrung und halten den Krankheitsverlauf an. Doch manche Patienten zahlen einen hohen Preis, kämpfen mit starken Nebenwirkungen, haben schwere Komplikationen, einige Langzeitfolgen zeigen sich erst mit zunehmendem Alter.

Betroffene, Mediziner, Wissenschaftler und Pfleger stehen vor vielen offenen Fragen - die neuen Herausforderungen sind von diesem Mittwoch (11.11.) an Topthema der 12. Europäischen AIDS-Konferenz in Köln mit 4000 Experten.

„Nach grober Schätzung sind derzeit ein Drittel aller HIV- Infizierten über 50 Jahre alt”, sagt Immunologe Prof. Georg Behrens. HIV-Infizierte könnten heute dank hochwirksamer Medikamenten- Kombinationen 60, 70 Jahre alt werden. „Vor 15 Jahren wäre kaum jemand über 50 Jahre alt geworden, heute gibt es bei früher Diagnose und Behandlung seltener Todesfälle.” Ende 2008 lebten bundesweit 63.500 Menschen mit HIV, bei 1100 Patienten waren die Viren so stark, dass die Betroffenen an Aids erkrankten. 650 HIV-Infizierte starben laut Robert Koch-Institut im vergangenen Jahr.

Die Altersstruktur der HIV-Infizierten werde sich rasch und drastisch verändern, prognostiziert der Experte von der Hochschule Hannover: „2005 waren 25 Prozent der HIV-Infizierten über 50 Jahre alt, 2015 werden es weit über 50 Prozent sein”. Ein früher Therapiestart könne viele Lebensjahre schenken, weiß Behrens. Allerdings: „Wer um die 60 Jahre alt ist und das Virus seit 20 Jahren in sich trägt, lebt häufiger mit Komplikationen.” Das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko steigt, Fälle von Leber- oder Nierenschäden, Knochenschwund (Osteoporose) nehmen zu, das Fettgewebe verlagert sich bei manchen sichtbar.

Auch bei den kognitiven Leistungen, die allgemein im Alter schwächer werden, zeichnet sich ab, dass HIV-Patienten häufiger Probleme haben. Überraschenderweise scheint die HIV-Therapie aber Behrens zufolge auch völlig unerwartete Vorteile zu bringen: Mit Tumorerkrankungen oder Hepatitis hätten lange behandelte HIV- Infizierte weniger zu schaffen als andere Menschen in vergleichbarem Alter ohne HIV.

Das Thema „alt werden mit HIV” spielt eine zunehmende Rolle bei den Beratungsgesprächen, stellen die Teams der AIDS-Hilfen fest. „Früher stand das Überleben an erster Stelle, jetzt ist die noch relativ neue Frage zentral: Wie gestalte ich mein Alter möglichst positiv?”, sagt Michaela Diers, Beratungsleiterin der AIDS-Hilfe Köln. „Viele suchen unsere Beratung auf, weil sie mit massiven Schädigungen zu kämpfen haben. Es gibt auch Leute, die wirklich alle Nebenwirkungen mitgenommen haben und dann noch erschwerend altersbedingte Schwächen hinzubekommen.”

Viele HIV-Infizierte hätten auch Angst, nicht im Würde alt werden zu können: „Wenn wir versuchen, HIV-positive Menschen in einem Heim unterzubringen, dann haben wir es sehr, sehr schwer”, schildert Diers. „Dann wird so getan, als ob eine Seuche die Heimbewohner heimsuchen könnte.” Vorurteile und Diskriminierung gebe es noch immer. Ein Betroffener schreibt im Internet: Jahrzehnte lang „mit der tödlichen Bedrohung im Nacken” bei vielen Einschränkungen und Ausgrenzungen durchgehalten zu haben, sei eine große Lebensleistung.

Die erste Aids-Diagnose in Deutschland wurde vor 27 Jahren gestellt. „Die ersten Medikamente waren nicht optimal und haben Schäden am Immunsystem verursacht”, erklärt Mediziner Behrens. „Viele Patienten leben mit irreversiblen Schäden, haben als Nebenwirkungen Veränderungen bei Organen wie Leber und Niere erlitten oder Komplikationen wie Herzinfarkt.” Mitte der 90er brachte eine Kombinationstherapie Verbesserungen. „Heute sind es Nebenwirkungen wie Durchfall, Übelkeit oder Schlafstörungen, die wir meistens in den Griff kriegen, weil wir für die Zusammenstellung der Medikamente auf ein größeres Repertoire zurückgreifen können.”

Dennoch bleibt auch bei den neueren Präparaten die Langzeit- Verträglichkeit noch ein Rätsel. „Wir wissen nicht, wie es sich 40 Jahre lang mit HIV lebt, weil es diese Fälle noch nicht gibt. Aber das wird möglich sein. Da entwickelt sich eine große Gruppe, für die wir heute schon Vorsorge treffen müssen”, mahnt Behrens. Auch Pflege- und Altersheime sind auf die Bedürfnisse alter Menschen mit HIV noch nicht gut vorbereitet. „Die HIV-Medizin hat sich rasant verändert wie kein anderes Feld, aber beim Thema Aids im Alter stehen wir noch vor Neuland. Man muss einen langen Atem haben.”
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