Viele Gründer scheitern: Oft fehlt schon die richtige Geschäftsidee

Von: Anne Barthel, dpa
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Sie haben erste Schritte in die Selbstständigkeit gewagt: Nun sitzen die Jungunternehmerinnen Sophie Schendel und Brigita Bosotin im Gründungszentrum der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Foto: Anne Barthel/dpa/tmn

Wiesbaden/Berlin. Ob mit einem Kiosk, einer Baufirma oder einem Schreibbüro - jährlich machen sich tausende Deutsche selbstständig. Die wenigsten überstehen die Startphase. Trotz vieler Stolpersteine sagen zwei von ihnen: Gründen ist hart, aber auch ein ganz tolles Gefühl.

Tausende Deutsche machen sich jährlich selbstständig. Im ersten Halbjahr 2010 erhöhten sich laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden die Gewerbeanmeldungen um 5,2 Prozent auf rund 453.000 gegenüber dem gleichen Zeitraum 2009.

Dazu zählen Neugründungen, aber auch Verlagerungen, Umwandlungen und Übernahmen. Die Zahl der Abmeldungen sank dabei um 4,3 Prozent auf rund 356.000. Darunter gab es 157.000 Anmeldungen von Kleinunternehmen und 147.000 Abmeldungen.

Diese Zahlen zeigen: Nur die wenigsten jungen Unternehmen überleben die Startphase. Die Ursachen des Scheiterns in den ersten fünf Jahren sehen Forscher in einer unzureichenden Startfinanzierung. Das ermittelte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim in einer Studie für das Bundeswirtschaftsministerium.

Das ZEW analysierte 3000 Unternehmen zwischen 2006 und 2009. Fast drei Viertel der Jungunternehmen konnten mindestens einmal im Laufe ihrer Geschäftsaktivitäten die Gewinnschwelle überschreiten. Trotzdem gaben sie auf - genauso wie die, denen von Anfang an keine markttaugliche Geschäftsidee für ihr Unternehmen zugrunde lag.

Sophie Schendel und Brigita Bosotin haben es trotzdem gewagt. Die Jungunternehmerinnen machten sich mit einer Kommunikations-Agentur in Berlin selbstständig. Und das mit einer Summe, die nur im vierstelligen Bereich liegt. „Wir investieren oft viel Zeit in Probetexte, Ausschreibungen, Akquise - dazu gehört natürlich auch die Absage”, sagt Schendel.

Damit meint sie aber auch Absagen, die sie und ihre Partnerin selber treffen. Denn: „Wir lehnen auch Aufträge ab, wenn uns das Thema nicht interessiert.” Für Atomkraftwerke würden beide keine Werbung machen, dies widerspräche ihrer Lebenseinstellung. „Dann lieber hungern”, erklärt Schendel.

Die beiden Jungunternehmerinnen lernten sich in einer Fortbildung des Arbeitsamtes kennen. Sie erstellten einen Businessplan und reichten ihn bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) ein. Nach drei Wochen hatten sie ein Gutachten und somit einen Nachweis für die Arbeitsagentur. „Damit konnte ich einen Gründungszuschuss beantragen”, sagt Schendel.

Die Genehmigung dauerte nochmals rund einen Monat. Die Förderung muss laut Bundesagentur für Arbeit mindestens 90 Tage vor Auslaufen des Arbeitslosengeldes beantragt werden. „Außerdem müssen Sie die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten zur Ausübung der selbstständigen Tätigkeit darlegen”, heißt es dort. Bei begründeten Zweifeln könne die Agentur die Teilnahme an Vorbereitungskursen zur Existenzgründung verlangen.

Die beiden Unternehmerinnen entschieden sich für eine Unternehmergesellschaft - eine sogenannte Mini-GmbH. Wo wenig Kapital gebraucht wird, kann man mit dieser Unternehmensform gut fahren, bestätigt Thomas Diehn von der Bundesnotarkammer in Berlin die Entscheidung. Braucht man allerdings Maschinen oder Autos, so sei eine richtige GmbH-Gründung die bessere Wahl. Die Notarkosten für die Mini-GmbH lagen bei rund 50 Euro.

„Auf den Handelsregistereintrag beim Amtsgericht haben wir rund acht Wochen gewartet”, sagt Bosotin. Rund 100 Euro kostete dieser Eintrag. Teurer bezahlten die beiden ihre Erfahrung mit einer Steuerkanzlei. „Wir wollten die Unterlagen zum Handelregistereintrag überprüfen lassen, weil wir sie nicht verstanden haben”, sagt Bosotin. Dabei gerieten sie an eine Kanzlei, die ihnen sofort 237 Euro für die Beratung in Rechnung stellte.

„Im Vorfeld braucht man keinen Steuerberater. Gründungswillige sollten die kostenlosen Angebote der Kammern annehmen”, rät Alfred Töpper von der Stiftung Warentest, die Existenzgründungsportale im Internet unter die Lupe genommen hat. Informationen dazu finde man beispielsweise reichlich im Internet. „Das Portal vom Bundeswirtschaftsministerium ist brillant”, sagt Töpper - es schnitt im Test am besten ab.

Aber auch Veranstaltungen können weiterhelfen. Bei einem Besuch des „Gründertages” steuerten Bosotin und Schendel auf den Messestand der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) in Berlin zu. Zur HWR gehört seit Ende 2009 auch ein Gründungszentrum - nach eigenen Angaben eine „Experimentierfläche für Gründungsinteressierte”. Die beiden Frauen bewarben sich mit ihrem Businessplan, überzeugten im Gespräch und wurden im Förderprogramm aufgenommen.

Seitdem teilen sie sich eine Bürofläche mit anderen Jungunternehmern - Hip-Hop-Models, einem Öko-Pressereferenten, einem Öko-Textil-Vertrieb, einem Unternehmensberater und einem Online-Marketing-Unternehmen. Sie haben zwei Schreibtische, eine Gemeinschaftsküche, werden fünf Stunden im Jahr gecoacht und können umsonst telefonieren, sagt Schendel.

HWR-Professor Sven Ripsas arbeitet seit 1994 zum Thema Entrepreneurship. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Gründungsfinanzierung. „Gründer müssen eine Lernzeit am Markt einkalkulieren, bei der sie die Annahmen aus dem Businessplan überprüfen und ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln”, fasst er zusammen. Bei ihm bekommen all jene eine Chance, „die mit ihrem Businessplan aufzeigen, dass sie sich Gedanken gemacht haben”.

„Wir empfehlen allen Unternehmensgründern erst einmal ein PR-Konzept in eigener Sache”, sagen Schendel und Bosotin. Ihre Tipps: Jungunternehmer sollten sich in fachrelevante Vermittlungsportale - Stellenbörsen - auf sich aufmerksam machen. Sie sollten an Ausschreibungen teilnehmen und sich Netzwerke beispielsweise über Xing schaffen. Und ein eigener Internetauftritt ist natürlich immer noch die beste Visitenkarte.
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