München/Mainz - Seife, Socken und Eierbecher: Die neue Lust am Selbermachen

Seife, Socken und Eierbecher: Die neue Lust am Selbermachen

Von: Susanne Collins, dpa
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Seife, Socken und Eierbecher - Die neue Lust am Selbermachen
Nähen, steppen, entwerfen: Immer mehr Menschen wollen sich in ihrer Freizeit kreativ beschäftigen. Foto: Andrea Warnecke

München/Mainz. Die Deutschen brutzeln, nähen, hämmern und gärtnern wieder. Galten selbst gestrickte Socken oder zu Hause fabriziertes Quittengelee lange Zeit als altbacken und spießig, ist Selbermachen heute angesagt wie nie.

So zeigt eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos, dass fast drei Viertel der Deutschen zu Bohrer, Akkuschrauber und Wasserwaage greifen. „Wer mit den eigenen Händen etwas schafft, bekommt einen riesigen Selbstbewusstseinsboost. Dieser Trend ist die zwangsläufige Gegenentwicklung zur Konsumgesellschaft”, erklärt die Buchautorin Susanne Klingner aus München.

Sie hat im Selbstversuch ein Jahr lang Brot gebacken, Kartoffeln angebaut, Lavendel-Olivenölseife gemischt und sogar Schuhe geschustert. Ihr persönliches Highlight: „Meine Schuhe machen mich immer noch stolz, und mein Brot wird wie verrückt nachgebacken.” Klinger ist überzeugt: „Überhaupt macht Selbermachen glücklich.” Sie ist der Meinung, dass Gleichgesinnte, sogenannte Ökos, früher vielleicht mal belächelt wurden, doch inzwischen sei diese Lebenseinstellung cool. „Menschen, die kreativ sind oder versuchen, etwas selber zu schaffen, sind meistens arg mit sich im Reinen.”

Dem stimmt Prof. Jörg Mehlhorn, Vorsitzender der Gesellschaft für Kreativität in Mainz, zu: „Wer seine in sich schlummernde Kreativität weckt, entfaltet seine Persönlichkeit, erfährt tiefe Befriedigung und damit automatisch Glückszustände.” Behilflich bei dieser Glückstherapie können neben Kursen in Volkshochschulen oder Strickcafés auch Bücher und vor allem das Internet sein. „Meine Anleitung zum Sockenstricken kommt aus dem Netz”, erzählt Klingner.

Die neue Do-it-yourself-Coolness will jeder zeigen - und man kann sogar Profit daraus schlagen: Auf Jahrmärkten und Flohmärkten verkaufen normale Bürger ihr Selbstgezimmertes oder -gekochtes. Auch im Netz gibt es dutzende Möglichkeiten, mit anderen Selbermachern zusammen, das Produzierte an den Mann zu bringen. „Mit dem verstaubten Image kratziger Socken haben die neuen Selbstmachprodukte nichts mehr zu tun. Verantwortungsbewusster Konsum, Spaß und Kreativität stehen im Vordergrund”, sagt etwa Claudia Helming, Gründerin des Selbermachportals DaWanda mit rund 1,5 Millionen registrierten Nutzern. „Immer mehr Menschen erkennen zudem die Chance, dass sie durch ihr kreatives Talent einen Zuverdienst erhalten können.”

Solche Portale sind aber auch noch mehr: Dort werden neue Ideen diskutiert, Schnittmuster ausgetauscht, und Gleichgesinnte verabreden sich. Eine Selbermacherin im Netz ist Brit Bradt aus dem westfälischen Ibbenbüren. Die dreifache Mutter hat viele Jahre vor allem für Familie und Freunde gemalt, geplant und genäht. „Doch jetzt freue ich mich, dass ich meine Ideen mit anderen teilen und nebenbei ein paar Euro verdienen kann.”

Beim Selbermachen könne sie sich ausleben: „Wenn ich am Ende ein fertiges Bild, einen Kissenbezug oder einen Filzeierbecher in den Händen halte, und ich mich komplett auf eine Sache konzentriere, macht mich das glücklich.”

Der Anfang zum Selbermachen ist leicht. Buchautorin Susanne Klingers wichtigster Tipp für das von Mitmachern genannte „Do-it-yourself” oder kurz DIY: „Probier einfach aus, was du am tollsten findest. Dann such dir einen VHS-Kurs oder schau erst mal ins Internet, ob es Anregungen gibt. Jeder kann etwas selber machen.” Man greift einfach zur Stricknadel, holt eine Säge oder Staffelei hervor oder nimmt einfach nur die Bastelschere der Kinder in die Hand. Auch ein Einkauf auf dem Markt im Frühjahr kann inspirieren: Obst kaufen und Marmelade für die ganze Familie produzieren.

„Ich denke, dass Selbstmachen mehr ist als ein Trend. Es ist Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels”, sagt Klingner. Ein großer Unterschied zu früheren Zeiten sei: „Selbst gemachte Dinge sind nicht länger eine Lebensnotwendigkeit. Heute kann jeder für sich entscheiden, ob er oder sie etwas mit den eigenen Händen schaffen möchte oder doch lieber in den Supermarkt geht.”
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